Der Mensch ist zum Laufen geboren

Wochenthema  Der tschechische Wunderläufer Emil Zátopek packte das veranlagte Talent der Spezies Mensch in einen simplen Satz: "Fisch schwimmt, Vogel fliegt, Mensch läuft." In Zeiten von Pizza-Taxis hat ausdauerndes Laufen keine überlebenwichtige Bedeutung mehr. Doch wir sollten unsere evolutionär bedingte Fähigkeit nicht ignorieren, sondern sie gezielt und systematisch trainieren und zwar aus unserem ureigensten Interesse.

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Seit dem Jahr 1905 wird in den USA Dipsea-Race gelaufen. Rekordteilnehmer ist John Kirk, genannt „Dipsea-Demon“ (Dipsea-Dämon). Zwischen 1930 und 2002 absolvierte er die nur zwölf Kilometer lange, dafür aber 1219 Höhenmeter umfassende Strecke 67 Mal. Bei seinem letzten vollständig absolvierten Rennen im Jahr 2002 war Kirk 93 Jahre alt. Sein Leitspruch lautete: „Man hört nicht mit dem Laufen auf, weil man alt wird. Man wird alt, weil man mit dem Laufen aufhört.“

Ein hohes Leistungsniveau lässt sich lange aufrechterhalten

Der 79-jährige Marathonläufer Karl-Ernst Rösner (r) läuft zusammen mit Trainingspartner Rainer Nowak (l) einen Weg entlang. Rösner ist mehr als 500 Marathons in seinem Leben gelaufen. Foto: Archiv/dpa

Der renommierte US-amerikanische Evolutionsbiologe Dennis Bramble hat Leistungskurven von Läuferinnen und Läufern beim New York Marathon untersucht. Dabei hat er festgestellt, dass die Zeiten bei Frauen wie bei Männern vom 19. bis 27. Lebensjahr kontinuierlich schneller werden, anschließend wieder langsamer. Auf das Ausgangsniveau fielen die Läuferinnen und Läufer allerdings erst mit 64 Jahren zurück.

Brambles Fazit: „Wir sind nicht nur richtig gute Ausdauerläufer, wir halten dieses richtig gute Niveau auch bemerkenswert lange. Wir sind eine Maschine, die zum Laufen geboren ist - und die Maschine geht nie kaputt.“ Für Bramble ist Laufen das Zaubermittel gegen sämtliche Zivilisationskrankheiten: „Bewegt einfach eure Beine. Wenn ihr nicht glaubt, dass ihr zum Laufen geboren seid, verleugnet ihr nicht nur die Geschichte. Ihr verleugnet auch euch selbst.“

In unserer heutigen Zeit besteht allerdings keine Notwendigkeit mehr, stundenlang einer Antilope hinterherzuhetzen, um das eigene Überleben zu sichern. Der Mensch hat es sich auf seiner Couch, in seinem Auto und auf seinem Bürostuhl bequem gemacht. Nur wenige nutzen ihre genetisch bedingte Laufbegabung und werden dafür nicht selten als Verrückte abgestempelt. Wozu die Maschine so weit hochfahren, wenn man es gar nicht muss“, lautet Brambles rhetorische Frage dazu.

Im Durchschnitt legen wir täglich nur 700 Meter zurück

Bis zum Anschlag muss die Maschine auch gar nicht hochgefahren werden, aber mehr als die 700 Meter, die ein Mensch hierzulande am Tag durchschnittlich zurücklegt, dürfte es schon sein. In unserem Online-Wochenthema soll es darum gehen, wie aller Lauf-Anfang leicht und verletzungsfrei gelingt. Das hat Lauftrainer und Bewegungstherapeut Matthias Heibel den Stimme-Redakteuren beim gemeinsamen Training im Heilbronner Pfühlpark gezeigt.

Bewegung spielt im Leben der Sulzbacherin Martina Heyder eine wichtige Rolle. Umso härter traf sie im Herbst 2020 die Diagnose ihres Arztes, dass sie wegen eines Knorpel-Totalschadens in in ihrem Knie das Laufen aufgeben müsse. Die 55-Jährige erzählt, wie sie es in zehn Monaten geschafft hat, wieder beschwerdefrei zu werden und Anfang Juli sogar den Halbmarathon in Zermatt angehen will: „Ich fühle mich wieder frei“, sagt Heyder.

Vor dem Laufen kommt das Gehen. Gerade Neu- oder Wiedereinsteiger sollten nicht mit überbordenden Erwartungen das Training aufnehmen. „Wenn ich so schnell laufe, dass ich mich dabei noch problemlos unterhalten kann, dann passt das“, lautet Heibels Richtschnur für das richtige Tempo. Wenn das nicht mehr möglich ist, dann ist eben Gehen angesagt. „Das ist keine Schande, sondern die richtige Herangehensweise“, erklärt Heibel.

Jeder kann laufen

Damit wäre schon mal ein Missverständnis aufgeklärt. Mit weiteren falschen Mythen zum Thema Laufen räumt Sabine Paul auf, leitende Oberärztin der Sektion Schmerztherapie im Klinikum am Plattenwald. Beispielweise wird die Frage geklärt, ob nüchtern laufen beim Abnehmen hilft. „Wenn ich danach einen Bärenhunger habe und mir den Bauch vollschlage, dann habe ich in Sachen Abnehmen nichts erreicht“, sagt Paul. Anfänger legen oft sogar an Gewicht zu, weil sie aktiven Muskelaufbau betreiben. Dass ihnen der guttut, lässt sich abseits der Waage feststellen: „Im Körper findet eine Umverteilung statt. Das merkt man daran, dass trotz des höheren Gewichts der Hosenbund nicht mehr spannt“, weiß Paul. Und auch die Medizinerin bestätigt das Eingangs-Postulat: „Jeder kann laufen“ – unabhängig vom Alter. 


Stephan Sonntag

Stephan Sonntag

Autor

Stephan Sonntag arbeitet seit Oktober 2008 für die Heilbronner Stimme. Nach seinem Volontariat wurde der gebürtige Westerwälder in die Sportredaktion übernommen. Dort ist er für Handball, Eishockey, Boxen und Rugby zuständig.

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