Diese Unterrichts-App aus Heilbronn gibt es schon

Heilbronn  Zu Beginn der Corona-Krise hatte Kultusministerin Susanne Eisenmann eine Plattform für den digitalen Unterricht versprochen. Ein Heilbronner Startup hat nun eine Alternative entwickelt, die bereits im Einsatz ist.

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Eine Schulklasse sitzt in der Heilbronner Neckartalschule und lernt für die Fahrradprüfung. Das an sich wäre nicht weiter verwunderlich, hätten die Schüler nicht allesamt ein Tablet in der Hand. Ihre Aufgaben erledigen sie rein digital, mit einer Lernsoftware, die in Heilbronn entwickelt wurde.

Der Heilbronner Entwickler Waldemar Koch zeigt Schülerin Jana (10), wie sie die Lernsoftware "eKlassenraum" bedient. An der Heilbronner Neckartalschule ist sie testweise im Einsatz. Foto: Mario Berger

Die Anwendung "eKlassenraum" soll den digitalen Unterricht in Corona-Zeiten möglich machen. Die Schüler können sie im Klassenraum nutzen oder von zu Hause aus per Videoschalte teilnehmen. All das funktioniert über den Internetbrowser per Tablet, Handy oder Laptop. "Das geht auch mit älteren Geräten, es muss nicht das Neueste sein", sagt Waldemar Koch, einer der Entwickler der Lernplattform und Geschäftsführer des Startups Concept Hero.

Bisher keine App für Grundschulen und Sonderschulen

Ursprünglich wurde die Anwendung für Rechtsanwälte entworfen, die aus dem Homeoffice arbeiten. Durch ein Gespräch mit Suse Leder-Neumann vom Förderverein der Neckartalschule kommt Koch auf die Idee, daraus eine Lernsoftware für den Unterricht zu machen. "Es gibt so etwas bisher für Grundschulen und Sonderschulen nicht. Da war uns dann völlig klar, was wir tun mussten." Zusammen mit einem zehnköpfigen Team beginnt er, die Lernsoftware zu entwickeln.

Neben ihrem Stundenplan finden die Schüler auf dem Bildschirm ein Schwarzes Brett und eine Chat-Funktion, um mit anderen Kindern oder Lehrern zu schreiben. Lehrkräfte können Arbeitsblätter abfotografieren, in die Anwendung laden und Hausaufgaben verteilen. Die Schüler können mit dem Finger Fragen beantworten, Dinge einkreisen und ihre Aufgaben mit einem Klick abgeben. Lehrer können darauf reagieren und auf den Arbeitsblättern Anmerkungen machen oder Noten vergeben. Auch Elternbriefe können über die Software verschickt werden. "Das funktioniert alles vollkommen papierlos", sagt Koch.

App passt sich an Bedürfnisse der Schüler an

Auf den ersten Blick nicht sichtbar ist, wie anpassbar das Programm ist. Je nach Fähigkeiten der Kinder erscheinen nur die wichtigsten Funktionen, für fortgeschrittene Kinder können Lehrer weitere Funktionen freischalten. An einer sonderpädagogischen Schule (SBBZ) sei das besonders wichtig, erklärt Rektorin Susanne Kugel: "Wir haben ganz unterschiedliche Niveaus in den Klassen. Darauf müssen wir reagieren."

Ein Buch für alle Schüler, diese Zeiten seien lang vorbei. In ihren Klassen säßen Mathe-Asse neben jenen, die noch nicht mit Zahlen jenseits der 100 rechnen können. Sinnvoll sei etwa auch, dass alle Inhalte in verschiedene Sprachen übersetzt werden können, zum Beispiel Syrisch oder Türkisch. Das helfe Kindern, die wenig Deutsch sprechen. Kugel lobt außerdem, wie eng die Zusammenarbeit zwischen Schülern, Schule und den Entwicklern ist. "Die haben für alles eine Lösung." 

Heilbronner Lernsoftware entstand in wenigen Wochen

Die Heilbronner Unterrichtsanwendung ist in kurzer Zeit entstanden. Am 5. September trafen Schulleiterin Susanne Kugel und Entwickler Waldemar Koch aufeinander, wenige Wochen später ist die Anwendung bereits im Einsatz. Mehrere Komponenten aus früheren Projekten waren aber schon da, gibt Koch zu. "Insgesamt würde die Entwicklung wohl drei Jahre betragen."

