Ein kritischer Blick hilft, seriöse Nachrichten zu erkennen

Berlin  Eine Berliner Studie zeigt: Viele Menschen können nicht sicher zwischen seriösem Journalismus, Meinungsmache und Werbung unterscheiden. Wir haben Tipps, wie man kompetenter im Netz zurechtkommt.

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Im Internet geht die Übersicht in der Nachrichtenflut gerne mal verloren. Aufwendig recherchierte journalistische Artikel stehen neben Werbeartikeln oder erfundener Meinungsmache, sogenannten Fake News. Soziale Netzwerke wie Facebook, Twitter und Instagram verstärken diesen Trend, Beiträge unterscheiden sich dort kaum, egal, von wem sie verbreitet werden. Blicken Nutzer da noch durch?

Die Berliner Stiftung Neue Verantwortung hat dazu eine repräsentative Studie durchgeführt. Teilnehmer absolvierten einen Test, der unterschiedliche Kenntnisse zum Umgang mit Informationen im Netz abfragte.

Ist der Geschäftsführer eines Vergleichsportals für Flüge eine objektive Quelle zum Thema Fliegen? Bemerken Nutzer, wenn ein Beitrag von Faktencheckern als "Falschinformation" gekennzeichnet wurde? Würde man ein Video ungesehen weiterleiten? Wer solche Fragen korrekt einschätzte, konnte 30 Punkte im Test erreichen - im Schnitt erreichten die Befragten jedoch lediglich 13,3 Punkte.

 

 

Vor allem Ältere sind mit der Nachrichtenflut überfordert

Für Studienautorin Anna-Katharina Meßmer ist das nicht überraschend. Es sei nicht einfach, im Internet kompetent mit Informationen umzugehen. "Wenn man die richtigen Fähigkeiten mitbringt, können aber auch soziale Netzwerke ein Ort sein, um sich zu informieren."

Die Studie sei die erste, die sich auf Erwachsene fokussiert. "Es scheint die Annahme zu geben, dass Menschen Medienkompetenz im Laufe ihres Lebens automatisch lernen und sich das Problem auswächst." Doch vor allem Ältere sind mit der digitalen Welt überfordert, ohne Möglichkeiten, sich weiterzubilden. "Es gibt im Bereich digitale Nachrichtenkompetenz wenige systematische Bildungsangebote für Erwachsene."

Hälfte der Befragten glaubt, Minister müssten Nachrichten absegnen

Denn Medienkompetenz bedeute nicht, Webseiten im Internet aufrufen zu können oder Beiträge bei Facebook verfassen zu können. Es gehe darum, in der digitalen Welt und dem endlosen Informationsangebot den Überblick zu behalten und einzuordnen, was glaubwürdig ist und was nicht.

Vielen scheint das nicht zu gelingen, wie die Studie zeigt: Mehr als die Hälfte der Befragten hielt einen bezahlten Werbeartikel für objektive Information. Nur 43 Prozent erkannten Fake News bei Facebook. Ein knappes Drittel hielt einen Kommentar für objektive Berichterstattung.

Und die Hälfte der Befragten glaubte, dass Nachrichten über Bundesminister nur mit deren Genehmigung abgedruckt werden dürfen. Die Ergebnisse zeigen einen Zusammenhang zwischen Medienkompetenz, Alter und Bildungsabschluss: Je älter, desto geringer die Kompetenzwerte. Je jünger, desto kompetenter, so das Ergebnis.

W-Fragen helfen, Seriöse Quellen aufzuspüren

Es gibt also Nachholbedarf, meint Meßmer: "Es sollte eigentlich Teil der demokratischen Grundbildung von Menschen sein, dass sie über die Unabhängigkeit von Journalisten Bescheid wissen und grob wissen, wie Medien in Deutschland funktionieren." Sie empfiehlt Medienhäusern, mehr Wissen über journalistische Arbeit zu vermitteln. Quellen müssten nach Möglichkeit transparent sein. "Dort, wo es möglich ist, sollte man alles offenlegen."

Als Nutzer könne man bedachter durch das Internet surfen. "Wenn man sich nicht sicher ist, wie zuverlässig eine Information ist, sollte man sich mehrere Fragen stellen: Wer steht hinter dieser Information? Kenne ich die Quelle? Ist die Quelle vertrauenswürdig? Welche Aussage wird mir vermittelt? Gibt es dafür Belege? Was sagen andere Quellen zu diesem Thema? Das sind gute Fragen, die man sich stellen kann, bevor man etwas mit ,Gefällt mir" markiert oder weiterleitet."

Eltern sollten Kinder fragen, wie sie auf fragwürdige Inhalte gestoßen sind

Werden diese Fähigkeiten in der Schule vermittelt? "Die Nutzung von Medien wird in jedem Schulfach gefordert", erklärt Sebastian Seitner, Leiter des Referats Medienpädagogische Unterstützungssysteme beim Landesmedienzentrum Baden-Württemberg. "Dabei geht es nicht nur um deren Nutzung, sondern auch um das kritische Hinterfragen und Analysieren von Medieninhalten." Auch wenn Schüler Referate halten, könnten Lehrkräfte beurteilen, ob seriöse Quellen verwendet wurden.

Eltern rät er, aufmerksam zu sein. "Wenn Ihr Kind bestimmte Sachen sagt, sollten Sie nachfragen: Wie bist du darauf gekommen? Woher hast du das? Was steckt dahinter? Die Diskussion darüber kann sehr sinnvoll sein." Im Zweifel könne man sich Seiten zeigen lassen und Kindern erklären, wie man vertrauenswürdige Internetseiten erkennt.

Kinder und Jugendliche besitzen immer früher ein Handy, beobachtet Seitner. "Der Besitz eines Handys reicht noch lange nicht, um damit medienkompetent umzugehen. Kinder können vielleicht Apps bedienen und im Internet surfen, aber nicht unbedingt kritisch mit Medieninhalten umgehen." In der Schule und von den Eltern müssten sie angeleitet werden. Medienhäuser müssten sich ans Digitale anpassen, um junge Nutzer zu erreichen. "Der Auftrag bleibt der Gleiche: Für qualitativ hochwertige, gut recherchierte Nachrichten zu sorgen."

 


Christoph Donauer

Christoph Donauer

Autor

Christoph Donauer kümmert sich bei der Stimme um alles, was in Heilbronn, Deutschland und der Welt los ist. Seit 2019 ist er Redakteur für Politik und Wirtschaft. Davor war er als Journalist in Berlin, Brüssel, Dänemark und Stuttgart unterwegs.

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