"Man hat mehr Zeit zum Antworten"

Interview  Durch technische Möglichkeiten wie E-Mail oder Messenger-Dienste werden immer mehr Informationen digital verschickt. Das direkte Gespräch entfällt. Professorin Dr. Angela Grimm von der Goethe-Universität Frankfurt am Main erklärt die Unterschiede zwischen Gesagtem und Gesprochenem.

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Durch technische Möglichkeiten wie E-Mail oder Messenger-Dienste werden immer mehr Informationen digital verschickt. Das direkte Gespräch entfällt. Professorin Dr. Angela Grimm von der Goethe-Universität Frankfurt am Main erklärt die Unterschiede zwischen Gesagtem und Gesprochenem.

 

Professorin Dr. Angela Grimm von der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Foto: privat

Was ist der Unterschied zwischen Geschriebenem und Gesprochenem?

Angela Grimm: Da gibt es viele Unterschiede. Zum einen ist geschriebene Sprache grundsätzlich archivierbar und in gleicher Form immer wieder verfügbar. Geschriebenes ist zudem nicht an eine konkrete Gesprächssituation gebunden: Sie können Texte auch später lesen oder noch einmal lesen. Das ist beim Telefonieren anders. Wenn ich einen gesprochenen Satz noch mal sagen würde, würde ich ihn niemals genau in der gleichen Weise wiederholen. Das Schriftprodukt hebt diese Flüchtigkeit auf.

 

Was ist die Eigenheit des Sprechens?

Grimm: Man spricht ja üblicherweise direkt miteinander. Sie können mich unterbrechen, Sie können nachfragen oder nachhaken, wenn etwas nicht ganz klar ist. Genauso nehme ich Ihre Hörersignale wahr, wenn Sie mich beispielsweise bestätigen oder sich vergewissern wollen. Man schaut auf Gestik und Mimik. Diese Möglichkeiten hat man beim Geschriebenen nicht.

 

Was sind denn die Vorteile bei einer Unterhaltung?

Grimm: In der gesprochenen Sprache hat man die Möglichkeit, sich vor und während des Gesprächs an den Gesprächspartner oder die Gesprächspartnerin anzupassen. Das hat man in der geschriebenen Sprache nicht. Allein das macht geschriebene Sprache häufig schwerer verständlich.

 

Wie meinen Sie das konkret?

Grimm: In der gesprochenen Sprache spricht man anders. Sätze sind oft kürzer oder man lässt mal ganze Satzglieder aus. Man gibt dem Gegenüber die Gelegenheit, Sätze zu ergänzen, oder korrigiert sich. Man spricht elliptisch. Beispiel: Wenn wir miteinander sprechen und ich Sie frage: Was haben Sie heute gemacht? Dann würde Sie vielleicht antworten: gearbeitet. Schreiben würde man: Ich habe gearbeitet.

 

Gibt es auch Texte, die einfach zu lesen sind?

Grimm: Nehmen Sie Whatsapp- oder SMS-Nachrichten. Die sind eher gesprochen sprachlich. Dort würden Sie auch auf die Frage antworten: gearbeitet.

Wie ist es mit der Wortwahl beim Sprechen?

Grimm: Wenn wir sprechen, verwenden wir andere Wörter oder Ausdrücke als in der geschriebenen Sprache, zum Beispiel Redewendungen. Die gesprochene Sprache ist da sehr variabel. Wir haben verschiedene Register, beispielsweise ein offizielles oder auch ein privates. Vom Gesprächspartner oder von der -partnerin mache ich abhängig, wie ich ein Gespräch aufbaue, welche Wörter ich verwende. Und wir verwenden oft Füllwörter wie "ähm" oder "ich sag mal".

 

Und beim Schreiben?

Grimm: Das Geschriebene hat eine deutlich höhere Informationsdichte. In Pressemitteilungen werden oft Formulierungen verwendet, die man im Gesprochenen nicht gebrauchen würde. Beispiel: zur Anwendung kommen. Hier würde man "verwenden" oder "benutzen" sagen. In der Schrift haben wir zudem deutlich mehr Nebensätze. Die Schrift wirkt aber auch auf die gesprochene Sprache zurück.

 

Ein Beispiel.

Grimm: Wenn Sie beispielsweise eine Rede halten, verwenden Sie mehr Nebensätze, als wenn Sie sich mit Ihrer Nachbarin unterhalten. Oder die Schrift beeinflusst die Lautwahrnehmung: Viele denken, dass sie am Ende des Wortes Bad ein d hören, weil man das Wort so schreibt. Tatsächlich spricht man ein t.

 

Mit welchen Folgen?

Grimm: Man spricht beim Geschriebenen auch von der Sprache der Distanz. Das Gesprochene ist die Sprache der Nähe. Beim Verfassen von Pressemitteilungen kann und will man keine kommunikative Nähe herstellen. Beim Schreiben das zu treffen, was der Fragende wissen wollte und das verständlich auszudrücken, ist nicht so einfach. Normalerweise kennt man ja bei Pressemitteilungen sein Gegenüber nicht.

 

Was unterscheidet die beiden Ausdrucksformen noch?

Grimm: Endungen werden beim Sprechen verschluckt. Ein Beispiel ist das Wort "haben". Das e wird nicht gesprochen. Ausgesprochen klingt "haben" gekünstelt. Aber das Verschlucken der Endungen ist völlig okay.

 

Welchen Vorteil hat es, auf Pressefragen eines Journalisten schriftlich zu antworten, anstatt das persönliche Gespräch zu suchen?

Grimm: Zunächst einmal die Distanz: Die Befragten sind für Sie als Journalist als Person nicht greifbar. Das kann ein Vorteil für die Befragten sein, gerade wenn es um unangenehme Themen geht. Außerdem hat man mehr Zeit zum Antworten. Man kann sich genau überlegen, was man schreibt und den Wortlaut noch von jemand anderem absichern. Die Kommunikation hat einen offizielleren Charakter, weil Sie die Antwort in genau dieser Form veröffentlichen oder weiterleiten können. Es ist hinterher schwerer zu sagen: Das habe ich so nicht gesagt.

 

Ich habe den Eindruck, dass sich unsere Unterhaltung im Vergleich zum Beginn verändert hat.

Grimm: Sehen Sie, wir sind uns im Laufe des Gesprächs vertrauter geworden. Das passiert in der geschriebenen Sprache auch, dauert aber länger und ist deutlich schwieriger.


Jürgen Kümmerle

Jürgen Kümmerle

Reporter

Jürgen Kümmerle ist Redakteur im Reporterteam der Heilbronner Stimme. Diese Einheit berichtet über das tagesaktuelle Geschehen in der Region und kümmert sich um investigative Recherchen.

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