Raubkatze an der Steckdose

JAGUAR - Traditionsmarke stromert mit dem I-Pace auf dem SUV-Markt

Nach Angaben des Herstellers soll der aktuelle I-Pace eine Reichweite von bis zu 480 Kilometern ermöglichen. Foto: Jaguar

28.09.2020

Mit dem i-Pace streckt sich Jaguar gleichzeitig nach zwei Kuchenstücken der Automobilbranche: SUV und Elektromobilität. Das 4,68 Meter lange vollelektrische Auto mit 294 kW/400 PS soll offiziell 480 Kilometer Reichweite nach dem neuen WLTP-Testzyklus erreichen.

Design
Bereits aus der Ferne ist der Neue zweifelsfrei als Jaguar erkennbar. Seine bullige Bugpartie und muskulös geschwungene Seitenlinien enden in einer jäh abfallenden Heckpartie. Langer Radstand, bis zu 22 Zoll große Felgen und kurze Überhänge vorn und hinten erinnern an Designstudien, die nie in Serie gingen. Im Zuge des die Elektromobilität beherrschenden Kampfes um mehr Reichweite wurde der Luftwiderstand des I-Pace in verschiedener Weise sichtbar verbessert. Ein Strömungstunnel führt Fahrtwind durch Kühlergrill und Motorhaube auf die Windschutzscheibe und von dort weiter über das Dach und unter dem Heckspoiler hindurch. Weitere leiten Luft von der Bugschürze in die Radkästen. Die Türgriffe fahren nur bei Bedarf heraus und fügen sich sonst nahtlos in die Karosserie ein. Trotz seiner SUV-Silhouette ist der Wagen mit 1,56 Metern Höhe einige Zentimeter niedriger als beispielsweise die zweite Generation der Mercedes-Benz A-Klasse.
   

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Unter dem Strich kommt Jaguar so auf einen Verbrauch von 21,2 Kilowattstunden auf 100 Kilometer, ähnlich viel wie Nissans meistverkaufter Elektro-Kompaktwagen Leaf. Bremsenergie-Rückgewinnung und Wärmetauscher an Akku und Motoren sorgen für weitere Verbesserungen. Bei Geschwindigkeiten unter 100 km/h und samtweichem Gasfuß scheint die Reichweite von 480 Kilometer tatsächlich erreichbar. Im Normalbetrieb wird man etwa ein Drittel abziehen müssen, in der kalten Jahreszeit mehr.

Antischall-Funktion
Der Wegfall des Verbrennungsmotors bedeutet nicht nur weniger Lärm und Vibrationen, gleichzeitig sinkt der Schwerpunkt, der Radstand kann vergrößert werden und der Innenraum nach vorn rücken. Die ohnehin geringe Lärmentwicklung und gute Geräuschdämmung wird durch eine Antischall-Funktion der Lautsprecher weiter verbessert. Der edel ausgestalteten Innenraum trägt zur komfortablen Fortbewegung bei. Ein Wermutstropfen ist die teilweise etwas umständliche Menügliederung und -bedienung über die beiden übereinander angebrachten berührungsempfindlichen Bildschirme in der Mittelkonsole.

Lässt man den 400 Pferden aus den beiden in Vorder- und Hinterachse integrierten Elektromotoren freien Lauf, beschleunigen 696 Newtonmeter Drehmoment das gut zwei Tonnen schwere Gefährt in 4,8 Sekunden von Null auf 100 km/h.

In schnellen Kurven äußert sich die veränderte Gewichtsverteilung: Statt auf den schweren, hoch und frontlastig eingebauten Motorblock verlagert sich das Gewicht auf den zwischen den Achsen in den Fahrzeugboden eingelassenen Akku. Ergebnis: eine bemerkenswert geringe Seitenneigung auch bei höheren Geschwindigkeiten.

90-kWh-Akku
Sollte auf einer längeren Fahrt ein Zwischenstopp erforderlich sein, lässt sich der 90 kWh-Akku aus Lithium-Ionen-Pouch-Zellen an einer Steckdose mit 100 kW Ladeleistung in 40 Minuten auf 80 Prozent bringen oder die Reichweite binnen einer Viertelstunde um 100 Kilometer verlängern. Bei den häufiger vorzufindenden 50 kW-Säulen verdoppeln sich diese Zeiten allerdings. Mit der Ladebox für daheim muss man sich zehn Stunden gedulden – und an einer Steckdose (2,3 kW) vergehen sogar 39 Stunden, bis ein leerer Akku wieder voll ist. Unterstützend in der Planung der Pausen hilft das Navigationssystem, indem es abhängig von Fahrweise und Route passende Ladestopps vorschlägt.

Wer den Jaguar I-Pace haben will, muss laut Liste 75 351 Euro in die Hand nehmen. Garantie für den Akku gibt es für acht Jahre bis 160 000 Kilometer Laufleistung und 70 Prozent der ursprünglichen Batteriekapazität.

Von Paul-Janosch Ersing