Auch Journalisten googeln - das allein reicht aber nicht

Heilbronn  Das Internet weiß alles: Einfach googeln oder es steht in der Wikipedia. So manches Schülerreferat entsteht auf diese Weise. Für einen Presseartikel reicht dieses Vorgehen aber nicht. Wir erklären, worauf es bei einer fundierten Recherche ankommt.

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Mehr als 21.500 Menschen schreiben aktiv in der deutschsprachigen Wikipedia mit. Aktiv heißt, sie haben im vergangenen Monat mindestens eine Bearbeitung im Internet-Lexikon vorgenommen. Eine von ihnen ist Maria Schuster, Mitte 50, aus dem Großraum Stuttgart. Sie möchte ihren wahren Namen wie viele Wikipedia-Autoren nicht öffentlich machen. Am liebsten schreibt sie über Frauen und die Frauenbewegung. "Ich recherchiere gern", sagt sie, "gehe gern in Bibliotheken." Es dauert, bis sie einen umfassenden Text für Wikipedia verfasst. Schneller geht es, einen bereits bestehenden Text zu ergänzen.

Auch Journalisten googeln

Das Internet weiß alles. Seit wann ist Joachim Löw Bundestrainer? Wie viele Einwohner hat die Schweiz? Welche Aufgaben hat die Europäische Union? Wie lebt man mit einer Depression? Einfach googeln oder es steht in der Wikipedia. So manches Schülerreferat entsteht auf diese Weise. Für einen Presseartikel reicht solch ein Vorgehen nicht.

"Was machen Journalisten? Sie googeln", sagt Dr. Katja Schupp provokant. Sie ist Professorin für Journalismus an der Universität Mainz. Wikipedia aufrufen oder einen Begriff in eine Suchmaschine eingeben könne aber nur der Anfang einer Recherche sein, es ersetzt sie nicht, sagt sie. Aufgabe von Journalisten sei es zu bewerten, was sie im Netz finden. Von wem stammt die Information? Gespräche mit Experten und Betroffenen bilden die Basis für einen redaktionellen Text. Die Herkunft einer Information, etwa wer sie publiziert habe, könnten insbesondere junge Menschen oft nicht erkennen, meint Schupp. Sie fordert: "Die Medienkompetenz muss geschult werden." Diese sollte ein Unterrichtsfach an den Schulen werden. "Da führt kein Weg dran vorbei."

Ein Thema, verschiedene Quellen

Beispiel Glücksspielsucht. Wer im Netz nach Infos zu diesem Thema sucht, stößt beispielsweise auf die Seite einer Selbsthilfegruppe, die Anzeichen einer Sucht beschreibt oder Tipps für Hilfsangebote gibt. Er findet aber auch den Verband der Automatenunternehmer oder den Verband der Spielhallen. Deren Aussagen übernehmen Journalisten nicht ungeprüft beziehungsweise sie machen kenntlich, von wem eine Äußerung stammt, indem sie die Quelle angeben. "Journalisten googeln mit Verstand", sagt Schupp. Sie hinterfragten Informationen und Aussagen. Wie ist die Information belegt? Welche Hauptquelle wird angegeben? Sie lassen unterschiedliche Meinungen zu Wort kommen, führen Interviews mit unterschiedlichen Fachleuten. "Sie bleiben nicht bei einer Sicht stehen", sagt Schupp. Entscheidend sei die Frage: "Ist Wikipedia mein Sprungbrett oder der Teich, in dem ich schwimme?"

Wer für die Wikipedia schreibt, unterliegt keinen Regeln. Das Nachschlagewerk funktioniert nach dem Prinzip Schwarmintelligenz. Jemand schreibt über ein Thema, ein Zweiter fügt etwas ein, ein Dritter überarbeitet eine Passage und so weiter. "Jeder kann die Wikipedia editieren. Das ist eine der Grundprinzipien des freien Wissens", teilt Alexander Möller von Wikimedia Deutschland mit. Der gemeinnützige Verein wird eigenen Angaben zufolge 2004 von ehrenamtlichen Wikipedia-Aktiven gegründet. Wer für das Internet-Lexikon schreibt, muss kein Fachwissen oder schreiberische Fähigkeiten nachweisen. "Es gibt keine Zwangshürden", so Möller weiter. Das Fachwissen der Autoren lasse sich, wenn überhaupt, nur indirekt nachweisen.

Aufwendige Recherche braucht Zeit

Maria Schuster kniet sich rein, wenn sie für ein Thema brennt. Sie sucht zum Beispiel nach wissenschaftlichen Quellen, Daten von Organisationen wie den Vereinten Nationen oder schaut sich die Register von Fachliteratur an. Bei zeitgenössischen Themen bedient sie sich unter anderem bei großen überregionalen Medien. Es sei ein bisschen so wie beim Verfassen einer Hausarbeit im Studium, vergleicht sie die Herangehensweise. Weil das Zeit beansprucht, schreibt Schuster nur alle paar Wochen einen "anspruchsvollen Artikel", wie sie es nennt.

Für die Online-Enzyklopädie arbeitet Schuster nach eigenen Angaben bis zu zwei Stunden täglich. Abends auf dem Sofa schaut sie etwa die Beobachtungsliste mit bestimmten Artikeln an. Wer hat was an dem Text verändert? Wie diskutieren die Autoren über den Inhalt? Das Wissen werde zu jederzeit transparent, erklärt Möller. Jede Änderung an jedem Artikel sei in der Versionsgeschichte auf der Wikipedia einsehbar. Außerdem sei die Diskussion über die Änderungen dargestellt.

Die Qualitätssicherung der Wikipedia-Inhalte beruht nach Möllers Angaben auf der Erwartung, dass sich die Teilnehmer gegenseitig kontrollieren und ihre Fehler möglichst zügig gegenseitig bereinigen. "Aber wie jedes Medium muss man auch den Wikipedia-Content hinterfragen." Man müsse sich bei einem Text die Belege und Quellen ansehen, die zwingend für eine Enzyklopädie notwendig seien.

Der Verein Wikimedia

Der Verein Wikimedia Deutschland besteht aus Menschen, die sich aktiv an der Online-Enzyklopädie Wikipedia beteiligen. Er setzt sich eigenen Angaben zufolge dafür ein, dass Projekte wie das größte Nachschlagewerk im Internet auch in Zukunft existieren und freies Wissen in der Gesellschaft selbstverständlich wird. Wissen soll jedermann ohne technische oder soziale Beschränkungen frei zugänglich sein. Der Verein unterstützt nicht nur das Online-Nachschlagewerk, sondern weitere Projekte wie Wikidata, eine freie Wissensdatenbank, und den Reiseführer Wikivoyage.


Heike Kinkopf

Heike Kinkopf

Reporterin

Heike Kinkopf ist Redakteurin im Reporterteam der Heilbronner Stimme. Diese Einheit berichtet über das tagesaktuelle Geschehen in der Region und kümmert sich um investigative Recherchen.

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