Mütter heute: Zwischen Kanzlerkandidatin und Mutti

Region  Annalena Baerbock will als zweifache Mutter Kanzlerin werden, ein Novum in der deutschen Geschichte. Ist dies das endgültige Zeichen für eine gleichberechtigte Gesellschaft? Oder extreme Ausnahme? Wir blicken zum Thema der Woche auf Mütter und ihre Belastungen und auf den Tag im Jahr, der ganz ihnen gewidmet ist: der Muttertag.

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Zweifach-Mutter und Kanzlerkandidatin: Annelena Baerbock steht sinnbildlich für eine Generation an Frauen, die Kinder und Karriere anstreben. Das ist aber in Deutschland immer noch nicht so einfach.

"Wie wollen Sie Kinder und Kanzleramt unter einen Hut bringen?" Diese Frage muss sich Armin Laschet oder jeder andere männliche Kanzlerkandidat mit Sicherheit niemals gefallen lassen. Annalena Baerbock von den Grünen, die ebenfalls für das Amt der Regierungschefin kandidiert, wird genau das gefragt. Nicht nur einmal. Nicht, weil Annalena Baerbock zwei Kinder hat, sondern weil sie Mutter ist. Die Frage sagt viel aus darüber, wie Mütter immer noch in unserer Gesellschaft wahrgenommen werden. Angela Merkel wurde als Frau anfangs wegen ihrer Kinderlosigkeit angefeindet. Trotzdem ist sie umgangssprachlich längst die "Mutti". Jetzt wird die Eignung einer potentiellen Nachfolgerin gerade wegen ihrer Mutterschaft in Zweifel gezogen.

Kind und Karriere?

Mutter zu werden ist heute in Deutschland oftmals eine bewusste Entscheidung von Frauen und kein unaufhaltsamer natürlicher Prozess mehr. Aber Mutter zu werden bedeutet deswegen auch, seinen Lebensentwurf genau zu planen. Die Entscheidung für Kinder ist immer noch zu oft mit der Entscheidung gegen eine Karriere verbunden. Mit der Folge, dass die Geburtenrate in Deutschland und Baden-Württemberg seit den 60er-Jahren stetig abgenommen hat. 

 Abbildung: Kinder je Frau in Baden-Württemberg von 1960 bis 2020

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Gut ausgebildete junge Frauen wollen beruflich voran kommen. Aber wenn Nachwuchs ins Spiel kommt, ist das von vielen Faktoren abhängig: Gibt es eine zuverlässige und flexible Kinderbetreuung (und bekommt man auch einen Platz)? Gibt es die Möglichkeit für flexible Arbeitszeiten? Erlaubt der Arbeitgeber auch in Führungspositionen Teilzeit? Oder ist die Gehaltslücke zwischen den Geschlechtern so groß, dass es steuerlich besser wäre, auf einen Alleinverdiener zu setzen? Der Realitätscheck im Gespräch mit der Frauenbeauftragten der Stadt Heilbronn, Silvia Payer, zeigt, dass die Rollenverteilung bei Paaren sehr schnell sehr traditionell wird, sobald Nachwuchs ansteht. Mit zum Teil gravierenden finanziellen Nachteilen für die Mütter, wie eine aktuelle Studie der Bertelsmann Stiftung belegt. Es ist zwar 2021 nicht unmöglich, als Mutter Kind und Karriere unter einen Hut zu bekommen und für das Amt der Kanzlerin anzutreten. Es ist aber nach wie vor sehr viel schwieriger als für Männer.

Wissenswertes zum Muttertag

Ein guter Anlass, den Muttertag, den wir am 9. Mai feiern, noch einmal genauer in diesem Wochenthema zu betrachten. Passt das damit verbundene romantische Bild der Mutter noch in unsere Zeit?  Ein Redakteur und eine Redakteurin erörtern jeweils ihre Sicht der Dinge, ob und wieso der Muttertag weiterhin gefeiert werden sollte. Genau so wie unsere Leser, die wir um ihre Meinung baten.

Tatsächlich erhitzte allein die Fragestellung die Gemüter  erheblich, besonders auf Facebook, was sich auch in den Kommentaren widerspiegelte. Der Muttertag wird verteidigt, als ginge es um ein wichtiges kulturelles Erbe. Aber ist er das überhaupt? Wir blicken auf die Geschichte des Muttertags: Wurde er wirklich von den Nationalsozialisten erfunden, um die "Gebärmaschine" Frau am Laufen zu halten? Das neu erworbene Wissen rund um den zweiten Sonntag im Mai können Sie dann auch in einem unserer beliebten Online-Ratespiele auf die Probe stellen. 

Außerdem erzählt eine junge Redakteurin von ihrem Verhältnis zu ihrer Mutter - und warum es dieser so schwer fällt, ihr erwachsenes Kind nicht mehr zu bemuttern. Frauen gehen oft ihn ihrer Mutterrolle auf. Und Frauen definieren sich immer noch zu oft darüber, ob und wie viele Kinder sie haben. Was macht das mit Frauen, die gerne Mutter geworden wären, aber es nicht konnten? Wie erleben sie den Muttertag? Wir blicken dazu auf die bewegende Geschichte einer Frau, die gerne Mutter eines Kindes geworden wäre, diesen Wunsch nach vier stillen Geburten aber schließlich aufgab. Heute ist sie vierfache Sternenmama und hilft anderen Müttern und Vätern, mit Fehl- oder Totgeburten umzugehen. 

Wertschätzung für die Fürsorge-Arbeit

Was uns der Muttertag aber auf jeden Fall lehren sollte ist, dass wir Fürsorge-Arbeit generell besser wertschätzen. Egal, ob sie ein Mann oder eine Frau macht, ob sie für die eigenen Kinder oder für fremde Kinder in Schule und Kitas erfolgt, ob man unentgeltlich das eigene Zuhause auf Vordermann hält oder ob man das in unsicheren Mini-Job-Anstellungen ohne soziale Absicherung für fremde Menschen in fremden Wohnungen tut. Gerade die Corona-Pandemie hat gezeigt, wie wichtig es ist, wenn Menschen sich in sozialen Berufen engagieren, wenn sie in Gesundheitsberufen an vorderster Front gegen das Virus antreten oder auch bei starker Ansteckungsgefahr weiterhin die Stellung hinter den Verkaufstresen halten. Gerade diese Berufe aber werden zu 80 Prozent von Frauen getragen. Vielleicht sollten wir aus dem Muttertag einfach einen Fürsorge-Tag machen und damit alle ehren, die sich für andere aufreiben. Am besten aber wäre es, diese Arbeit würde endlich das bekommen, was sie wirklich verdient: Eine anständige Entlohnung.


Christine Tantschinez

Leiterin Onlineredaktion

Christine Tantschinez ist seit Oktober 2020 als Leiterin der Online-Redaktion und stellvertretende Chefredakteurin bei der Heilbronner Stimme. Zuvor war sie in gleicher Position beim Zeitungsverlag Waiblingen. Mit drei Jahren durch die erste Atari-Konsole des älteren Bruders bereits digitalisiert, hat sie auch eine ausgeprägte analoge Seite: die Liebe zu Vinyl und Plattenspielern.

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