Als das Zehntel 50 Pfennig kostete (09.09.2010)

Heilbronn - Heute ist der zweite Donnerstag im September. Womöglich werden einige eingefleischte Zehntelesschlotzer gewohnheitsmäßig den Marktplatz ansteuern − und prompt vor verschlossenen Ständen stehen.

Von Kilian Krauth
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Heilbronn - Heute ist der zweite Donnerstag im September. Womöglich werden einige eingefleischte Zehntelesschlotzer gewohnheitsmäßig den Marktplatz ansteuern − und prompt vor verschlossenen Ständen stehen. Eigentlich müsste um 17 Uhr das Heilbronner Weindorf eröffnet werden. Doch heuer beginnt das Fest erst morgen. Dafür läuft es über zwei Wochenenden. Anlass dazu gibt ein Festjubiläum. Das Weindorf kommt ins Schwabenalter. Es wird 40.

Ob durch die Ausdehnung von neun auf zehn Tage der Besucherrekord von 300.000 überschritten wird, sei dahingestellt. Der größte Weinreigen der Region überzeugt nicht durch Masse, sondern durch Klasse. Die Weinqualität ist prämierungsreif, die Gestaltung der Stände kommt einer kleinen Gartenschau gleich. Die Augen nicht verschließen kann man vor negativen Randerscheinungen am Wochenende.

Stammgast

So sieht es auch Karl Fischer. Der 67-Jährige zählt zu den Gästen der ersten Stunde und hatte nach eigenen Angaben "die ersten 30 Jahre keinen Fehltag. In letzter Zeit ist es mir manchmal zu viel geworden: vor allem an vollen Samstagen". Fischer hat das Weindorf von anno 1971 noch gut vor Augen.

Boxautohalle

Der erste Durchlauf wird anlässlich von Heimattagen parallel zum Heilbronner Herbst angeleiert. Während auf der Theresienwiese aus 0,5-Liter-Schoppen konsumiert wird, gibt man sich am Marktplatz feiner. Hier werden Zehntel gereicht: zum Preis von 50 Pfennig bis einer Mark. Herzstück ist eine mit Stühlen und Tischen ausgestattete Boxautohalle des Schaustellers Erich Grund. Dort sorgt ein junger Mann mit Hammondorgel und Trompete für Stimmung, der legendäre Seppel Schell. Drumrum stellen sieben Genossenschaften Häuschen auf: Heilbronn, Flein, Nordheim, Erlenbach, Lauffen, Talheim, Schwaigern. "Sie hatten 68, manche sagen auch 69 Weine im Ausschank", berichtet Marktmeister Matthias Proch. Abgerundet wird das improvisierte Dorf durch einen Imbiss- und einen Mandelstand.

Vom Erfolg der Veranstaltung sind alle überrascht. 1972 klinken sich Weinsberg und zwei Käsestände von Südmilch ein. 1973 feiert man erstmals in einem durch den Marktplatz-Umbau aufgehübschten Ambiente. 1974 folgt die erste große Dorferweiterung. Im Innenhof zeigt Grantschen Flagge, Drautz-Able mit Eberbach-Schäfer an der Lohtorstraße. 1975 sorgen Brackenheim, Dürrenzimmern und Bönnigheim für die Abrundung an der Rathausgasse. 1977 stoßen Göhring und Keicher hinzu, deren Stand inzwischen von G.A Heinrich und der Hochschule Heilbronn besetzt ist. Längst ist es eine Frage der Ehre, einen Standplatz zu besitzen. Rotationen im Imbissbereich sorgen dagegen weniger für Aufsehen.

Aussteiger

Der Sekt-Gemeinschaftsstand wird 1988 aus der Taufe gehoben. Als nach der Ausbootung von Eberbach-Schäfer und Bönnigheim immer mehr Wengerter anklopfen, schießen Gemeinschaftshäuschen aus dem Boden: Wein-Villa, Heilbronner Wengertersstand, Hohenlohe, Weinsberger Tal. Die Warteliste für den Einstieg ins Dorf umfasst damals 60 Betriebe aus ganz Württemberg. So wundern sich viele, dass dieses Jahr ein Elite-Weingut kurz vor Torschluss aus betriebswirtschaftlichen Gründen abwinkt: Fürst zu Hohenlohe-Oehringen. Ein Nachfolger ist bereits gefunden: 2011 kommt die WG Heuholz. Kein Wunder wäre es, wenn andere Betriebe diese Eilentscheidung nicht einfach so schlucken − und die Standesfrage im Weindorf einmal mehr zum Politikum wird.

Eröffnung mit Landesvater

Das 40. Heilbronner Weindorf wird am Freitag, 10. September, 16 Uhr, eröffnet. Selbst der baden-württembergische Ministerpräsident Stefan Mappus und die Deutsche Weinkönigin Sonja Christ haben zugesagt. Zwölf Genossenschaften sowie 17 Weingüter und Kellereien bieten bis 19. September 281 Weine an: 132 rote, 105 weiße und 44 Rosés. Zusätzlich gibt es an einem Gemeinschaftsstand 16 Sekte. kra


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