Wenn die Straße einen Abend lang dem Rad gehört

Heilbronn  Bei der Critical Mass treffen sich Menschen in Städten weltweit, um gemeinsam Fahrrad zu fahren. Eine Demonstration soll es nicht sein, und doch gehört die Straße einen Abend lang den Radfahrern. Wir sind beim Heilbronner Ableger der Bewegung mitgefahren.

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Andreas Floris gibt mit Seifenblasen den Startschuss für die gemeinsame Ausfahrt.

Eigentlich sollte man hier nicht entlangfahren. So reagiert das Gehirn der meisten Radfahrer, die einmal durch die Obere Neckarstraße in Heilbronn gefahren sind. Spaziergänger, Restaurantgäste und Kellner machen die Strecke so gut wie unpassierbar.

Die Radfahrer der Critical Mass hält das nicht davon ab, die Route heute trotzdem zu wählen. Critical Mass, das ist eine Bewegung, die das Radfahren bewerben möchte. Einmal im Monat treffen sich die Teilnehmer und fahren zusammen eine Runde durch die Stadt. Solche Treffen gibt es inzwischen in vielen Städten weltweit. „Wir wollen einfach Fahrrad fahren und zeigen, dass wir da sind“, fasst es Andreas Floris zusammen. Er ist "einer der ersten Stunde" beim Heilbronner Ableger der Critical Mass, wie er sagt.

Der Trick: Zusammen dürfen die Radfahrer auch über Rot

Seit April 2013 treffen sich auch in der Autostadt Heilbronn Rad-Fans am ersten Freitag des Monats, um die Straßen auf zwei Rädern unsicher zu machen. Die Route wird spontan gewählt, erklärt Floris, ist aber in der Regel für jeden machbar.

„Wichtiger ist, dass man zusammenbleibt." Denn das ist der Trick der gemeinsamen Ausfahrt: Fahren mehr als 15 Radfahrer gemeinsam, bilden sie einen Verband, für den die Straßenverkehrsordnung eigene Regeln vorsieht. Die Gruppe gilt dann quasi als ein Fahrzeug. Radeln die Vorderen bei Grün los, dürfen die Hinteren auch dann noch über die Ampel fahren, wenn sie wieder Rot zeigt. 

Räder aller Art und Musik gehören dazu

Etwa 30 Radfahrer sind an diesem Abend gekommen, daher kann es losgehen. Dabei sind allerhand unterschiedliche Gefährte: Fixie- und Gravel-Bikes, Fahrräder mit Anhänger, Liegefahrräder und ein Tandem. Unter lautem Klingeln und tösender Musik setzt sich der Tross in Bewegung Richtung Neckarmeile. 

"Komm zum Essen vorbei, dann kannst du weiterfahren", sagt ein Kellner. Andere springen ängstlich zur Seite, der Rest guckt irgendwo zwischen verwundert und belustigt. Die Radfahrer tun ihr Übriges und klingeln, was das Zeug hält. Nachdem dieser Engpass geschafft ist, folgt gleich der nächste: die Götzenturmbrücke. Da sie inzwischen nur noch Fußgängern und Radfahrern gehört, ist das Drüberfahren aber kein Problem.

Schneller mit dem Fahrrad als mit dem Auto

In der Badstraße müssen mehrere Autos halten und den Fahrradverband durchlassen. Andere hupen die Radler genervt an oder fahren mit nur wenig Abstand vorbei. Es geht nach rechts in die Theresienstraße und die erste Ampel zeigt Rot. Okan Çakal ist zum ersten Mal bei der Heilbronner Critical Mass am Start. Früher habe er negative Erfahrungen mit dem Radfahren gemacht, damals sei sein Fahrrad nicht das beste gewesen. „Inzwischen habe ich ein gescheites Fahrrad, das ist eine gute Basis." Er glaubt, dass auch andere die Vorteile des Radfahrens erst mit einem guten Rad erkennen.

Sein Singlespeed hat einen Freilaufkörper, der auf der Nabe sitzt. Damit hat er nur einen Gang, weite Touren nach Stuttgart oder Heidelberg sind aber kein Problem, erzählt der 26-Jährige. "Viel mehr Autofahrer müssten sich aus ihrer Komfortzone bewegen", sagt Çakal und lacht. Das Fahrrad ist für ihn im Alltag nicht mehr wegzudenken. „Mit dem Fahrrad bin ich schneller auf der Feuerwache als mit dem Auto", sagt der Feuerwehrmann.

