Gysi ruft eine kleine Revolution aus

Heilbronn - Gallionsfigur der Linken haut im Haus des Handwerks auf den Putz − 140 Unterländer hören die Signale

Von Kilian Krauth

Heilbronn - Als der Gründervater der Unterländer Linken, Hasso Ehinger aus Frankenbach, um 19.15 Uhr, in den Meistersaal des Haus des Handwerks blickt, erschrickt er. Nicht mal die Hälfte der Stühle ist besetzt. 140 Besucher hätten Platz, genau so viele wie die 2005 aus der Taufe gehobene Partei laut Geschäftsführer Florian Vollert (Weinsberg) heute zählt. Derweil freut sich ein rotes Urgestein, Johannes Müllerschön aus Offenau, über die Rückenstärkung der linken Promis: Sahra Wagenknecht kommt am Mittwoch nach Neckarsulm, Parteichef Klaus Ernst am 11. März auf den Kiliansplatz, Sympathisant Konstantin Wecker war schon da, Gregor Gysi ist noch auf dem Weg.

Rosa-Rot-Grün

"Gregor wird gegen 22 Uhr eintreffen", sagt Kandidatin Elke Ehinger um 19.30 Uhr am Rednerpult. "20 Uhr!" ruft ihr Ehemann in den Saal, der sich inzwischen fast gefüllt hat. Alle sind erleichtert. "Ohne uns gibt es keinen Wechsel", ruft die Heilbronnerin ins Mikro und spricht sich für eine Koalition aus, die sie Rosa-Rot-Grün nennt. Anschließend stellen sich die Kollegen aus den Wahlkreisen Eppingen und Neckarsulm vor, Peter Stender und Ralf Ritter. Gemeinsam hakt man das Parteiprogramm ab. Schließlich warnt Landes-Spitzenkandidat Roland Hamm Mappus, "die Region Heilbronn immer nur schön zu reden". Als Hamm zu Stuttgart 21 kommt, gibt ihm Ehinger zu verstehen: "Er ist da!" Mehrmals. Doch der IG-Metall-Mann hört die Signale nicht. Um 20.15 Uhr gehört das Mikro endlich der Hauptperson des Abends.

Gregor Gysi geht gleich ins Volle. "Eine kleine Revolution ist nahe", wenn es gelänge, die CDU nach 57 Jahren aus der Regierung zu stoßen. "Aber nur mit uns!" Danach würde auch Berlin wackeln. Natürlich setzt er Seitenhiebe gegen Mappus, Merkel und vor allem gegen Schröder. Doch Gysi bleibt bei seinen messerscharfen Analysen und Argumentationslinien nah bei der Sache. Er jongliert mit Zahlen, Fakten und Witzen.Lässig bringt er komplizierte Sachverhalte auf den Punkt: raus aus Afghanistan, Rente nicht erst mit 67, weg mit Hartz IV, besseren Bildungschancen für Arbeiterkinder, Volksdemokratie, kurzum: "Mehr soziale Gerechtigkeit!". Er schimpft über Millionäre, Mauscheleien und alles, was im Staate faul ist. Nur zu Guttenberg sagt er nichts. Zum Abschied der Appell: "Hört die Signale, verbreitet sie!" Dann verschwindet Gysi ab durch die Mitte.

Angst vor Outing

In der Raucherecke herrscht Einigkeit: "Gysi war gut wie immer", sagt Joachim Mai aus Brackenheim. "Ein rhetorisches Ass" nennt ihn der Heilbronner Jugendgemeinderat Jerome Skopek. "Ruhig ein bisschen radikaler" hätte ihn sich ein Bartträger gewünscht, der seinen Namen nicht nennen will. Über die Hälfte der von der Stimme Befragten will anonym bleiben. "Weil wir Sanktionen durch den Arbeitgeber fürchten, wenn wir uns als Linke outen", meinen eine Lidl-Mitarbeiterin und eine Angestellte im öffentlichen Dienst.