Erfindungen aus der Region für die Welt

Serie: Noch Fragen?  Erst sind es bloß verrückte Ideen. Später zeigt sich: Aus Partyfass, Bausparvertrag und anderen Erfindungen sind Erfolgsgeschichten geworden. Für "Noch Fragen?" haben wir die Hintergründe zu den Erfindungen aus der Region um Heilbronn gesammelt.

Von unserer Redaktion

Die Region der Weltmarktführer ist auch eine Region der kreativen Köpfe: Immer wieder wurden hier Produkte und Dienstleistungen entworfen, die heute aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken sind. Patente werden zwar jedes Jahr reichlich angemeldet, einige Dinge haben es jedoch zu derart weiter Verbreitung gebracht, dass auch Nichteingeweihte sich sofort etwas darunter vorstellen können. Hier sind zehn Erfindungen aus der Region. Ihre Reihenfolge ist zufällig gewählt.  

 
  1. Partyfass

    Fünf Liter Bier passen rein ins Partyfass. 1972 brachte es die Firma Huber in Öhringen auf den Markt. Brauereien und Kunden waren begeistert. Erst brauchte man einen speziellen Zapfhahn, eine umständliche Armatur. Die wurde 1998 aber überflüssig, als das Fass einen eingebauten Zapfhahn bekam. Individuell bedruckt wurde das Partyfass aus Öhringen zum Werbeträger. Die Nachfrage war so groß, dass das Familienunternehmen 1999 in Öhringen ein zweites Werk baute, dessen Kapazität 2007 nochmals verdoppelt wurde. Ein Grund für den Erfolg: auch kleinere Brauereien können mit dem robusten Einweggebinde Wachstumsmärkten wie China, Südamerika oder Afrika erschließen. Inzwischen gibt es das Fass auch aus klimaneutraler Produktion. Mehr als 1000 unterschiedliche Marken und Sorten wurden seither in die Fässer abgefüllt. 

  2. Mustang-Jeans

    Es war Albert Sefraneks größter Coup: Die ersten Jeans made in Künzelsau. In einer Frankfurter Bar tauschte Sefranek im September 1948 mit einem US-Soldaten Schnaps gegen Hosen, kopierte den Schnitt und ließ "Amihosen" schneidern. Weil Jeans als ordinär galten, gab ihnen Sefranek einen neuen Namen: Campinghosen. Beim ersten Großauftrag wurden 300 Hosen produziert. Werbung machte der Jeans-Pionier in der Jugendzeitschrift „Bravo“ - nicht einfach so, sondern mit Lebensgefühl: wild, ungebunden und frei wie ein Hengst in der nordamerikanischen Prärie. Fortan wurden Hosen und Firma Mustang genannt. Wie viele Unternehmen der Textilindustrie kämpfte Mustang aber in den vergangenen Jahren mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Die eigene Produktion ist längst Geschichte. Dieses Jahr verlegt das Unternehmen, an dem die Familie Sefranek nur noch einen kleinen Anteil hält, den Hauptsitz von Künzelsau nach Schwäbisch Hall.

  3. Bausparvertrag

    Am 16. Februar feiert das Bausparen seinen 95. Geburtstag. Georg Kropp gründete 1924 in Wüstenrot die Bausparkasse Gemeinschaft der Freunde (GdF), der Vorläufer der heutigen Wüstenrot Bausparkasse AG mit Sitz in Ludwigsburg. Das erste Heft der GdF-Zeitschrift „Mein Eigen-Heim“ erschien im April 1924 mit dem berühmten Aufruf seines Herausgebers „Jeder Familie ein eigenes Heim“. Erst wurde die Idee des „Bauspar-Missionars“ als Spinnerei abgetan. Doch schon 1928 hatte die GdF 241 Beschäftigte, die 35.234 Verträge verwalteten. 1930 zog das Unternehmen aus Platzgründen aus den Löwensteiner Bergen fort. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde 1949 die Hausbau Wüstenrot gegründet, 1968 die Wüstenrot Bank. Die Tochtergesellschaft für Lebensversicherungen, die später entstand, wurde 2000 in die Württembergische Lebensversicherung integriert. 1999 fusionierten Wüstenrot und die Württembergische Versicherung AG zum neuen Unternehmen Wüstenrot & Württembergische AG. Heute ist der Finanzkonzern der zweitgrößte private Baufinanzierer. 

  4. Lackspraydose

    Eine Reise in die USA brachte Peter Kwasny auf die entscheidende Idee: Zusammen mit dem Schweizer Kurt Vogelsang hatte er 1956 die Deutsche Ferrobet gegründet und sie auf dem ehemaligen IG-Farben-Gelände in Haßmersheim angesiedelt. In dieser Zeit nahm Peter Kwasny Kontakt zu einem amerikanischen Aerosolhersteller auf, reiste nach Chicago und kehrte mit der Lizenz, unter der Marke Duplicolor Lackspraydosen und Lackstifte produzieren zu dürfen, zurück. Die Herstellung begann 1958 unter dem Namen Kwasny & Vogelsang KG. Nach der Trennung der Partner entstanden daraus die Firmen Motip Dupli und Kwasny.

