Was wir in Zukunft essen werden

Region  Wie werden wir uns im Jahr 2035 wohl ernähren? Die selbstständige Köchin Lisa Rechkemmer aus Heilbronn wagt ein Gedankenexperiment. Laborfleisch und deutlich mehr Hülsenfrüchte gehören dazu.

Email
Lisa Rechkemmer lebt seit sieben Jahren vegan. Die Ernährungsberaterin und Köchin aus Heilbronn zeigt, wie wir uns im Jahr 2035 auch ohne Fleisch ausgewogen ernähren können. Foto: Mario Berger

Der Duft von frischen, saftigen Fleischküchle zieht von der Küche hinüber zum Esstisch. Ein besonderer Tag bei Familie Mustermann aus Musterstadt - seit zehn Jahren gibt es lediglich einmal im Monat Fleisch. "Laborfleisch" um genau zu sein. Denn seit Eshchar Ben-Shitrit 2021 das Start-up Redefine Meat gründete, gibt es bei Mustermanns heute, im Jahr 2035, fast nur noch tierfreies Fleisch aus dem 3D-Drucker.

Für den Fleischersatz entnimmt man einem Tier (unter lokaler Betäubung) einige Muskelzellen. In einem sogenannten "In-vitro-Verfahren" werden daraus Muskelzellen für die Fleischproduktion gezüchtet. In einer Nährlösung vermehrt man die Zellen, bis sich Muskelfasern und ganze Muskeln bilden - sogenanntes kultiviertes Fleisch.

Die Vision der Ernährungsexpertin

Was heute noch nach Science-Fiction klingt, ist ein Teil von Lisa Rechkemmers Vision, wenn es darum geht, wie wir uns im Jahr 2035, in gerade einmal 14 Jahren in Deutschland ernähren werden. "In meiner Idealvorstellung wird es in jedem Haushalt fast nur noch pflanzliche Alternativen zu aktuell bestehenden tierischen Produkten geben", wagt die selbstständige Ernährungsexpertin einen Blick in die Zukunft.

"Ein Stück Biokäse oder aber Honig aus Frankreich als Urlaubsmitbringsel sind dann die Ausnahme." Die 29-Jährige kann sich gut vorstellen, dass im Labor gezüchtetes Fleisch in wenigen Jahren für Verbraucher, "die weiterhin Fleisch verzehren möchten, durchaus akzeptabel sein könnte".

Massentierhaltung zerstört Bodenfruchtbarkeit und Artenvielfalt

Was wir in Zukunft essen werden

Schon heute verbraucht die Massentierhaltung fast die Hälfte der weltweiten Landfläche und ein Viertel des Frischwassers. Sie zerstört nicht nur Bodenfruchtbarkeit und Artenvielfalt. Die Welternährungsorganisation FAO schätzt, dass die Fleischproduktion mittlerweile den Verkehrssektor überholt hat - was den Ausstoß von Klimagasen angeht. Doch die Menge des globalen Fleischverzehrs wird sich bis zum Jahr 2050 noch einmal verdoppeln, warnt die FAO.

Denn die aufstrebenden Schwellenländer kopieren den westlichen Lebensstil. "Wir essen heute so viel Fleisch, dass die Ressourcen auf vielen Ebenen wirklich an die Grenzen kommen. Und Klima, Wasserqualität, Bodenqualität, das sind alles Themen, bei denen wir neue Antworten brauchen", sagt Lisa Rechkemmer, die sich als gelernter Plantbased Chef and Nutritionist auf die vegane Küche fokussiert hat.

Anteil der Vegetarier und Veganer in Deutschland

Was wir in Zukunft essen werden

Zehn Prozent der Deutschen ernähren sich heute schon vegetarisch und ein Prozent vegan. Sagt der Vegetarierbund. Verglichen mit Indien, wo sich 38 Prozent rein pflanzlich ernähren, ist das noch nicht viel. Doch auch der Bundesverband der Deutschen Fleischwarenindustrie stellt fest, dass der Fleischverzehr in Deutschland seit 1990 langsam abnimmt.

Seit 2014 ernährt sich Lisa Rechkemmer rein pflanzlich. "Auch an pflanzlichen Milch- und Joghurtalternativen auf Pulverbasis wird gearbeitet", erklärt die Heilbronnerin. Warum Pulver? "So könnte eine Menge Verpackungsmüll gespart werden", so Rechkemmer.

Ernährungscoaches wünschen sich mehr Experimentierfreude in der Küche

Was wir in Zukunft essen werden

Während bei Familie Mustermann in der Zukunft die Fleischalternative auf den Tisch kommt, versuchen Ernährungscoaches wie Rechkemmer Menschen wieder mehr an natürliche Produkte, idealerweise regionale und saisonale Lebensmittel, heranzuführen. "Erbsen- und Karottengemüse hängen jedem irgendwann zum Halse raus", so die Köchin. Sie wünscht sich mehr Experimentierfreudigkeit in der Küche. Tomaten und anderes Gemüse könne man im eigenen Garten oder aber auch in Hochbeeten auf dem Balkon anbauen. Rechkemmer schält weder ihre normalen noch Süßkartoffeln. Auch Kiwis isst sie mit der Schale.