Miteinander fahren soll Aufmerksamkeit schaffen

Die Gruppe ist so klein, dass die Verbandsregel manchmal gar nicht nötig ist. Die Ampel zeigt lange genug Grün und alle können drüberfahren. In größeren Städten dauert es Minuten, bis alle Radfahrer über die Kreuzung sind. Vor dem Neckarturm beschließen die Vordermänner, ein paar Runden auf der Bahnhofstraße um die Stadtbahnhaltestelle zu drehen. Der übrige Verkehr steht, auch die heranrollende Bahn bremst ab. "Danke!", rufen mehrere Teilnehmer. Und ab aufs Buga-Gelände.

„Unser Thema ist das Miteinander“, sagt Andreas Floris, aus dessen Lautsprechern Musik tönt. Die Veranstaltung ist für jeden offen, betont er. „Und das ist ja auch eine gute Gelegenheit, die Stadt kennenzulernen." Wirklich politisch sei die Veranstaltung nicht, erzählt er. „Wir haben keine Forderungen an die Stadt. Unser Anspruch ist nur, dass man uns als Verkehrsteilnehmer wahrnimmt.“ Seine persönliche Motivation ist simpel: „Ich liebe einfach Fahrradfahren.“ Damit ist er in den vergangenen Monaten nicht alleine gewesen. „Corona hat gezeigt, dass viele aufs Fahrrad umsteigen wollen.“ 

Kuschelkurs mit dem Autoverkehr auf der Oststraße

Nach der Fahrt über das Buga-Gelände und ein paar Runden um den Kreisel am Europaplatz radelt die Gruppe auf die Oststraße. "Bleibt auf einer Spur", ruft es von vorne. Mehrere Autofahrer nutzen die Gelegenheit, um vorbeizurauschen. Mindestabstand? Fehlanzeige! So nah möchte man dem Autoverkehr unter realen Bedingungen nicht sein. Die Ausfahrt führt noch durch den wieder eröffneten Stadtgarten und endet schließlich am Flügelnussbaum, wo Floris noch ein paar abschließende Worte an die Radler richtet.

Critical Mass  Heilbronn
Nach mehreren Runden um den Flügelnussbaum am Heilbronner Stadtpark endet die Tour.

Markus Schlegl ist aus Mannheim angereist und war schon bei vielen Critical-Mass-Touren dabei. In Heilbronn war er zum ersten Mal. "Es war nett! Durch die Critical Mass kannst du eine Stadt mal ganz anders kennenlernen." Außerdem komme man schnell mit Gleichgesinnten ins Gespräch. Viel mehr will der 31-Jährige auch nicht von der Veranstaltung. "Ich finde nicht, dass die Mass politische Forderungen stellen sollte." Aus seiner Sicht müssten das Verbände wie der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) übernehmen.

Nicht nur die Critical Mass organisiert Ausfahrten

Die heutige Fahrt endet bei einem Abschlussgetränk im Fahrradladen von Engin Cakir am Wollhaus. Regina Jarowy erzählt, dass ihr Radfahren in der Gruppe am meisten Spaß macht. Sie war mit dem E-Bike bei der heutigen Tour, das aber nur eines von mehreren ihrer Fahrräder ist. Zusammen mit zwei weiteren Administratoren organisiert sie Radtouren über die Facebook-Gruppe „Radfahren(d) im Ländle“. „Es darf jeder mit, der es sich zutraut“, sagt Jarowy, die in Bad Friedrichshall wohnt.

Die Länge der Touren variiert, die Route wird relativ spontan ausgemacht. Zwischen 50 Kilometer und manchmal auch „Extremtouren“, wie mit 242 Kilometern sei alles dabei. „Natürlich ist bei uns auch jeder mit einem E-Bike willkommen“, sagt Jarowy. Wichtig sei jedoch: „Bei uns gilt Helmpflicht!“


Christoph Donauer

Christoph Donauer

Autor

Christoph Donauer kümmert sich bei der Stimme um alles, was in Heilbronn, Deutschland und der Welt los ist. Seit 2019 ist er Redakteur für Politik und Wirtschaft. Davor war er als Journalist in Berlin, Brüssel, Dänemark und Stuttgart unterwegs.

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