Die Neckartalschule war beim Praxistest von Anfang an dabei, derzeit wird die Software an fünf weiteren Schulen in der Region getestet. Weitere sollen folgen, wenn es nach Waldemar Koch geht: "Wir haben die Fühler schon in andere Bundesländer ausgestreckt und sind mit Rheinland-Pfalz im Gespräch."

Land arbeitet an eigener Plattform

Auch in Baden-Württemberg wollen die Heilbronner Entwickler weitere Schulen ausstatten. Doch die Landesregierung arbeitet an einer eigenen Unterrichtssoftware, der sogenannten "Digitalen Bildungsplattform". Sie soll aus mehreren Bausteinen bestehen: Die Lernplattform Moodle, die Videokonferenz-Software Big Blue Button, der Messenger Threema und Microsoft-Office-Programme wie Word, Excel und Powerpoint sollen zu einer Anwendung zusammengeschweißt werden.

Ein Gutachten der Wirtschaftsprüfer von PWC sah dabei im April kein Problem, im Juli meldete Baden-Württembergs Datenschutzbeauftragter Stefan Brink jedoch Bedenken an. Es gebe "strukturelle Mängel des Produkts Microsoft Office 365", ein Abfluss persönlicher Daten zu Microsoft und damit in die USA könne nicht vollständig ausgeschlossen werden.

US-Geheimdienste können von Microsoft Daten verlangen

Datenschutzbeauftragter Baden-Württemberg
Baden-Württembergs Landesdatenschutzbeauftragter Stefan Brink. Foto: dpa

Das Problem: Der "Cloud Act" schreibt US-amerikanischen Unternehmen vor, dass sie personenbezogene Daten an die Geheimdienste weiterleiten müssen, wenn diese es verlangen. Unter der Trump-Regierung wurde diese Pflicht noch ausgeweitet, sie gilt nun unabhängig davon, auf welchen Servern die Daten liegen. Microsoft müsste als US-Unternehmen also auch Daten von Servern in Deutschland herausgeben.

Daher regt sich gegen die Pläne von Kultusministerin Eisenmann Protest. Der Chaos Computer Club fordert, Open-Source-Software von europäischen Unternehmen für den Unterricht zu verwenden. Teile der Grünen und die FDP-Fraktion melden Bedenken an. Eisenmann führte daraufhin zusammen mit Datenschützer Brink Gespräche mit Microsoft.

Digitale Bildungsplattform des Landes geht in den Testbetrieb

Nun soll eine speziell für den Einsatz an Schulen abgewandelte Version der Bildungsplattform an 20 bis 30 beruflichen Schulen erprobt werden. Der Landesdatenschutzbeauftragte beurteilt dann, ob die Software mit den Datenschutz-Gesetzen in Einklang steht und keine Daten in die USA abfließen. Das könnte allerdings noch bis 2021 dauern. Eisenmann erklärte, Datenschutz und Datensicherheit hätten "Vorrang vor Schnelligkeit". 

Dabei gäbe es mit "eKlassenraum" schon eine Unterrichtssoftware, bei der laut Entwickler Koch alle Daten in Deutschland bleiben. "Wir hätten auch gerne diese Lösung", sagt der 30-Jährige über seine Software. Für ihn spräche nichts dagegen, wenn sie als Alternative für Grund- und Sonderschulen genutzt werden, während weiterführende Schulen und Berufsschulen die Bildungsplattform des Landes verwenden. 

Susanne Eisenmann (CDU) spricht bei einer Pressekonferenz
Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU). Foto: dpa

Heilbronner Software kann Microsoft Office laut Kultusministerium nicht ersetzen

Aus Sicht von Susanne Eisenmann ist "eKlassenraum" ein "interessantes Projekt", erklärt ihre Sprecherin auf Anfrage unserer Redaktion. Sie habe sich Mitte November mit Waldemar Koch ausgetauscht, am Mittwoch fand ein weiteres Treffen statt. "Ziel ist es, ergebnisoffen über mögliche Synergien zu sprechen", heißt es aus dem Ministerium.

