Auf Wikipedia schreiben vor allem studierte Männer

Heilbronn  Bei der Online-Enzyklopädie Wikipedia machen nur wenige Frauen mit. Das hat Folgen für die Inhalte. Außerdem: Stimmt es, dass die meisten Autoren politisch eher links stehen?

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Anhand von Einträgen lässt sich leicht ein Bewegungsprofil von Autoren erstellen. Es ist ein Grund, warum sie gerne anonym bleiben.

Foto: dpa

Das deutschsprachige Online-Nachschlagewerk Wikipedia existiert seit 20 Jahren. Dahinter stecken eine Reihe von Autoren, die wie Maria Schuster aus dem Großraum Stuttgart einiges an Zeit in die Texte stecken und zuvor akribisch zu einem Thema recherchieren.

Wie gewissenhaft jeder einzelne Autor arbeitet, lässt sich nicht messen. Jeder, der Lust hat, legt sich einen Account an, fügt Inhalte hinzu, verändert bestehende Texte oder löscht Einträge. Die Wikipedianer kontrollieren sich dabei gegenseitig. Außerdem müssen Aussagen mit Quellen belegt sein.

Wikipedia spiegelt Ungleichgewicht wider

Kritik gibt es indes an der Zusammensetzung der Autoren: Diese seien zumeist ältere, weiße Männer. Es fehlten Frauen und Jüngere. Das wirke sich auf die Inhalte aus. "Als offenes Projekt, das durch die tägliche Zusammenarbeit Tausender engagierter Ehrenamtlicher entsteht, ist Wikipedia ein Spiegelbild der Welt - auch ihrer Ungleichgewichte", schreibt Alexander Möller vom Verein Wikimedia in einer E-Mail. Das Wissen der Welt, das in Schulen vermittelt werde, das unser Verständnis von Geschichte präge und sich heute in Wikipedia-Artikeln wiederfinde, sei noch immer vor allem eine Erzählung der Welt von Männern aus Europa und Nordamerika.

Das Nachschlagewerk weist noch immer große Lücken auf, so Möller. Ihm zufolge beschreiben weniger als ein Fünftel der Biographien Frauen. Dieses Gefälle lasse sich auch, aber nicht allein mit historischen Barrieren und einem Mangel an Quellen zu weiblichen Errungenschaften erklären.

Wissen von Frauen und anderen fehlt

Auch wenn genaue Zahlen Möller zufolge schwer zu bestimmen sind, weil keine Nutzerdaten erhoben werden, wisse man, dass Wikipedia zur großen Mehrheit von Männern mit akademischem Hintergrund aus dem globalen Norden geschrieben und bearbeitet werde. Dies habe Folgen etwa für die Themen, die Wikipedia aufgreift. Es fehlt nicht nur das Wissen von Frauen. Die Wikimedia-Projekte brauchten zudem die Perspektiven beispielsweise von Menschen mit Migrationshintergrund, von Menschen ohne akademische Bildung und vieler weiterer Gesellschaftsgruppen. Nur so könne man dem Ziel, das gesamte Wissen der Welt zu sammeln und allen zur Verfügung zu stellen, gerecht werden.

Wikimedia arbeitet daran, dies zu ändern. Der Verein unterstützt und fördert Partnerschaften, die diese Wissensungleichheiten verringern. Ein neueres Projekt sei das sogenannte Fem-Netz. Weil sich die Lücken nur langsam schließen lassen, hat sich der Verein als Teil einer internationalen Bewegung dazu entschlossen, Strukturen zu hinterfragen und umzubauen. Ziel: Bis zum Jahr 2030 soll die gerechte Teilhabe aller am Wissen und an der Wissensvermittlung Wirklichkeit werden.

Um das zu erreichen, wird Möller zufolge beispielsweise über die gezielte Förderung marginalisierter Gruppen gesprochen. Eine weitere Möglichkeit sei es, finanzielle Ressourcen an konkrete Diversitätsziele zu knüpfen.

Autoren entscheiden, was sie von sich preisgeben

Weiß Wikimedia um die Vorherrschaft der männlichen Autoren, bleibt es bei einem anderen Aspekt bei der Mutmaßung: Wikipedia-Autoren seien politisch dem eher linken Spektrum zuzuordnen. Stimmt das? Das könne man nicht beurteilen, heißt es dazu in der schriftlichen Antwort von Wikimedia-Sprecher Möller.

"Es gibt in der Wikipedia den Grundsatz der Anonymität", macht der Vereinssprecher deutlich. Das heißt, dass Menschen, die in dem Nachschlagewerk mitschreiben, selbst bestimmen, was sie über sich veröffentlichen und was nicht. Das bedeutet, dass Informationen zum Beispiel über politische Ansichten oder eine Parteizugehörigkeit nur durch den Autor selbst preisgegeben werden. Das hat Möller zufolge einen Grund. Gerade in politischen Systemen, in denen Einzelnen Repressalien für die Verbreitung von Informationen drohen, sei Anonymität ein wichtiges Gut und schütze Menschen.


Heike Kinkopf

Heike Kinkopf

Reporterin

Heike Kinkopf ist Redakteurin im Reporterteam der Heilbronner Stimme. Diese Einheit berichtet über das tagesaktuelle Geschehen in der Region und kümmert sich um investigative Recherchen.

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