Wer wir sind: Innovative Verkäufer und Krämerseelen

Von Manfred Stockburger
Wer wir sind: Innovative Verkäufer und Krämerseelen

Die erste Lichdi-Filiale in der Lohtorstraße wurde am 5. Februar 1904 eröffnet.

Dass Heilbronn im zweifelhaften Ruf steht, eine "Stadt der Krämerseelen" zu sein, ist dem legendären Abschiedsgedicht von Paul Hegelmaier zu verdanken, der 1904 nach 20 konfliktreichen, aber wenigstens städtebaulich sehr produktiven Amtsjahren als Oberbürgermeister zurücktrat.

Die Ironie an dieser Geschichte: In Hegelmaiers Ära entwickelt sich die einstige Handelsstadt Heilbronn zu einer blühenden Industriestadt mit vielen rauchenden Schloten. Der Handel, der Heilbronn seit dem Mittelalter geprägt hatte, spielt nur noch eine untergeordnete Rolle, nachdem die Stadt 1815 mit dem Stapelrecht auch ihr Handelsprivileg am Neckar verloren hatte. Jetzt sind die Industriellen die Männer der Stunde.

Noch ironischer aber ist, dass wenige Tage nach Hegelmaiers explosivem Abschied ein Grundstein für Heilbronns heutigen Status als Weltmetropole des Einzelhandels gelegt wird: Am 5. Februar 1904 eröffnet Gustav Lichdi die erste Filiale seiner späteren Lebensmittelkette. Ohne die Gustav Lichdi AG wiederum ist der heutige Erfolg der Schwarz-Gruppe kaum vorstellbar.

 

 

Kolonialwaren

Das Geschäft, das Gustav Lichdi 1904 direkt neben dem von Hegelmaier verlassenen Rathaus gründet, ist ein normaler Kolonialwarenladen. Aber dabei bleibt es nicht: Lichdi expandiert rasant und gründet neue Filialen. Ende der 1920er Jahre bringt er sogar zwei fahrbare Geschäfte auf die Straße: Lastwagen, mit denen er auch kleinere Dörfer im Umland anfährt. Durch die Nazi-Zeit und den Zweiten Weltkrieg wird Lichdi zurückgeworfen, aber spätestens 1950 ist die Firma zurück, als sie in Heilbronn ihren ersten und Deutschlands zweiten Selbstbedienungssupermarkt eröffnet.

Wer wir sind: Innovative Verkäufer und Krämerseelen
Am 11. September 1984 schreibt Lidl & Schwarz mit der Eröffnung des Neckarsulmer Kauflands Handelsgeschichte. 30.000 Kunden drängten sich am ersten Tag durch den für damalige Verhältnisse unvorstellbar großen Markt. Fotos: Archiv, Stadtarchiv, dpa

Mit dem Selbstbedienungs-Konzept unterstreichen die Heilbronner Handelspioniere ihre Rolle als Innovatoren ihrer Branche. "Ich bin überzeugt, dass der Trend nach wie vor auf die Selbstbedienung hinläuft", sagt Juniorchef Diether Götz Lichdi 1958 der Stimme. "Diese Entwicklung ist nicht aufzuhalten." Er sollte recht behalten: Tante Emma gerät ins Hintertreffen.

Auch die Schwarz-Gruppe, die damals als einer von mehreren kleinen Großhändlern in der Stadt auf die Belieferung der kleinen Lichdi-Konkurrenten spezialisiert ist, muss sich neu orientieren. Anfang der 1960er Jahre steigt Dieter Schwarz in die Firma seines Vaters ein. Was beim großen Wettbewerber vor der Haustüre passiert, muss er damals sehr genau beobachtet haben. Unter anderem gründet Lichdi damals eine Drogerie-Kette und eine Discount-Sparte unter dem Namen Lidi: Lichdi-Discount.

Wettbewerb

1968 macht sich die Schwarz-Gruppe dann auch auf in die Welt des Einzelhandels. Nicht in Heilbronn, sondern in Backnang wird erste Handelshof-Verbrauchermarkt eröffnet, fünf Jahre später folgt der erste Lidl - in Ludwigshafen. So tritt man nicht in den Wettbewerb mit den Großhandelskunden vor der Haustüre.

