Sind die Schulen bereit für den Unterricht?

Region  Am 14. September beginnt das Schuljahr, und alle Schüler sollen zurück in die Klassenzimmer kommen. Kann das gelingen? Unsere Autoren haben unterschiedliche Ansichten.

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Schon vor den Sommerferien konnten zumindest an den Grundschulen, wie etwa an der Silcherschule in Heilbronn, die Klassen ohne Abstand unterrichtet werden. Nach den Sommerferien gilt das für alle Stufen. Foto: Mario Berger

Pro von Yvonne Tscherwitschke

Kaum ein Lebensbereich hat sich durch das Virus so verändert wie die Schule. Daheim bleiben ohne Attest? Vor einem Jahr war so etwas noch völlig undenkbar. Sogar Oma Emmas 90. Geburtstag an einem Dienstag im 250 Kilometer entfernten Buxtehude war kein Grund, den Englisch-Unterricht am Nachmittag zu verpassen.  Bis vor einem Jahr eben. Da hat sich gezeigt, dass das (Schul-)Leben durchaus weitergehen kann, auch wenn man daheim die Vokabeln büffelt.

Es ist wie immer

Viel mehr noch: Das Virus hat gezeigt, dass das Prinzip Eigenverantwortung in Unternehmen wie in Schulen funktioniert. Und zwar in genau dem Maße, wie die Menschen dazu in der Lage und willens sind. Es gibt Kinder, die sagten, dass sie in der Zeit ohne den unbeliebten Klassenkasper in deutlich kürzerer Zeit sehr viel mehr gelernt haben als im Unterricht. Und es gibt aber natürlich auch jene Kinder, die trotz tausend Ermahnungen der Eltern und fünf Anrufen der Lehrer nichts Brauchbares aufs Papier und ins Dokument gebracht haben. Genau wie immer eben.

Es muss nachjustiert werden bei Bedarf

Corona hat alles verstärkt. Das Gute wie das Schlechte. Das Gute für die Schulen ist, dass die seither eher als schwerfällig und unbeweglich geltenden Frachtschiffe Schule eine seither unbekannte Agilität an den Tag gelegt haben. Freitags flatterten die neuen Anordnungen aus dem Ministerium auf den Schulleiter-Schreibtisch, montags waren sie in aller Regel umgesetzt. Und wo es nicht gleich gepasst hat, da wurde nachjustiert.

Finanzspritzen helfen

Lehrer haben sich  - wie Schüler auch - je nach eigenem Antrieb in die digitale Welt gestürzt. Nicht wenige Schulleiter haben in Schulterschluss mit dem Schulträger Endgeräte in großem Umfang bestellt. In einigen Fällen haben große Unternehmen vor Ort mit einer kräftigen Finanzspritze geholfen. Schließlich geht es auch für sie darum, in wenigen Jahren trotz Corona ausbildungsreife Mitarbeiter zu bekommen.

Individuelle Förderung

Schwierig ist es also überall dort, wo der Wille fehlt, das Beste aus der Situation zu machen. Schulen, die bereits mit einzelnen Infektionen zu tun hatten haben gezeigt, dass es funktioniert, den Präsenzunterricht für die einen und Homeschooling für die anderen zu machen. Und vor allem jene Schulen und Schüler, die schon immer großen Wert auf individuelle Förderung und eigenständiges Lernen (und die dafür nötige Ausstattung) geachtet haben, zeigten, dass es funktioniert.

Aus Fehlern lernt man

Eine funktionierende Schule kann man aber eben nicht allein am Umfang des vermittelten Unterrichts festmachen. Auch die Gemeinschaft leben und erleben gehört dazu, gemeinsam Dinge zu erkunden, sei es auf Ausflügen oder bei Klassenfahrten. Gemeinsames Üben für das stimmungsvolle Weihnachtsfest, den Auftritt beim Schulfest oder mit dem Chor gehören dazu. Deshalb ist es wichtig, dass so viel Normalität wie möglich zurückkehrt. Was normal ist, das lässt sich aber nicht mehr bestimmt sagen. Mit Corona haben alle vor allem eines lernen müssen: Man muss flexibel und schnell reagieren. Das muss nicht immer zu hundert Prozent funktionieren. Aber es funktioniert. Und aus Fehlern lernt man. Wie in der Schule eben.

 

 


Kommentar von Simon Gajer

Daran besteht kein Zweifel: Die einzelnen Schulen in der Region sind auf das neue Schuljahr vorbereitet. Genau markiert ist, wie alle Anwesenden in den Gebäuden zu laufen haben. Die Lehrer sind motiviert, die Klassen unterrichten zu können. Die Kinder freuen sich auf die Freunde. Jede einzelne Schule, jede einzelne Kommune hat das Größtmögliche getan, um für Corona gewappnet zu sein. Nur: All das, was vor Ort getan wird, kann nicht darüber hinwegtäuschen. Das System Schule steht vor großen Herausforderung. Das neue Schuljahr wird ein Kraftakt.

