Ist der Muttertag eine Erfindung der Nazis?

Deutschland  Es ist ein hartnäckiges Gerücht, das jedes Jahr am zweiten Sonntag im Mai auftaucht, wenn Mütter an ihrem Ehrentag gefeiert werden: Haben die Nazis den Muttertag erfunden?

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Dieses Bild vom 13.8.1943 zeigt einen NS-Leiter aus Sachsen mit seiner Frau und seinen zwölf Kindern. Die Mutter trägt das "Mutterkreuz". Foto: Bundesarchiv, Bild 183-J15063 / CC-BY-SA 3.0

Mütter wurden im Dritten Reich als Volksheldinnen gefeiert, da sie den „arischen Nachwuchs“ hervorbrachten. Besondere "Gebärleistungen" von Müttern mit mindestens vier Kindern belohnten die Nazis mit dem Mutterkreuz. Die auch abfällig „Karnickelorden“ genannte Auszeichnung wurde zum ersten Mal am Muttertag 1938 verliehen.

Die besondere Rolle der Mutter war durch die Idee der „Rassenhygiene“ begründet. In der Geburtenpropaganda geht es aber nicht um Freiwilligkeit der Mutterschaft. Für „wertvolle“ Frauen setzte der Appell auf Soziales: „Geburtensoll“, „Opfer“ und vor allem „Pflicht“. In seiner Forderung nach einer 30-prozentigen Erhöhung der "Gebärleistung" betonte der nationalsozialistische Reichsinnenminister Wilhelm Frick in einer Grundsatzrede vom 28. Juni 1933 über "Bevölkerungs- und Rassenpolitik", "daß es sich dabei in erster Linie um ein erzieherisches, ein psychologisches und ethisches Problem" handle. Bei den Nazis ging es also am Muttertag nicht um Dankbarkeit und Liebe, sondern völkischen Rassenwahn, die Mutter wird eher als "Gebärmaschine" gesehen.

Warum wird also allem Feminismus zum Trotz der Tag auch heute in der Bundesrepublik gefeiert?

Die Ursprünge des Muttertags reichen viel weiter zurück: Verehrungsrituale lassen sich bis in die griechische Antike zurückverfolgen, wo die Titanin Rhea als kluge und fruchtbare Göttermutter ihre Kinder und Enkel immer wieder rettete.

In der Art, wie der Tag heute gefeiert wird, fand er in Europa schon mehrere Jahrhunderte vor der Nazizeit statt. Britische Historiker berichten vom Mothering Day, der in England auch heute noch als Mother‘s Day am vierten Sonntag der Fastenzeit gefeiert wird – in diesem Jahr fiel er auf den 14. März. Traditionell überreichen Kinder (auch Erwachsene) ihren Müttern kleine Geschenke, die die Liebe und Dankbarkeit für das ausdrücken sollen, was ihre Mütter für sie getan haben.

Feiertag ab dem 20. Jahrhundert

Den Muttertag am zweiten Sonntag im Mai begründete eine amerikanische Methodistin, die den Tag zum ersten Mal 1907 als Erinnerungstag für verstorbene Mütter feierte. Sie griff die Idee eines Ehrentags für Mütter wieder auf, die bereits durch die Frauenbewegung in den 1860er Jahren in den USA und Großbritannien entstanden war. Seit 1914 ist der Tag in den USA ein nationaler Feiertag.

Nach Deutschland kam der Muttertag dann Anfang der 20er Jahre – und zwar nicht als Bedürfnis, der Mutter an einem Ehrentag zu danken, sondern als Marketinginstrument der Blumenhändler. Der Verband Deutscher Blumengeschäftsinhaber warb ab 1922 in den Schaufenstern mit Plakaten mit Aufschriften wie „Ehret die Mutter“.

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Zum Feiertag in Deutschland erklärten ihn dann tatsächlich erst die Nationalsozialisten - und zwar im Jahr 1934. Die deutsche Historikerin Katrin Hausen, die als eine der Pionierinnen der Frauen- und Geschlechterforschung gilt, kritisiert, dass der Verband Deutscher Blumengeschäftsinhaber mit den Inhalten seiner Werbematerialien und der Ehren-Parole den Nazis die Vorlage bereitete. Sie bezeichnet den Muttertag in diesem Kontext als ein "Amalgam aus Geschäftsinteressen, sittlichen Ideen und Gesellschaftspolitik".

Auch heute mag man am Muttertag kommerzielle Interessen unterstellen, doch beim modernen Fest am zweiten Sonntag im Mai werden Mütter nicht auf ihre Reproduktionsfähigkeit reduziert, sondern als liebende, beschützende Person gefeiert, die auch bei Erwachsenen Kindern immer Mama bleibt.


Sarah Utz

Sarah Utz

Onlineredakteurin

Sarah Utz arbeitet seit Juni 2019 in der Onlineredaktion. Sie kümmert sich um die Inhalte von stimme.de und die Entwicklung eines neuen digitalen Angebots. Davor hat sie als Onlineredakteurin im Rems-Murr-Kreis gearbeitet.

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