Ein mysteriöses Gleis und ein verschwundenes Strandbad

Heilbronn  Auf der Horkheimer Insel verlaufen Schienen - auf einer Länge von nur wenigen hundert Metern. Ein Stimme-Leser hat sich darüber gewundert und die Redaktion um Aufklärung gebeten. Die Recherche hat noch etwas anderes zutage gebracht: ein verschwundenes Juwel.

Von Tobias Wieland

Die Schleusenanlage in Horkheim birgt eine Überraschung. Freilich nicht für Einheimische. Der alteingesessene Horkheimer weiß, was es mit den Schienen auf sich hat, die Fußgänger und Radfahrer direkt nach der Schleusenbrücke in Richtung Klingenberg überqueren. Mancher Passant wundert sich aber: Warum liegt hier auf der Horkheimer Insel auf einigen hundert Metern Länge ein Gleis? So ist es auch Julian Freyer gegangen, der die Frage an die Stimme-Onlineredaktion für die Serie „Noch Fragen?“ eingereicht hat.

Ein Besuch vor Ort zeigt: Mit dem Personenverkehr hat das Ganze nichts zu tun. Zu kurz ist die Strecke. Auch eine industrielle Nutzung ist schwerlich vorstellbar, endet das Gleis neckarabwärts doch im Wasser. In diesem Bereich findet sich bereits die Lösung des Rätsels: ein Schild mit der Aufschrift „Bootsschleppe“.

„Mit einem Transportwagen wurden Boote vor allem vom Ober- ins Unterwasser gebracht“, weiß Gerhard Murrweiß. Das funktioniert so: Wassersportler lupfen ihre Falt- oder Ruderboote auf den Wagen, den sie dann über die Schienen ziehen. So können die Fahrer dieser Kleinstboote die Schleuse umgehen. Ob das noch praktiziert wird, weiß allerdings auch Gerhard Murrweiß nicht, der ansonsten ziemlich viel über Horkheim weiß. 

Wassersportler favorisieren einen anderen Weg

Einer, der diesen Wagen schon benutzt hat, ist Bernhard Münzing. Der Vorsitzende der Ruderschwaben Heilbronn erinnert sich genau an dessen Form. „Ein vierrädriger Wagen mit starrer Achse, der auf Schienen läuft.“ Als besonders praktikabel hält Münzing den Vorgang für Ruderer und Co. nicht. „Die meisten lassen sich durchschleusen, wenn der Schleusenwärter das zulässt“, sagt Münzing. „Umschlagen ist mühsam, schleusen ist die leichtere Lösung.“

Doch: Wo ist der Wagen abgeblieben? Viele Ortsansässige erinnern sich, dass er lange Zeit in der Nähe des Gleises auf Nutzer wartete. Ein früherer Maschinist im Horkheimer Wasserkraftwerk gibt den entscheidenden Tipp: Der Transportwagen müsste in der Werkstatt der Schleuse deponiert worden sein. Und siehe da: Auf dem Schleusengelände auf der Horkheimer Seite des Neckarkanals steht er ein bisschen versteckt im Gras.

Laut eines Schleusenmitarbeiters wird er noch benutzt. Demnach kommt der Wagen in den wärmeren Monaten des Jahres an seinen Bestimmungsort auf die Horkheimer Insel zurück – sofern ihn Bösewichte nicht, wie schon häufiger geschehen, ins Wasser stoßen.

Horkheim als Nabel des Unterlands 

Einst sind Wasserratten an der Schleuse übrigens einem ganz anderen Freizeitvergnügen nachgegangen. Die Badestelle am Neckarkanal galt als „Lido von Heilbronn“. „Von überall her sind die Leute nach Horkheim zum Schwimmen gekommen“, sagt Gerhard Murrweiß. Am Damm wären die Badegäste ins Wasser gesprungen (Murrweiß: „Wir Kinder natürlich per Köpper“), und hätten sich bis zur Badestelle neckarabwärts treiben lassen.

Badespaß im Horkheimer Strandbad. Foto: privat

Der bald 90-Jährige erzählt, dass sich die Horkheimer Gemeinderäte einst für den Bau des Strandbades eingesetzt hätten. Jenes entstand im Zuge des Kanalbaus, der im Jahr 1920 startete – und mit der Eröffnung des zur Schleuse gehörenden Wasserkraftwerks 1929 endete.

In den Jahrzehnten danach wurde die Anlage mehrmals ausgebaut. Mit dem Bau der zweiten Schleusenkammer für die Großschifffahrt (Beginn: 1959) endete die Zeit des Strandbades endgültig, der Platz wurde als Anlegestelle für Schiffe benötigt.

Schon in den Jahren zuvor war das Bad nicht durchgängig in Betrieb, weil es verschlammt war oder weil die Behörden die Wasserqualität als nicht ausreichend einstuften.

In einem alten Mitteilungsblatt der damals noch selbstständigen Gemeinde steht, dass Horkheim von der Wasser- und Schifffahrtsdirektion eine Entschädigung für den Verlust des Bades bekommen hat – in Höhe von 13.734 D-Mark. Eine Entschädigung in Form eines Freibades zu erhalten, dafür hatte sich der Gemeinderat stark gemacht, war hingegen „unmöglich“. Im Text von 1959 heißt es weiter, dass die Badestelle aus Sicht der Direktion „kaum mehr als einen ideellen Wert und nur noch einen ganz minimalen Naturalwert besitzt“.

Bootsschleppe existiert seit vielen Jahrzehnten

Zurück zur Bootsschleppe. Wann diese errichtet wurde, darüber besteht bei Befragten dieser Recherche Uneinigkeit. Schriftliche Quelle helfen weiter. In einer "wasserpolizeilichen Planvorlage" vom 23. Dezember 1953 heißt es, dass "die am rechten Ufer vorgesehene Bootsschleppe mit Rücksicht auf den Schiffsverkehr zurzeit auf dem linken Ufer ober- und unterhalb des Kraftwerks neu errichtet" wird. In einem Lageplan von 1959, der im Heilbronner Haus der Stadtgeschichte archiviert ist, ist die Bootsschleppe dann eingezeichnet. Sechs Jahrzehnte hat sie also schon erlebt. 


Nostalgiepfad erzählt die Geschichte

Was sich auf der Horkheimer Insel einst alles abgespielt hat, das erzählt dort bald ein Nostalgiepfad. Das Konzept hat der Interessenkreis Heimatgeschichte (unter anderem Gerhard Murrweiß) in Zusammenarbeit mit dem TSB Horkheim-Vorsitzenden Herwig Jarosch entwickelt. Dabei geht es beispielsweise um das Strandbad, in das auch Jarosch als junger Bub in den 1950er-Jahren gesprungen ist. Die Hinweistafeln montiert eine Gartenbaufirma in diesen Tagen im Auftrag des Grünflächenamts Heilbronn.