In der Schule erleben Kinder eigentlich ein ganz anderes Miteinander

Schule, das wird stets betont, soll mehr als Unterricht sein. Und genau das ist es, was jetzt weitestgehend wegbricht. Schule bedeutet normalerweise auch, dass Kinder ein Miteinander auf neuer Ebene erleben. Die jüngsten Grundschüler werden selbstbewusster und lernen normalerweise in den Pausen, sich gegen die Großen zu wehren und auch mal das Rutschauto oder die Schaukel für sich zu behalten. All diese Erfahrungen gibt es im Corona-Schulalltag nicht mehr. Die neuen Erstklässler können glücklich sein, wenn sie ältere Schüler durch die Fenster auf dem Gelände erspähen.

Das ist so gewollt: Alle Verantwortlichen, auch in Stuttgart, legen großen Wert darauf, dass sich die Gruppen nicht durchmischen. Das hat erst kürzlich wieder Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) laut einer Pressemitteilung betont: "Beispielsweise müssen wir feste und konstante Gruppen bilden." Damit könnten Infektionen zwar nicht verhindert werden, aber im Infektionsfall würden sich dann die Quarantänebestimmungen nicht auf die gesamte Schule auswirken. Eisenmann: "So muss zum Beispiel nicht sofort die ganze Schule geschlossen werden.“

Wo es jahrgangsübergreifende Gruppen geben darf

Das heißt: Jahrgangsübergreifende Gruppen sind nur mit ganz wenigen Ausnahmen zulässig. Die gymnasiale Oberstufe oder bereits jahrgangsgemischt zusammengesetzte reguläre Klassen finden statt. Außerdem darf es wieder Förderangebote sowie Religionsunterricht geben - sofern ein Mindestabstand von 1,5 Metern eingehalten werden kann. Das Kultusministerium betont ausdrücklich: "Diese Möglichkeit wird jedoch zunächst nicht für den AG-Bereich gelten."

In der Regel heißt das, dass man in der Schule nur die eigene Klasse sieht. Das war es dann.

Corona stellt die Gesellschaft vor große Herausforderungen. Rücksichtnahme bleibt wichtig, um sich und andere zu schützen. Nur sollte man darauf hinwirken, die Schulen wieder zu einem Ort mit besonderen Erlebnissen zu machen.

Rätselraten unter Lehrern: Wo ist die Unterstützung aus Stuttgart?

Klappt es mit dem Online-Unterricht, sollten Klassen oder einzelne Schüler dem Unterricht fernbleiben müssen? Ist die digitale Ausstattung endlich in allen Orten vorhanden, um auch jenen Familien kurzfristig einen Zugang zu ermöglichen, die sich kein eigenes Endgerät für ihr Kind leisten können? Es sind vielerorts noch zahlreiche Fragen offen, obwohl schon in wenigen Tagen der Unterricht beginnt. Zudem ist es erschreckend, was aus Reihen der Lehrer-Gewerkschaft GEW zu hören ist. Lehrer fühlen sich unzureichend vom Kultusministerium unterstützt, Schulverantwortliche seien auf sich alleingestellt.

Manchem fehlt eine klare Linie

Dazu passt auch, wie unterschiedlich Stuttgart derzeit die Grund- und weiterführenden Schulen behandelt. Lehrer und das übrige Personal an den weiterführenden Schulen bekommen Schutz-Masken vom Ministerium, die Grundschulen gehen leer aus - es sei denn, sie gehören zu einer Verbundschule, in der es auch Kinder ab Klasse fünf gibt. Lehrer, die auch in den kleinen Bildungshäusern vor Ort die Grundlage der schulischen Laufbahn legen, werden sich wieder einmal als Beamten zweiter Klasse fühlen. Doch gerade im Corona-Jahr darf es keine desillusionierten Lehrer geben. 

Corona wird im Schuljahr 2020/2021 mancherorts den Schulalltag lahmlegen. Eltern werden manchmal kurzfristig wieder zu Ersatzlehrern, wenn es zur Quarantäne kommt. Diese Vorsicht muss zu einer Gesellschaft gehören, in der man aufeinander achtet und die Würde des anderen respektiert. Das System Schule hat trotzdem noch Baustellen.

 


Yvonne Tscherwitschke

Yvonne Tscherwitschke

stv. Redaktionsleiterin Hohenloher Zeitung

Yvonne Tscherwitschke ist seit 1994 bei der Heilbronner Stimme. Als gebürtige Hohenloherin weiß sie, welche Geschichten die Hohenloher interessieren.

Simon Gajer

Simon Gajer

Autor

Simon Gajer kam im Jahr 2000 erstmals zur Heilbronner Stimme. Nach seinem Volontariat und einem Jahr als freier Journalist in den USA ist er seit Herbst 2003 zurück in der Region: Zurzeit sucht er nach spannenden Themen im nördlichen Landkreis Heilbronn, vor allem aus den Städten Neckarsulm, Möckmühl und Neudenau.

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