Bisher könne die Heilbronner Bildungssoftware Microsoft Office noch nicht ersetzen. "Funktional vergleichbare Komponenten stehen nach unserer bisherigen Kenntnis mit dem im Aufbau befindlichen eKlassenraum nicht zur Verfügung." Der Messenger Threema sei bewusst ausgewählt worden, weil ihn bereits 26.000 Lehrkräfte nutzen und er nicht auf den Einsatz an Schulen begrenzt sei. 

Aber käme die Software nicht als einer der Bausteine in Betracht? Derzeit nicht, erklärt Eisenmanns Sprecherin. Es könne noch nicht bewertet werden, ob sich die Anwendung aus Heilbronn für den Unterricht eigne, da sie nur in einzelnen Heilbronner Schulen im Einsatz sei. Außerdem müsse erst bewertet werden, ob ein landesweiter Einsatz möglich wäre. Es sei jedoch kein Problem, wenn Schulen mehrere Lernplattformen einsetzen und kombinieren. Die Digitale Bildungsplattform des Landes solle nur eine Erweiterung oder Ergänzung sein.

Einzelne Komponenten wie Moodle, Threema stünden bereits zur Verfügung. Bis die Plattform als gebündeltes Paket mit einem einzigen Zugang bereitsteht, könne es noch bis Ende 2021 dauern.

Nico Weinmann und FDP fordern Liste datenschutzkonformer Anwendungen

Der Heilbronner FDP-Abgeordnete Nico Weinmann kritisiert "die einseitige Fixierung der Kultusministerin auf Office 365". Schulen müssten aus systemoffenen, datenschutzkonformen Möglichkeiten auswählen können.

Nico Weinmann (FDP) spricht im Landtag von Baden-Württemberg
Nico Weinmann (FDP) spricht im Landtag von Baden-Württemberg. Foto: dpa

Am Donnerstag schlägt seine Partei deshalb per Gesetzentwurf vor, dass Digital-Entwickler beim Datenschutzbeauftragten eine Zulassung beantragen können. Gibt Stefan Brink seine Zustimmung, könnten Schulen die Software bedenkenlos einsetzen, so Weinmann.

Dadurch soll eine Positivliste entstehen, außerdem sollen Schulen ein digitales Budget für den Kauf von Software bekommen. "Mit dieser offenen Herangehensweise unterstützen wir auch die Innovationskraft in unserer Region, die bereits jetzt maßgeschneiderte IT-Lösungen für unsere Schulen hervorbringt.“

Heilbronner Entwickler hofft auf Unterstützung aus der Region

Und wie geht es mit "eKlassenraum" weiter? "Wir warten derzeit ab und hoffen auf Unterstützung aus der Region", sagt Waldemar Koch. Ihm schwebt vor, dass sich Unternehmen, Stiftungen oder andere Geldgeber zusammentun und die Weiterentwicklung der Software ermöglichen, unabhängig davon, ob es mit der Landesförderung klappt. "Denn es geht auch um deren Kinder. Wir wollen etwas Gutes für die Region tun, aus der Region heraus." Bisher sei eine siebenstellige Summe in das Projekt geflossen. 

Wenn sichergestellt sei, dass die App in der Breite ausgerollt werden kann, könne sie gezielt erweitert werden, erklärt der 30-Jährige: "Dann werden wir mit den Kindern Motorik üben, wir werden Graphen sehen und Empfehlungen geben." Funktionen, die Schulleiterin Kugel für sinnvoll hält. "Bisher war das nicht möglich." Und nicht nur das: Wenn es nach Koch geht, soll "eKlassenzimmer" auch nach Corona für einen digitalen Unterricht eingesetzt werden.


Christoph Donauer

Christoph Donauer

Autor

Christoph Donauer kümmert sich bei der Stimme um alles, was in Heilbronn, Deutschland und der Welt los ist. Seit 2019 ist er Redakteur für Politik und Wirtschaft. Davor war er als Journalist in Berlin, Brüssel, Dänemark und Stuttgart unterwegs.

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