Wie eine Vermieterin aus der Wohnungssuche eines Geflüchteten Profit schlägt

Heilbronn  Hassans Wohnung ist in einem schlechten Zustand. Die Küche ist alt, das Bad schimmlig, Farbe bröckelt von den Wänden. Doch seine Vermieterin kassiert von ihm viel Geld. Trotzdem ist Hassan froh, nicht mehr in einer Sammelunterkunft leben zu müssen.

Hassan ist wie seine beiden Mitbewohner über eine Leiharbeitsfirma beschäftigt.

Die Einnahmen aus der Drei-Zimmer-Wohnung, knapp 80 Quadratmeter groß, nahe der Fußgängerzone in Heilbronn, haben sich schlagartig erhöht. Um stolze 45 Prozent. 750 Euro betrug die Kaltmiete bis vor gut einem Jahr. Einen Eigentümer- und Mieterwechsel später waren es fast 1.100 Euro. Sämtliche Zimmer hat eine Frau, die 60 Kilometer von Heilbronn entfernt wohnt, einzeln vermietet − jeweils zum Höchstsatz, den das Jobcenter an Hartz-IV-Empfänger für eine Wohnung bezahlt.

Ein Fall von Abzocke, findet Renate Rückert, ehrenamtliche Flüchtlingshelferin aus Heilbronn. Und bei weitem kein Einzelfall. Wohngemeinschaften aus Flüchtlingen sind für Vermieter lukrativ. Drei Zimmer, drei Mietverträge. 13,75 Euro pro Quadratmeter lassen sich so aus der Flüchtlings-WG von Hassan (27) herausschlagen, in anderen Fällen noch mehr. "Der Wohnungsmangel wird maximal ausgenutzt", klagt Rückert. Egal wie schlecht der Zustand ist. Die Küche in Hassans WG ist alt, Wände im Bad sind schimmlig, die Farbe an den Fenstern bröckelt, und beim Einzug, berichtet der Iraker, sei der Zustand der Wohnung noch sehr viel schlechter gewesen.

Hassans Vermieterin vermietet alle Zimmer einzeln

Die Vermieterin habe gar nichts gemacht, bestätigt Renate Rückert. Tapeten seien abgehangen, anfangs gab es nur zwei Hausschlüssel für drei Bewohner und noch immer haben die drei Flüchtlinge, die allesamt ein Bleiberecht haben, keine eigenen Zimmerschlüssel. Erst seit kurzem gibt es in jedem Zimmer einen Heizkörper. Die drei Zimmer sind zwischen zehn und 22 Quadratmeter groß. Doch egal, wie groß diese sind: Die Miete ist immer gleich − 364 Euro pro Person − mehr zahlt das Jobcenter nicht.

Hassan sagt, dass er die Deutschen noch immer nicht versteht. Das mit der Wohnung ist so ein Beispiel, die GEZ-Gebühr ein anderes. Warum er 17,50 Euro Rundfunkgebühren bezahlen soll, wenn er weder Radio noch Fernseher besitzt? Nachdem er anfangs arbeitslos war, ist der Iraker inzwischen wie seine beiden Mitbewohner über eine Leiharbeitsfirma beschäftigt. Um 6 Uhr beginnt seine Schicht in einer Fabrik in Zaisenhausen, kurz nach 5 Uhr geht die S-Bahn von Heilbronn, 76 Euro kostet das Monatsticket, knapp 1.100 Euro verdient er netto. Am Ende des Monats bleibe ihm kaum mehr Geld als er als Hartz-IV-Empfänger bekäme. Das lohne sich doch fast nicht, klagt er.

Sein Versuch, die Miete herunterzuhandeln, blieb erfolglos

Weil die Gesetze nun mal so sind, könne er sogar nachvollziehen, dass sich die Anstrengungen mancher Flüchtlinge in Grenzen hielten, überhaupt eine Arbeit zu suchen. Sein Versuch, nachdem er eine Stelle gefunden hat, die Miete herunterzuhandeln, bleibt erfolglos. Flüchtlingshelferin Renate Rückert sagt, das deutsche System mit Sozialleistungen, Steuern und Pünktlichkeit bei Terminen sei für viele Asylbewerber einfach fremd.

