Zwischen Mini-Roboter und indischem Gemüse

Heilbronn  Im Maker Space der Experimenta tüfteln junge Technikfans nach Herzenslust in Gemeinschaft. Von einem Laserprojekt über eine Lichtorgel aus Mate-Tee-Flaschen bis zu einer fahrbaren Küche reicht das Spektrum. Es kann spät werden, so mancher vergisst hier die Zeit.

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Kreativ darf es im Maker Space sein: Kevin spielt auf einer Ukulele aus dem 3-D-Drucker. Rechts sorgt eine Lichtorgel aus Mate-Tee-Flaschen für besondere Effekte. "Wir sind immer offen für neue Leute", sagt Mitarbeiter Joni über den Treff. Fotos: Tina Schulze

Es ist ein besonderer Kosmos mit viel jungem Tatendrang und Forschergeist. Ein großer Raum im alten Hagenbucher-Speicher der Experimenta, in dem junge Technikbegeisterte sich regelmäßig treffen, tüfteln, basteln, an neuen Ideen feilen, um nicht Alltägliches zu erschaffen.

Kreative Dinge aus dem 3-D-Drucker

Wer das erste Mal den Maker Space besucht, die offene Werkstatt für Tüftler ab 14 Jahren, ist überrascht von der Vielfalt an technischen Werkzeugen und Ideen. "Be creative", sei kreativ, steht in Handschrift auf einer schwarzen Info-Wand. Rund 15 Besucher sind an diesem Abend vor dem Corona-Lockdown versammelt, die alle an kleinen Projekten arbeiten.

Mit Dutzenden Mate-Tee-Flaschen in seitwärts aufgestellten Getränkekisten haben die jungen Kreativen eine Lichtorgel gebaut, die in verschiedenen Effekten und Farben leuchtet. Im Regal stehen Werke aus dem 3-D-Drucker: eine klingende Ukulele, ein kleiner Totenkopf, ein Satz moderner Schachfiguren in Grün und Rot.

Zwischen Mini-Roboter und indischem Gemüse

Am Versuchmodell, mit Laser ohne Kabel Textdateien zu übertragen: Tim (vorn) und Lukas mit Laptop, Diode, Oszilloskop.

Im Obergeschoss sind Tim und Lukas (beide 16) in Geräte vertieft. Sie versuchen, per Laserstrahl Textdateien direkt durch die Luft zu übertragen, ohne Kabel. "Das geht viel schneller, kann im Bereich von zwei bis drei Kilometern an viele Orte kommen", erklärt Tim. Sie tüfteln mit einer kleinen Diode und einem Oszilloskop, mit dem sie die gesendeten Daten auslesen. Zum Beispiel für die Arbeit von Archäologen im Feld könne diese Lasertechnik sehr hilfreich sein, erklärt Tim. Ein Jahr sind sie an dem Projekt schon dran.

Technik einsetzen, um neue Dinge zu erschaffen

Was treibt die Truppe an? "Eine Verfremdung von Dingen zu etwas Besserem" nennt Physik-Student Franz den Ansatz im Maker Space. Für Softwareentwickler Joni (28) ist es ein kreativer Umgang mit Technik, um Dinge zu erarbeiten, die "noch nicht verfügbar waren". Regelmäßig trägt jeder vor, woran er arbeitet, erhält Tipps von anderen, wo er noch ansetzen kann. Kevin hatte vorher mit Technik und IT nichts groß zu tun. Jetzt hat er in seiner Schule einen Schwerpunkt auf Informationstechnik gelegt.

Zwischen Mini-Roboter und indischem Gemüse

Volle Konzentration: Franz lötet einen Chip an einen Programmieradapter.

Die technische Ausstattung im Maker Space ist bemerkenswert. Neben 3-D-Druckern und Lasercutter, Standbohrmaschine und CNC-Fräse stehen Vakuumpumpe, Bandschleifer, Dekupiersäge, Stickmaschine, Lötstation, Präzisionsdrehmaschine, Schneideplotter, Powerbank, Camcorder oder Schnittrechner bereit. Wer hier auf den 450 Quadratmetern tüfteln will, muss dafür einen Geräteführerschein machen. Zudem werden eine Reihe von Workshops angeboten.

Etwa die Hälfte der Teilnehmer ist weiblich

Ein strikter Treff junger Männer? Von wegen. Etwa die Hälfte des 30-köpfigen Kernteams ist weiblich. Mit 14 kam Annika erstmals in den Maker Space. Jetzt ist sie 16, beschäftigt sich gerade mit einem Mini-Roboter samt Videokamera, der über eine Internetseite gesteuert in den Räumen bewegt werden soll. Per W-Lan sollen Besucher am Computer den Maker Space erkunden können, zu festen Zeiten, und nur mit Passwort natürlich. "Damit mehr erfahren können, was der Maker Space ist", erklärt die 16-Jährige. Sie fühlt sich in der Gemeinschaft wohl. Es sei spannend, gemeinsam "coole Sachen zu machen".

Zwischen Mini-Roboter und indischem Gemüse

Clara zeigt den Rohbau einer mobilen Küche auf Reifen. Auf der Veranda soll bald öfter mal gekocht werden.

Clara zeigt den Prototyp einer fahrbaren Küche, eine Idee, die sie mit Cora gemeinsam entwickelt hat. Da im Maker Space nicht gekocht werden kann, soll ein Holzgestell mit großen Lastenreifen helfen.

Ein Herd mit Induktionsplatten soll noch eingebaut werden. Eine einfache Spülschüssel samt Schlauch, die per Fußpumpe und Wassertank gespeist wird, liegt schon bereit. An ihre Körpergröße haben sie alles angepasst. Eine Lichterkette und ein Spiegel für Rezepte sollen noch dazukommen. Was dann auf der Veranda mal für die Gruppe gekocht werden soll? Chili ist eine erste Idee.

In einer Ecke steht etwas überraschend eine große Strickmaschine, ein Ausstellungsstück, das für den Nachhaltigkeitstag in Heilbronn gebaut wurde und mit Zahnradhilfe lange Wollschläuche produziert. Plötzlich weht Essensduft durch das Erdgeschoss, einige Tüftler haben sich ihr Abendessen bringen lassen. Es gibt Pizza, Nudeln mit Spinat, Lasagne oder indisches Gemüse mit Reis vom Lieferdienst. Es kann mitunter später am Abend werden im Maker Space - oder auch mal früh am Morgen. Manchmal, sagt Patrick (23), "ist man hier im Flow". Die Uhr wird da zur Nebensache.

Werkstätten als Angebot

Im Maker Space der Experimenta können Besucher sich auch in Werkstätten vertiefen. Es gibt eine Digitalwerkstatt, eine Elektronikwerkstatt, eine Medienwerkstatt mit Tonstudio, Kamera und Mikrofonen, eine Holzwerkstatt, eine Textilwerkstatt mit Maschinen zum Sticken und Nähen. Eine Metallwerkstatt wäre für Joni und Mitstreiter noch ein Wunsch. Schweißen zum Beispiel "wäre richtig gut". Nach dem erneuten Corona-Lockdown im November fiebern alle wieder einem Neustart entgegen.


Carsten Friese

Carsten Friese

Autor

Mit der Einführung des Euro kam Carsten Friese im Januar 2002 zur Heilbronner Stimme. Seine Schwerpunkte sind Verkehr, Gericht- und Polizeithemen, Wetter/Klima, Umweltthemen, Soziales, Heilbronner Stadtteile. Zudem leitet er das Thementeam Wissen.

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