Analyse: Was am Ergebnis im Wahlkreis Heilbronn überrascht

Region  Franziska Gminder von der AfD hat es als Abgeordnete nach Berlin geschafft - als Direktkandidatin für den Wahlkreis Heilbronn war sie allerdings nicht nominiert. Es gab einige weitere Besonderheiten.

Von Iris Baars-Werner, Lisa Reiff und Christian Gleichauf
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Ein langer und mühsamer Wahlkampf ist zu Ende gegangen. Die Plakate werden abgehängt, hier das Team von Juratovic in der Heilbronner Oststraße.

Foto: Andreas Veigel

Als Josip Juratovic am Montag früh um sieben Uhr seine Mails checkte, wurde dem Gundelsheimer klar: Er bleibt Abgeordneter. Als der SPD-Mann um Mitternacht schlafen gegangen war, da hatte er sich bereits damit abgefunden, dass er nach zwölf Jahren seinen Abschied aus dem Bundestag nehmen muss.

Sein Platz 16 auf der Landesliste der SPD Baden-Württemberg wackelte in der langen Wahlnacht immer wieder. Um kurz nach vier Uhr stand fest: Die 16 Prozent der SPD im Land hatten für Juratovic gerade so gereicht.

Dabei hat sich Juratovic noch besser gegen den allgemeinen Trend gestemmt als viele andere SPD-Kandidaten. Sein persönliches Erststimmenergebnis übertraf das der SPD-Zweitstimmen im Wahlkreis Heilbronn um 5,5 Prozentpunkte. Jetzt kündigt er an, dass sich seine Partei wieder stärker für die Arbeitnehmerrechte einsetzt.

Nicht der Direktkandidat, sondern die Listenbewerberin geht nach Berlin

Völlig überrascht wurden viele im Wahlkreis Heilbronn von dieser neuen Bundestagsabgeordneten: Franziska Gminder von der AfD. Die 72-jährige Diplom-Kauffrau aus dem Heilbronner Osten, Betreiberin einer gewerblichen Immobilie mit 170 Mietparteien (Quelle: Wikipedia und AfD), war bei der Kür des AfD-Direktkandidaten im November 2016 Jürgen Koegel unterlegen. Koegel war im Wahlkampf der Kandidat der AfD, sein Gesicht war auf den Plakaten zu sehen, er trat bei den Podiumsdiskussionen im Wahlkreis auf, nicht Gminder.

Bei der Aufstellung der Landesliste im Januar 2017 aber hatte sich Gminder gegen elf andere Kandidaten durchgesetzt und hatte Platz elf der AfD-Landesliste erkämpft. Der sicherte der stellvertretenden AfD-Kreisvorsitzenden, die auch die Geschäftsstelle der Partei leitet, den Einzug ins Parlament.

Im Wahlkreis Heilbronn ist es nach Auskunft des Rathauses bisher noch nie vorgekommen, dass ein Listenbewerber nicht auch Direktkandidat ist. Unüblich aber ist es in der deutschen Parteienlandschaft nicht. SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz trat jetzt auch nur auf der Liste an und bewarb sich nicht direkt in einem Wahlkreis, ebenso der CSU-Innenminister Joachim Herrmann. Der Unterschied: Beide waren im Wahlkampf als Spitzenkandidaten ihrer Partei immer präsent und wahrnehmbar.

Wahlkreis Heilbronn beschert den Populisten beste Ergebnisse und hohe Zuwächse

Der Wahlkreis Heilbronn hat mit 16,4 Prozent das höchste AfD-Zweitstimmenergebnis in Baden-Württemberg. In zahlreichen Orten der Region hat die Partei auch bei dieser Wahl wieder bemerkenswert hohe Ergebnisse eingefahren. So lag der Anteil der AfD-Wähler in Bad Friedrichshall-Plattenwald bei rund 37 Prozent. In Neckarsulm-Amorbach waren es 30 Prozent. Im kleinen Ruchsen bei Möckmühl hat die AfD 28,4 Prozent der Erststimmen und 26,7 Prozent der Zweitstimmen bekommen.

Woher kommt die Haltung in dem Jagsttalörtchen? "Die Ruchsener sind eigentlich nicht unzufrieden", sagt Bernd Arnold (71). Nicht die, die in Ruchsen aufgewachsen sind, sondern die Zugezogenen hält er für die AfD-Wähler. "Man muss sich nur Möckmühl angucken", sagt Andreas Binhammer (55). "Wenn ich mit älteren Leute spreche, gibt es die Angst vor Überfremdung." Er denkt nicht, dass die AfD in Ruchsen aus Protest gewählt wurde. "Viele halten das für richtig, was die an vermeintlichen Lösungen anbieten." Er selbst würde die Parolen der AfD nicht unterschreiben.

Die Chancen der Jamaika-Koalition

Angesichts des hohen Anteils an AfD-Wählern würde sich künftig in Möckmühl nur jeder zweite von der Jamaika-Koalition vertreten fühlen. 50,6 Prozent der Wähler dort haben CDU, Grüne oder FDP gewählt. In Heilbronn sind es mit 53,6 Prozent nicht viel mehr. Ganz anders sieht es in Flein aus, wo sich zwei von drei Wählern für Schwarz, Grün oder Gelb entschieden haben. Das liegt in diesem Fall übrigens an dem starken Abschneiden der FDP, die an der 20-Prozent-Marke gekratzt hat.

Ansonsten liegen die drei Jamaika-Parteien zusammengezählt in Talheim, Beilstein, Ilsfeld und Erlenbach bei 64 Prozent und darüber. Im Verhältnis zum baden-württembergischen Durchschnitt sind CDU und Grüne im Raum Heilbronn - im Wahlkreis Heilbronn und im nördlichen Wahlkreis Neckar-Zaber - unterrepräsentiert.

 

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