Lichtet sich der App-Dschungel bei Bus und Bahn?

Heilbronn  Wer oft mit Bus und Bahn unterwegs ist, muss sich durch eine Vielzahl von Apps kämpfen, um das günstigste digitale Ticket zu ergattern. Das Verkehrsministerium im Land will das im nächsten Jahr mit einer eigenen App ändern. Der Heilbronner HNV will im Frühjahr eine eigene App starten.

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Wer seinen Fahrschein für Bus und Bahn auf dem Handy kauft, hat die Qual der Wahl: Viele Verkehrsverbünde bieten dafür gleich mehrere Apps an. Dazu kommen Apps wie der DB-Navigator, die in mehreren Verbünden genutzt werden können. 

In diesem App-Dschungel den günstigsten Preis zu finden, ist nicht einfach. So gewährt etwa der Stuttgarter Verkehrsverbund VVS einen Rabatt von fünf Prozent auf App-Tickets. Und die Zahl derer, die ihre Fahrkarte mit dem Smartphone kaufen, steigt: Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) gibt an, dass die Zahl der Handytickets in den vergangenen Jahren um ein Viertel gewachsen ist. Die Corona-Pandemie könnte diesen Trend noch befeuert haben: In Heilbronn konnten Pendler ihr Busticket während des Lockdowns im Frühjahr beispielsweise nur noch digital kaufen.

Karlsruher KVV mistet seine Apps aus

Der Karlsruher Verkehrsverbund bietet seinen Kunden derzeit noch fünf  verschiedene Apps an. Schon bald sollen es jedoch deutlich weniger sein, verrät Sprecherin Sarah Fricke. "Zum Fahrplanwechsel am 12. Dezember schalten wir KVV.ticket definitiv ab." Das sei die erste App gewesen, mit der Kunden ein Ticket im Raum Karlsruhe lösen konnten. "Inzwischen bietet diese App nicht mehr das, was Kunden möchten."

Auch die Funktionen der Auskunftsapp KVV.info und der KVV.mobil-App, in der neben Tickets auch Mietautos und Mietfahrräder gebucht werden können, sollen künftig in die neue App Regiomove eingebaut werden. Wann es soweit ist, steht laut Fricke noch nicht fest, beide Apps würden "mittelfristig" eingestellt. "Der Gedanke ist, dass man eine App schafft, mit dem der Kunde möglichst viele Produkte von uns nutzen kann."

 

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So soll Regiomove dann auch funktionieren: Bahn, Bus, Leihauto oder Leihfahrrad können direkt in einer App gebucht werden. Außerdem läuft künftig alles über den KVV, mehrere Zugangsdaten sind nicht mehr nötig. Neue Ideen sollen dann in die Regiomove-App eingebaut werden, wie etwa die sogenannte Homezone ("Heimatzone"). Dabei können Nutzer sich eine eigene Mobilitätszone festlegen, die unabhängig von den Waben des Verkehrsverbunds funktioniert und für diesen Bereich spezielle Tickets kaufen.

Neue landesweite App soll 2022 starten

Auch Landesverkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) will das Reisen einfacher machen und plant dafür eine neue App. Am Montag unterzeichnete er mit Vertretern der 22 Verkehrsverbünde eine Absichtserklärung, im kommenden Jahr ein Check-in/Check-out-System (abgekürzt mit "CiCo") zu schaffen.

Laut Verkehrsministerium soll die App mit dem Arbeitstitel "CiCo-BW" ab 2022 landesweit verfügbar sein. Reisende sollen bei Fahrtbeginn und bei Fahrtende in der App einen Button drücken und sich somit Ein- und Auschecken. Das System errechnet automatisch den günstigsten Tarif für die zurückgelegte Fahrt und stellt den Betrag in Rechnung.

"Bei 22 Verkehrsverbünden mit einer Vielzahl von Tarifangeboten leidet die Übersichtlichkeit für den ÖPNV-Nutzer", erklärt Babett Waschke, Sprecherin im Verkehrsministerium, den Gedanken hinter dem Vorhaben. "Da das Land die Fahrgastzahlen bis zum Jahr 2030 massiv erhöhen möchte, ist es jedoch wichtig, den ÖPNV so nutzerfreundlich und barrierefrei wie möglich zu gestalten." Die geplante App ermögliche es, ohne Kenntnis der Tarife zu reisen.

