Warum Union und SPD am Wahltag so abgestürzt sind

Berlin  CDU, CSU und SPD sind bei der Europawahl tief gefallen. Aber weshalb? Einer ersten Analyse zufolge liegt der Grund nicht auf europäischer Ebene - sondern in Berlin.

Von dpa

Andrea Nahles
Die SPD-Vorsitzende Andrea Nahles will sich als Fraktionschefin zur Wahl stellen.

Das schlechte Ansehen der Parteichefs ist einer Analyse der Forschungsgruppe Wahlen maßgeblich für das schwache Abschneiden von Union und SPD bei der Europawahl verantwortlich. Auch beim Parteiansehen und der Bewertung der Regierungsarbeit in Berlin gebe es Defizite, teilte das Institut am Sonntag mit.

Demnach halten nur 16 Prozent der Befragten SPD-Chefin Andrea Nahles für hilfreich für das Abschneiden ihrer Partei. Auf einer Skala von minus fünf bis plus fünf Punkten kommt sie nur auf minus 0,2. CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer erreicht 0,6 Punkte, 22 Prozent halten sie für hilfreich für die CDU. Bundeskanzlerin Angela Merkel, die vor Kramp-Karrenbauer CDU-Chefin war, erzielt beim Image einen Wert von 1,3 - 2014 lag sie noch bei 2,3.

Arbeit der GroKo wird schlechter bewertet

Zwei von drei Befragten gaben zudem an, traditionell-konservative Positionen hätten bei der CDU zuletzt eine zu große Rolle gespielt. Die Arbeit der großen Koalition aus Union und SPD in Berlin wird deutlich schlechter bewertet als noch vor fünf Jahren. Auf einer Skala von minus fünf bis plus fünf liegt dieser Wert bei 0,5 - 2014 lag er noch bei 1,3. 42 Prozent der Befragten bemängelten zu wenig europapolitischen Einsatz der großen Koalition. Erstmals seien europäische Themen bei einer Europawahl für die Wähler wichtiger gewesen als die Bundespolitik, heißt es in der Analyse.

Die Grünen konnten in der Wählergunst deutlich zulegen. Jeder Zweite - auch in anderen politischen Lagern - ist der Forschungsgruppe Wahlen zufolge der Ansicht, dass die Partei für eine „moderne, bürgerliche Politik“ stehen. „Bei den Kompetenzen im Bereich Klimaschutz werden Union und SPD von den Grünen regelrecht deklassiert“, schreibt die Forschungsgruppe Wahlen.

Nach den Europawahl-Hochrechnungen von ARD und ZDF für Deutschland (ca. 20 Uhr) bleibt die Union zwar weitaus stärkste Kraft, verliert aber noch einmal stark auf 28,2 bis 28,4 Prozent (EU 2014: 35,4 Prozent; Bundestag 2017: 32,9). Noch weit schlimmer ist das Ergebnis für die SPD: Sie kommt mit 15,5 Prozent nur noch auf den dritten Platz (EU: 27,3; Bundestag: 20,5).

Die Grünen fahren mit 20,6 bis 20,8 Prozent ihr mit Abstand bestes EU-Ergebnis ein (EU: 10,7; Bundestag: 8,9). Die AfD bleibt mit 10,8 bis 10,9 Prozent etwas unter den Erwartungen (EU: 7,1; Bundestag: 12,6). Die FDP fällt mit 5,4 bis 5,5 Prozent weit hinter ihr Bundestagsergebnis (EU: 3,4; Bundestag: 10,7). Auch die Linke schwächelt mit 5,4 bis 5,5 Prozent (EU: 7,4; Bundestag: 9,2).


Hochrechnung für Baden-Württemberg

CDU und SPD haben bei der Europawahl in Baden-Württemberg ein Wahlfiasko erlebt, die Grünen hingegen gewannen deutlich dazu. Das geht aus der Hochrechnung des SWR vom Sonntagabend um 20.21 Uhr in Stuttgart hervor. Demnach erreicht die CDU 30,8 Prozent - das sind 8,5 Prozentpunkte weniger als 2014. Die SPD kommt nur noch auf 13,1 Prozent, was einem Verlust von 9,9 Punkten entspricht. Die Grünen gewannen hingegen 9,9 Punkte und kommen jetzt auf 23,1 Prozent.

Ihre Ergebnisse verbessern konnten auch die AfD mit jetzt 10,0 Prozent (plus 2,1 Punkte) und die FDP mit 7,1 Prozent (plus 3,0 Punkte). Die Linke kam auf 3,2 Prozent. Das waren 0,4 Prozentpunkte weniger. Die Wahlbeteiligung betrug der SWR-Hochrechnung zufolge 62,0 Prozent. Vor fünf Jahren waren es lediglich 52,1 Prozent. Das vorläufige amtliche Endergebnis der Europawahl in Baden-Württemberg wird ab 23.00 Uhr erwartet.

 


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