Statt Agavendicksaft schlägt die sportliche junge Frau vor, mit Datteln zu süßen. Die Nährwerte von Datteln können sich sehen lassen. Der Kaloriengehalt ähnelt dem von Rosinen und Feigen. Datteln sind aufgrund ihres natürlichen Zuckergehalts ein perfekter Energielieferant. Ebenso sind sie reich an Antioxidantien, die positiv zur Gesundheit beitragen können.

Was wir in Zukunft essen werden
Gebackene Tomaten und Blumenkohl mit Mandel-Dattel-Couscous, Minz-Joghurt und Sesam-Tofu. Foto: Mario Berger

Schulspeisungen und Kantinen müssten Vorreiter im Umdenken werden, so Lisa Rechkemmer. Ähnlich, wie es der VW-Konzern vor einigen Wochen vorgemacht hat. Anfang August ging allerdings ein Aufschrei durch die Republik, als bekannt wurde, dass in den Kantinen des Automobilherstellers die Currywurst abgeschafft werden sollte. Dabei wird es die Kult-Wurst weiterhin geben - nur eben als vegane Variante.

Lediglich ab und zu soll noch Fisch das Angebot erweitern, ansonsten kommen die zirka 150 Gerichte in der Werkskantine ohne Fleisch aus - etwa in Form von Gemüse-Bowls, Currys, Pastagerichten oder Burgern mit Patties aus Jackfruit oder Auberginen. So wie vielleicht überall im Jahre 2035.

Neben den Lebensmitteln selbst wird sich in den nächsten zehn, 15 Jahren auch einiges am Konsumverhalten ändern müssen, so Rechkemmer. "Immer und überall sollen die Regale gefüllt sein, damit wir ständig auf jegliche Lebensmittel zugreifen können", so die Ernährungsberaterin. Eine Alternative für diese Überproduktion seien Foodsharing-Programme oder aber Lebensmittelspenden an Tafeln.

Und Lisa Rechkemmer ergänzt: "Außerdem wäre es wichtig, dass viel mehr Menschen verstehen, dass die Genießbarkeit eines Lebensmittels nicht vom Mindesthaltbarkeitsdatum abhängig ist."


Rezept für gebackene Tomaten und Blumenkohl mit Mandel-Dattel-Couscous, Minz-Joghurt
& Sesam-Tofu

Zutaten 4-5 Portionen

Tomaten und Blumenkohl:
6 Tomaten
1 kleiner Blumenkohl
8 Knoblauchzehen
1 rote Zwiebel
Einige Zweige Thymian
4 EL Olivenöl
½ - 1 Chilischote (optional)
Salz, Pfeffer

Couscous:
250g (Vollkorn-)Couscous
4 Datteln
40g Mandeln
1 kl. Bund Petersilie, glatt
1 Bio-Zitrone, Schale und Saft
1 EL Paprika- oder Tomatenmark
Salz
Ras El Hanout, oder andere exotische Gewürze
100g Kichererbsen, Linsen, Bohnen (aus dem Glas oder vorgekocht)

Tofu:
200g Tofu natur, z.B. Taifun
1 TL Rohrohrzucker
40ml Sojasauce
2 EL Sesam
1 EL Kokos- oder Olivenöl

Joghurt:
200g Sojajoghurt natur, z.B. Sojade
Salz, Pfeffer
½ Biozitrone, Schale und Saft
Einige Blätter Minze

Zubereitung

Blumenkohl putzen, waschen und in mundgerechte Stücke teilen.
Tomaten waschen, vierteln und Stielansatz herausschneiden.
Knoblauchzehen schälen. Zwiebel ebenfalls schälen und in Spalten schneiden.

Thymianzweige waschen und in eine große Auflaufform legen. Tomatenviertel und Blumenkohlstücke abwechselnd nebeneinander hineinsetzen. Knoblauchzehen und Zwiebelspalten dazwischen hineinstecken. Chilischote in Ringe schneiden und darüber verteilen. Salzen, pfeffern und 4 EL Olivenöl darüber verteilen. Im Ofen bei 190 Grad Umluft für 45 Minuten backen. 

In der Zwischenzeit den Couscous mit ½ TL Salz in eine große Schüssel geben. Den Couscous mit derselben Menge kochendem Wasser übergießen. Datteln, Mandeln und Petersilie hacken, Zitronenschale abreiben, Saft auspressen und alles zum Couscous geben. Paprikamark und Ras El Hanout zugeben und mit den Händen vermengen. Hülsenfrüchte untermischen.

Den Tofu in Mundgerechte Stücke oder Stifte schneiden. In 1 EL Kokosöl knusprig anbraten. Dann 1 TL Rohrohrzucker hinzufügen und kurz karamellisieren. Mit Sojasauce ablöschen, einreduzieren lassen. Herdplatte ausschalten und in 1-2 EL Sesamsamen schwenken.

Alle Zutaten für den Joghurt in einem hohen Mixbecher mit dem Stabmixer pürieren.


Milva Klöppel

Milva-Katharina Klöppel

Autorin

Aus dem hohen Norden kam Milva-Katharina Klöppel 2007 zur Heilbronner Stimme. Nach ihrem Volontariat übernahm die Hamburgerin den Bereich Jugend. 2019 entwickelte Klöppel zusätzlich das regionale Umweltmagazin Reiner. Seit 2021 ist sie nun wesentlich für Nachhaltigkeitsthemen sowie das junge Projekt "Zeitung in der Schule" (Zisch) des Medienhauses zuständig.

Kommentar hinzufügen