Beschwerde-Rekord beim Presserat: 4000 Mal Unzufriedenheit

Region  Der Deutsche Presserat verzeichnet einen Rekordwert an Beschwerden. Manche Themen ziehen dabei besonders viel Aufmerksamkeit auf sich. Das Netzwerk Recherche übt Kritik am bestehenden Beschwerde-System.

Von Alexander Klug

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Wer sich über diesen Artikel beschweren will, hat mehrere Möglichkeiten. Er kann sich direkt beim Autor melden, die Mailadresse ist am Ende des Artikels zu finden. Wer sich beleidigt fühlt oder widerrechtlich fotografiert wird, kann vor ein Gericht ziehen. Ungefähr in der Mitte liegt ein Anruf beim Deutschen Presserat in Berlin. Im Presserat sitzen zwei Verleger- und zwei Journalistenorganisationen und prüfen, ob sich die Journalisten an die Regeln gehalten haben. Diese sind im Pressekodex festgehalten.

Im vergangenen Jahr erreichten den Presserat 4000 Beschwerden - ein Rekordwert. Aus diesen resultierten 53 Rügen, sie sind die schärfste Reaktion des Presserats. Doch gibt es immer wieder Kritik. Etwa, weil Rügen nicht oder verspätet abgedruckt werden und andere Sanktionsmöglichkeiten fehlen.

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383 Beschwerden wegen einer Zeitungskolumne

Sonja Volkmann-Schluck räumt ein, dass sich die Beschwerden beim Presserat zuletzt nahezu verdoppelt haben. Sie ist Referentin für Öffentlichkeitsarbeit beim Deutschen Presserat. "Aber man muss differenzieren. Viele davon hatten dieselbe Publikation zum Ziel." So richteteten sich 383 gegen eine Kolumne der Berliner Tageszeitung oder 173 gegen Berichte zur fünffachen Kindstötung in Solingen. "Für viele sind wir als Presserat auch gar nicht zuständig. Zum Beispiel für Beschwerden über Beiträge öffentlich-rechtlicher Sender oder auf privaten Internetseiten. Tatsächlich in den Ausschüssen diskutiert wurden 530 Beschwerden. Das sind nicht wesentlich mehr als im Jahr davor."

Nachdenklich stimmen sie viele der Beschwerden zu Berichten rund um die Corona-Pandemie. "Davon zweifeln viele am Wahrheitsgehalt von Berichten oder sehen die Sorgfaltspflicht nicht angemessen erfüllt. Aus dem Inhalt der Beschwerden können wir schließen, dass auch viele Corona-Leugner unter den Beschwerdeführern sind", berichtet Sonja Volkmann-Schluck. "Die meisten Beschwerden zum Thema Corona waren offensichtlich unbegründet, manche ehrverletzend oder beleidigend."

Häufig wird Opferschutz missachtet

Zahlreich vertreten auf der Liste der Rügen sind Erzeugnisse aus dem Hause Axel Springer, allen voran Bild Online, aber auch überregionale, regionale Zeitungen und Zeitschriften samt ihrer Onlineportale. "Häufig wird der Opferschutz missachtet, indem zum Beispiel ohne Erlaubnis Fotos aus den sozialen Medien kopiert und veröffentlicht werden", sagt die Pressereferentin. Auch das Schüren unbegründeter Befürchtungen oder Wecken unberechtigter Hoffnungen in der Medizinberichterstattung beim Leser sei zu beobachten. "Wenn man zum Beispiel ohne Einordnung über das Gespräch mit einem Heiler schreibt, der alles mögliche verspricht, ist das problematisch." Fehler in der Berichterstattung an sich seien zwar ärgerlich, aber kein Grund für Rügen. "Generell sind wir für die Bewertung, ob etwas richtig oder falsch ist, nicht zuständig. Das müssen wir klarmachen. Die Deutung von Ereignissen ist eine Frage der Meinungsfreiheit."

Kritik am Rügen-System übt Kuno Haberbusch. Der Journalist hat die Redaktionen der ARD-Sendungen Panorama, Extra 3 und Zapp geleitet und ist Mitglied des investigativen Journalistenverbands Netzwerk Recherche. Kaum jemand wisse überhaupt, wo man sich überhaupt beschweren könne. "Verstöße gegen den Pressekodex des Presserats bleiben ohne ernsthafte Sanktionen", sagt der Journalist. "Der Presserat kann nicht einmal durchsetzen, dass die Betroffenen die Rügen abdrucken. Das tun sie freiwillig und oft erst lange nach der Rüge."

Mit Verstößen gegen Grundregeln Geld verdienen

Dabei säßen die Gerügten doch selbst im Presserat und würden die Rüge vordergründig unterstützen. "Wenn sie sich nicht an die eigenen Regeln halten und auch keine ernsthafte Sanktion droht, was ist dann die Funktion des ganzen Systems?", fragt Haberbusch. Vor allem Boulevardmedien würden systematisch gegen Grundregeln verstoßen und damit Geld verdienen.

Wegen dieser Missstände habe man beim Netzwerk Recherche einen eigenen Medienkodex erarbeitet. "Dieser geht über den Kodex des Presserats hinaus", sagt Haberbusch. "Etwa, wenn es um den Verzicht auf PR-Nebeneinkünfte von Journalisten geht, oder den Verzicht auf Rabatte aller Art." Es ergäben sich zwangsläufig Interessenkonflikte, wenn sich journalistische Arbeit und PR-Engagement mischten. "Dann sind Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit des Journalismus in Gefahr."

 

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