Hassan ist froh und stolz darauf, sich selbst zu finanzieren. Was ihm aber nicht in den Kopf geht, ist, dass das Arbeiten sogar Nachteile bringe. Flüchtlinge, die einen Job gefunden haben, seien auf dem Wohnungsmarkt so gut wie chancenlos, sagt er. Grund: Das Jobcenter überweist bei Hartz-IV-Empfängern die Wohnkosten direkt an die Vermieter. Das biete diesen eine Sicherheit, die jemand gar nicht bieten könne, der arbeite. Die meisten Flüchtlinge verdienten aber zum Berufseinstieg kaum mehr als den Mindestlohn. Wer noch in den Sammelunterkünften lebe und einen Job annehme, beraube sich selbst einer besseren Wohnungsperspektive, empört er sich.

Flüchtlinge, die einen Job gefunden haben, haben auf dem Wohnungsmarkt schlechte Chancen

Klagen wollen er und sein Bekannter Said, der ebenfalls in einer Heilbronner Flüchtlings-WG lebt und 364 Euro Kaltmiete zahlt, nicht. Es gehe ihnen schließlich besser. Die Zeit in der Sammelunterkunft im "Augärtle" im Heilbronner Industriegebiet sei dagegen schlimm gewesen: laut, ohne Privatsphäre, im Sommer heiß, im Winter stickig. Nachts sei das Licht automatisch angegangen, wenn ein Mitbewohner auf die Toilette musste.

Wenn er noch einmal eine Wohnung suchen müsste, sagt Hassan, würde er als erstes bei deutschen Vermietern suchen. Die seien als verlässlich bekannt. "Es gibt gerade viele Großfamilien, die legen ihr ganzes Geld zusammen, kaufen sich ein Haus oder eine Wohnung und holen finanziell heraus, was sie nur können", klagt Renate Rückert. Ohne Hilfe von Ehrenamtlichen findet kaum ein Flüchtling eine Wohnung. "Und am Ende müssen sie einfach nehmen, was sie bekommen können." Egal, wie der Zustand einer Wohnung ist.

Das sagt das Jobcenter

Bei der Wohnungssuche sind anerkannte Flüchtlinge und Einheimische gleichgestellt. Der Höchstsatz für Hartz-IV-Empfänger für eine Wohnung unterscheidet sich je nach Kreis enorm. Er beträgt für Alleinstehende in Heilbronn 364 Euro Kaltmiete. Wenn es sich bei den Mietern um eine Bedarfsgemeinschaft handelt, reduziert sich der zusätzliche Betrag für jede weitere Person deutlich. Bei einer dreiköpfigen Familie beträgt er 683 Euro. Werden Zimmer dagegen einzeln vermietet, − mit separaten Mietverträgen − lassen sich mit derselben Wohnung 1.092 Euro (3x364 Euro) erzielen. Ein gutes Geschäft. "Bei Vorlage des Mietvertrags prüft das Jobcenter, ob Mietwucher vorliegt", erklärte ein Sprecher. Maßstab hierfür sei "die Rechtssprechung der Zivilgerichtsbarkeit". Das Jobcenter sei aber nicht Vertragspartner des Vermieters und könne deshalb bei Verstößen nicht direkt gegen diesen vorgehen. Im Klartext: Der Suchende ist auf sich allein gestellt. 

 


Heilbronn

Übersicht zur Wohnungsnot in Heilbronn und Umgebung

Die Redaktion der Heilbronner Stimme hat Entwicklungen, Folgen und Lösungsmöglichkeiten zur Situation auf dem regionalen Wohnungsmarkt beleuchtet. In Interviews, Analysen und Schilderungen von Betroffenen blicken die Stimme-Mitarbeiter auf verschiedene Aspekte. 

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