  5. System-Gerüst
    Systemgerüst
    Kilianskirche mit Gerüst  

    Wer Gerüst sagt, meint in der Regel Layher. Das Familienunternehmen aus Güglingen-Eibensbach ist weltweit führend in Sachen Gerüstbau – und das seit mehr als 65 Jahren. Als Paradebeispiel für die Kompetenz von Layher gilt das 1974 auf den Markt gebrachte Allround-Gerüst. Es ist mit einer damals neuartigen zeitsparenden Keilschloss-Verbindungstechnik ausgestattet und ist besonders flexibel auf Baustellen aller Größenordnungen einsetzbar. Layher hat den Gerüstklassiker 2013 noch weiterentwickelt: zu einem leichteren Gerüst, das genauso tragfähig ist und die körperliche Belastung der Gerüstbauer verringert.  

  6. d-c-fix-Klebefolie

    Mit einer bunten Klebefolie etwas Leben in graue Wohnungen zaubern: Dafür sorgt seit 1958 d-c-fix Weißbach.  Mit d-c-fix hat die Konrad Hornschuch AG ein Produkt kreiert, das einst in kaum einem Haushalt fehlte und das fast zu einem Gattungsbegriff geworden ist. Das Unternehmen gehört inzwischen zum Continental-Konzern, dessen Logo außen an der Fabrikhalle prangt. Das passt, weil das Unternehmen in den letzten Jahren einen guten Teil des Umsatzes mit Kunstleder (skai) für Autoinnenräume gemacht hat. Die Marke d-c-fix lebt aber weiter - auch in der neuen Conti-Welt.

  7. Außenläufer-Motor

    Der Elektromotor von Emil Ziehl stellt die herkömmliche Funktionsweise auf den Kopf: Anders als bei einer normalen E-Maschine, bei der sich die Achse in der Mitte dreht und der Baukörper statisch ist, bewegt sich beim Außenläufer das Gehäuse, während die Mittelachse als Stator fixiert ist. Das ermöglicht ganz neue Einsatzmöglichkeiten, die aber erst Sohn Heinz Ziehl und Wilhelm Gebhardt, der Betriebsleiter und Chef-Konstrukteur (1949 bis 1959) von Ziehl-Abegg in erste Produkte umgesetzt haben. Zum Beispiel, indem sie an das Gehäuse Flügel schraubten: Das war die Geburtsstunde der Lufttechnikbranche in Hohenlohe, die heute einschließlich der Zulieferer knapp 10.000 Beschäftigte in der Region haben dürfte. Neben Ziehl-Abegg und Nicotra-Gebhardt gründet auch der Erfolg von EBM-Papst, Rosenberg, LTI und  PVS auf dieser Erfindung.  

  8. Greifsysteme

    Das Lauffener Unternehmen Schunk startete als mechanische Werkstatt - heute ist es Spezialist in der Automation bei Spanntechnik und Greifsystemen. Bereits 1993 brachte Schunk den ersten pneumatischen Standardgreifer auf den Markt, 2001 folgte der erste elektrische Standardgreifer. Einen weiteren Meilenstein gab es 2006, als das Familienunternehmen die erste Drei-Finger-Greifhand mit taktilen Sensoren und 76 Messpunkten pro Sensorfeld präsentiert. In regelmäßigen Abständen bringt Schunk innovative Greifer für die unterschiedlichsten Anwendungen und Bedürfnisse auf den Markt – zuletzt etwa eine intelligente Fünf-Finger-Hand, die menschenhandähnliches Greifen ermöglicht. 

  9. Wankelmotor

    Dieses kleine, spritzige Auto lief 1964 bei NSU in Neckarsulm vom Band: Der NSU Wankel Spider war das erste Serienauto mit dem Kreiskolbenmotor. Und die Neckarsulmer setzten 1967 mit dem Ro 80 noch einen drauf. Sein Zweischeiben-Wankelmotor von Konstrukteur Felix Wankel setzte neue Maßstäbe, auch bei der Leistung. Ein Motor mit weniger Teilen, weniger Gewicht und weniger Vibration. Nur verbrauchte er vergleichsweise viel Sprit, deswegen machte die Ölkrise der frühen 70er den Anfangserfolg des Wankelmotors zunichte. NSU hatte die Wankel-Lizenzen aber an viele andere Autobauer verkauft, darunter waren Daimler, Rolls Royce, General Motors und Mazda. Einzig die Japaner hielten dem Antrieb dann noch jahrelang die Treue. Audi erbte das Wankel-Know-How nach der Fusion mit NSU und wollte den Motor vergangenes Jahr als Reichweitenverlängerer für Hybrid-Autos neu beleben - gegen die Konzernmutter VW setzte sich Audi letztlich aber nicht durch. 

     

    Wie diese Geschichte entstanden ist

    Zehn Erfindungen aus der Region haben wir in unserer Serie "Noch Fragen?" schon vorgestellt. Dieser Artikel hat unsere Leser besonders interessiert. Auf Facebook wurden wir in den Kommentaren gefragt, ob es nicht noch mehr interessante Erfindungen aus der Region gibt. Daraufhin haben wir für den zweiten Teil gesammelt. Schreiben Sie uns, wenn Ihnen noch mehr spannende Erfindungen einfallen, die wir noch nicht vorgestellt haben. Auch mit anderen Fragen zur Region, die wir beantworten sollten, sind sie hier richtig. Schreiben Sie uns über dieses Formular: