Marc Jongen: Der Parteiphilosoph vermisst den Zorn

Kandidatenporträt  Der AfD-Landessprecher Marc Jongen hält Europa für gefährdet. Von Parteirechten distanziert er sich nur vorsichtig.

Von Reto Bosch

Der Parteiphilosoph vermisst den Zorn
Marc Jongen hat das Hölderlindenkmal in Lauffen zu seinem Lieblingsort im Wahlkreis erklärt. Der AfD-Politiker fühlt sich mit dem Dichter und dessen verklärender Sprache verbunden.Foto: Andreas Veigel

Vor vier Jahren hat es Dr. Marc Jongen nicht geschafft. Die AfD scheiterte bei der Bundestagswahl 2013 an der Fünf-Prozent-Hürde und mit ihr der studierte Philosoph. Damals im Wahlkreis Karlsruhe. Jetzt tritt Jongen, einer der führenden Köpfe der rechtspopulistischen Partei, im Wahlkreis Neckar-Zaber an. Aber nicht, weil ihn starke persönliche oder politische Bande mit der Region verknüpfen. Der AfD-Landessprecher entschied sich nach eigenen Angaben wegen der geringen Entfernung zu seinem Wohnort Karlsruhe für Neckar-Zaber. Und der Sympathie wegen, die er für die Dichter Friedrich Schiller (Marbach) und Friedrich Hölderlin (Lauffen) empfinde.

Marc Jongen ist innerhalb der AfD zuständig dafür, den Botschaften der aufgeheizten Straße ein intellektuelles Fundament zu geben. Schon die Rechtfertigung für die hasserfüllten Proteste von Pegida und Co. geraten zu einem philosophischen Exkurs. Der 1968 in Südtirol geborene Parteistratege greift auf die alten Griechen und den Dreiklang von Logos (Vernunft), Eros (Begehrlichkeiten) und Thymos (Zorn, Mut) zurück. Seinem favorisierten Denkmodell nach fehlt es den deutschen Politikern an jenem Thymos. "Wir verschaffen uns zum Beispiel nicht genügend Respekt gegenüber Einwanderern", sagt er im persönlichen Gespräch . Und dieser Mangel treffe auf Menschen aus anderen Kulturkreisen, die sehr viel bestimmter aufträten. Erst diese Schwäche habe dazu geführt, dass Demonstranten auf die Straße gehen. Wer mehr Zorn fordert, muss ihn auch kontrollieren. Doch das sieht Jongen nicht so. "Man gilt doch gleich als rechtsextrem, wenn man von der Bedrohung Europas spricht."

Jongen spitzt gerne zu und teilt aus

Der Parteiphilosoph vermisst den Zorn

Der vielbeschworene Untergang des Abendlands − übertreibt die AfD nicht maßlos? Soll damit nicht eine Stimmung geschürt werden, die ihr die Wähler in die Arme treibt? Jongen: "Seit Angela Merkel im September 2015 die Grenzen geöffnet hat, halte ich diese Formulierung nicht mehr für übertrieben." Der Philosoph streift rhetorisch geschickt durch die verschiedenen Themengebiete, scheut sich aber auch nicht, auszuteilen. Er hat Justizminister Heiko Maas mit der Stasi verglichen, die Bundesregierung mit der Reichsregierung, Angela Merkel bescheinigte er, dass nach Hitler kein Kanzler mehr derart großen Schaden angerichtet hat. "Oft muss man Dinge zuspitzen, damit es alle verstehen."

Einer besonders drastischen Form der Zuspitzung bedient sich der thüringische AfD-Landessprecher Björn Höcke. Warum positioniert sich Jongen nicht und befürwortet einen Ausschluss des immer wieder völkisch und national argumentierenden Höcke? Gewisse Aussagen seien zwar rügenswert, aber nicht so gravierend, dass sie einen Ausschluss rechtfertigten. Das könne schlimmstenfalls zum Bruch innerhalb der AfD führen. Der Großteil der Äußerungen Höckes sei in Ordnung. "Mediale Inszenierungen" hätten zu Missverständnissen beigetragen. Kritisch sieht der Kandidat, dass sich mehrere AfD-Untergruppen organisiert haben. Auf der gemäßigten Seite die "Alternative Mitte", am anderen Ende des Spektrums zum Beispiel "Der Flügel". Wo steht Jongen? Er weicht aus, spricht davon, dass er sich als Vermittler sieht und man einheitlich agieren müsse.

Proteste an der Uni

Marc Jongen arbeitet als Dozent an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe. Als sein AfD-Engagement bekannt wurde, gab es Proteste von Studenten. "Von den Medien verstärkt", wie Jongen betont. Die Situation habe sich inzwischen beruhigt. In Karlsruhe arbeitete er im Übrigen als Assistent des Philosophen Peter Sloterdijk. Auch dieser hatte den altgriechischen Thymos, den Zorn, thematisiert. Doch Sloterdijk grenzt sich ab. Der "FAZ" gegenüber sagte er: "Mit dem AfD-Ideen-Müll habe ich nichts zu tun." Jongen räumt ein: Das Verhältnis sei abgekühlt.