Eigene App vom Heilbronner HNV ist in Arbeit 

HNV-Geschäftsführer Gerhard Gross

Beim Heilbronner Hohenloher Haller Nahverkehr (HNV) stößt die Idee auf Zuspruch. Denn die geplante App funktioniert genauso wie das E-Ticket, nur dass dabei bisher noch eine Chipkarte für das Ein- und Auschecken notwendig ist. "Das wird nun ergänzt und erweitert durch das App-basierte E-Ticket", erklärt HNV-Geschäftsführer Gerhard Gross. Mit der neuen App könne man sich landesweit und innerhalb des HNV-Gebiets bewegen. 

Eine eigene Handy-App bietet der HNV derzeit noch nicht an, allerdings soll es im Frühjahr 2021 soweit sein. "Sie ist in Bearbeitung", sagt Gross. Außerdem verkauft der HNV seine Tickets seit Sommer 2018 aber über den DB-Navigator sowie im Netz.

Ein- und Auschecken ist kein neues Konzept

Das CiCo-System ist übrigens nicht neu. Zwischen 2011 und 2016 existierte mit "Touch and Travel" ein ähnliches Konzept, Reisende konnten sich per Handyortung, Scannen eines QR-Codes oder einer Haltestellennummer ein- und ausloggen, die App ermittelte anschließend den günstigsten Fahrpreis.

Nachfolger war die App "Ticket2Go", die ähnlich funktionierte, jedoch nicht in allen Verkehrsverbünden genutzt werden konnte. Im Heilbronner HNV, dem Stuttgarter VVS und dem Kreisverkehr Schwäbisch Hall konnten etwa nur Zugtickets auf diese Weise gekauft werden, in weiteren acht Verbünden im Land wurde sie nie eingeführt. Inzwischen ist auch "Ticket2Go" eingestellt.

Reisende brauchen künftig nur noch eine App

Die landesweite Akzeptanz ist laut Verkehrsministerium der Vorteil von "CiCo-BW". "Ab 2022 ist das System landesweit verfügbar und ermöglicht die Fahrt innerhalb aller Verbünde und darüber hinaus im integrierten BW-Tarif, was bei Touch and Travel und Ticket2Go nie erreicht wurde", erklärt Waschke.

Neben der Landes-App, die unter dem Bwegt-Logo läuft, können Verbünde das CiCo-System auch in ihre eigene App einbauen. QR-Codes oder Terminals zum Ein- und Auschecken sind nicht notwendig, erklärt die Sprecherin: "Der Check-In/Check-Out wird ausschließlich über einen Button in der Handy-App vorgenommen. Damit wird eine einfache und übersichtliche Bedienung garantiert und es entstehen keine zusätzlichen Kosten bei der Infrastruktur." 

Matthias Lieb (VCD) begrüßt die Pläne

"Es ist überfällig, dass das nun kommt", sagt Matthias Lieb, Landesvorsitzender des ökologisch orientierten Verkehrsclubs Deutschland (VCD). Die Vorgänger-Systeme seien in Baden-Württemberg von Fahrgästen gut angenommen worden, seien jedoch nicht flächendeckend im Einsatz gewesen. "Das zeigt: So etwas geht nur, wenn es landesweit angeboten wird. Es ist ein wichtiger Schritt, dass man nun vorankommt und eine klare Strategie hat." Er wünscht sich, dass auch der Fernverkehr eingebunden wird.

Aber was passiert mit den vielen Apps der Verkehrsverbünde, wenn "CiCo-BW" den besten Preis verspricht? "Die Zersplitterung in Baden-Württemberg ist ein grundsätzliches Problem", sagt Lieb. Die Unternehmen würden Fahrgäste lieber an sich binden, statt sie an eine andere App zu verlieren. Außerdem seien Fahrgast-Daten wichtig, um das Angebot zu verbessern. Lieb spricht sich dafür aus, mehr anonyme Daten zu analysieren. "Ein besseres Wissen über den Fahrgast ermöglicht ein besseres Angebot. Dafür sollten generell mehr Verkehrsdaten genutzt werden."


Christoph Donauer

Christoph Donauer

Autor

Christoph Donauer kümmert sich bei der Stimme um alles, was in Heilbronn, Deutschland und der Welt los ist. Seit 2019 ist er Redakteur für Politik und Wirtschaft. Davor war er als Journalist in Berlin, Brüssel, Dänemark und Stuttgart unterwegs.

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