In der offiziellen Lidl-Geschichtsschreibung wird der einstmalige Branchenprimus Lichdi trotzdem kaum auftauchen, weil das Unternehmen 1974 an den Wettbewerber Coop verkauft wird. Unter neuer Führung dümpelt die Firma mehr schlecht als recht vor sich hin, bis sie Anfang 1980 ganz in die Coop-Gruppe integriert wird. Aber auch im fast tragischen Verschwinden des Unternehmens nach 70 Jahren ist Lichdi ein Wegbereiter für die Schwarz-Gruppe, die in der Region kurz darauf als Einzelhändler aktiv wird: Lichdi hinterlässt Schwarz in seiner Heimatregion ein kaufmännisches Vakuum.

Wer wir sind: Innovative Verkäufer und Krämerseelen

Nicht nur regional, sondern weltweit ist Lidl heute Trendsetter im Handel.

Mit der Eröffnung des Kauflands in der Neckarsulmer Rötelstraße am 11. September 1984 bricht in der Stadt der Krämerseelen ein neues Handelszeitalter an. Die Kunden stimmen mit den Füßen, oder besser mit dem Gaspedal ab: Am Eröffnungstag bricht rund um den neuen Markt der Verkehr zusammen: 30 000 Kunden stürmen das erste SB-Warenhaus der Region und der Schwarz-Gruppe. 19 000 Video-Kassetten, 3000 Bügeleisen, 6000 Trommeln Waschpulver, 3000 Wäschetrockner, 5500 Küchenabfalleimer wurden an diesem Tag im Kaufland verkauft. Das sind unvorstellbare Mengen.

Weltmarkt

Heute ist es eine fast tägliche Erscheinung, dass Verkehr im Umkreis des Neckarsulmer Kauflands zusammenbricht. Längst sind dafür aber nicht mehr nur die Kunden verantwortlich, sondern auch die Mitarbeiter der Schwarz-Gruppe, die inzwischen mit einem Umsatz von 90 Milliarden Euro zum viertgrößten Handelsunternehmen der Welt aufgestiegen ist. Alleine in der Region beschäftigt das Unternehmen 12 870 Mitarbeiter. Europaweit gehört Lidl zum Straßenbild, demnächst werden die ersten Filialen in den USA eröffnet. Die Dynamik ist fast beängstigend. Oft drängt sich der Eindruck auf, dass das Unternehmen selbst erst langsam realisiert, wie groß und mächtig es mittlerweile geworden ist.

Alles Krämerseelen? Zuerst Lichdi und in den vergangenen Jahrzehnten natürlich Lidl und Kaufland haben die Welt des Handels in der Region und weit darüber hinaus kräftig durcheinandergewirbelt. Was Hegelmaier dazu zu sagen hätte? Über die Art seiner Amtsführung lässt sich trefflich streiten, aber wie er die Heilbronner Infrastruktur verändert hat, ist ähnlich revolutionär. Dass auch er sich damit nicht nur Freunde gemacht hat , lässt sich am turbulenten Abgang ablesen.

 

"Wer wir sind": Neue Serie ergründet im neuen Jahr regionale Identität

Je schneller sich die große Welt verändert, umso mehr stellen sich viele Menschen die Frage: Wer bin ich? Wo ist mein Platz? Was unterscheidet mich von den anderen? Antworten darauf möchte im neuen Jahr die Stimme-Artikelserie "Wer wir sind" geben.

Genau wie für die ganze Nation gibt es auch für die Region Orte und Gegenstände wie den Heilbronner Kiliansturm, die im regionalen Bewusstsein eine Rolle spielen. Die Automobilindustrie wird in den kommenden Wochen genauso vorkommen wie der Wein und die Landwirtschaft, das jüdische Leben und der vergangene Glanz des Bruckmann-Silbers. Anhand vieler solcher Elemente soll im Lauf der Serie ein Mosaik entstehen, das begreifbar macht, was Heilbronn und die Region - und die Menschen, die hier leben - besonders macht. Und auch, welchen Veränderungsprozessen wir uns stellen müssen.

Gefragt sind in der Serie "Wer wir sind" auch Ideen aus der Leserschaft: Was macht für Sie die Region aus? Welche Objekte in der Region sind mit Ihrer Identität verbunden? Die Stimme-Redaktion freut sich auf Ihre Zuschriften an stadtkreis@stimme.de 

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