Diese Unternehmen aus der Region versuchen Müll zu vermeiden

Noch Fragen?  Nicht nur im Haushalt produzieren Menschen eine ganze Menge Abfall – auch die Industrie verursacht Müll. Einige Firmen in der Region haben sich Strategien ausgedacht, um die Menge zu reduzieren. Eine Auswahl.

Von Julia Weller

Mehr als zweieinhalb Millionen Tonnen Abfall aus Produktion und Gewerbe haben sich 2017 in Baden-Württemberg angehäuft. Zwar wird ein Großteil davon verwertet – die Entsorgung von Restmüll hingegen ist teuer und oft schlecht für die Umwelt. Ob das auch anders geht, wollte Stimme-Leser Jürgen Schoske wissen – und schickte die Redaktion auf die Suche nach Firmen aus der Region, die sich Strategien zur Müllvermeidung ausgedacht haben.

Von Abfällen zu Wertstoffen

Forchtenberg Kocher
Der Kocher bei Forchtenberg. Er inspiriert Unternehmerin Susanne Henkel, umweltfreundlich zu produzieren.

Wer sich in der Wirtschaftsregion Hohenlohe nach nachhaltigen Unternehmen umhört, stößt immer wieder auf den Namen Henkel. Schon vor dreißig Jahren rüstete die Richard Henkel GmbH aus Forchtenberg, die Liegen für Schwimmbäder und Gärten herstellt, auf eine umweltfreundliche Kreislaufwirtschaft um. Die Bäder der Pulverbeschichtungsanlage laufen im Kreis und auf Chemikalien wird, wo möglich, verzichtet. Die Anlage benötigt keinen Kanalanschluss zur Entsorgung, dadurch spart die Firma bei den Abfallgebühren.

Geschäftsführerin Susanne Henkel sagt: "Ich schaue aus dem Fenster, schaue auf Weinberge und auf den schönen Kocher, das möchte ich nicht zerstören." Deswegen nutzt die Firma Frischwasser nur, wenn es nicht ausreichend Regenwasser gibt. Außerdem sind die Materialien für die Liegen – Metalle und Kunststoffe – vollständig recyclebar. Statt neue Liegen zu produzieren, repariert und erneuert Henkel die alten Modelle von Privat- und Gewerbekunden.

Im Einkauf darf das Material für Henkel ruhig ein bisschen teurer sein – wenn das fertige Produkt dadurch am Ende länger hält oder sich Abfälle und Reste noch verwerten lassen. "Dann habe ich eine kleine Sparbüchse mit Wertstoffen am Ende", erklärt Susanne Henkel. "Mit Abfällen hätte ich Kosten."

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Ähnlich geht Audi in Neckarsulm vor. In der Produktion der Fahrzeug-Karosserien werden Aluminium-Bleche verarbeitet. Übrig gebliebene Abschnitte werden wieder eingeschmolzen und zu neuen Blechen verarbeitet. Dadurch geht kein Rohmaterial verloren. Genauso macht es EBM-Papst aus Mulfingen mit seinem Metallschrott. "Dadurch haben wir eine Verwertungsquote von 93 Prozent", erklärt der Abfallbeauftragte Stefan Dambach.

Außerdem hat er vor zwei Jahren eine Ballenpresse für die Papierentsorgung angeschafft. Früher mussten drei Lkw pro Woche lose Papierberge abholen und zum Entsorger bringen, jetzt presst EBM-Papst das Altpapier zu festen Ballen und verkauft sie direkt an eine Papierfabrik in Aschaffenburg. Nur noch ein Lkw-Transport im Monat ist nötig, außerdem verdient die Firma am Wertstoff Papier mehr Geld als früher.

Kaffeebecher und Strohhalme abschaffen

Bechtle
Die Bechtle AG in Neckarsulm. Foto: privat

Abfälle entstehen aber nicht nur in der Produktion, sondern auch im Inneren von Industrieunternehmen. Der IT-Dienstleister Bechtle aus Neckarsulm hat zum Beispiel im vergangenen Jahr sämtliche To-Go-Becher aus folierter Pappe in der Kantine abgeschafft und durch Porzellanbecher ersetzt. Auch Strohhalme gibt es nicht mehr. In der Konzernzentrale wird so jährlich ein Müllhaufen aus zuletzt etwa 52.000 Einwegbechern und 15.000 Strohhalmen vermieden.

Und auch in der Logistik wird versucht, Abfall zu vermeiden: Bechtle verschickt, wenn möglich, nur komplette Paletten oder Originalkartons zu den Kunden, um Verpackungen und Aufwand zu reduzieren. Mit der eigens entwickelten wiederverwendbaren "Bechtle Box" können zum Beispiel Scanner, Notebooks oder Monitore komplett ohne Karton verschickt werden.

Mit den Mitarbeitern trennen und reduzieren

Hornschuch Continental Weißbach
Der Oberflächenspezialist am Continental-Standort Weißbach schult seine Mitarbeiter in der Abfallvermeidung.

Müll ist immer menschengemacht. Deswegen versuchen viele Unternehmen, ihre Mitarbeiter für dieses Thema zu sensibilisieren. Am Continental-Standort Weißbach gibt es zum Beispiel eine Abfallfibel als Nachschlagewerk, das Personal erhält Schulungen zum korrekten Recycling. Folienreste und Randstreifen von Kunstlederstücken fliegen nicht in den Restmüll, sondern gehen in die Verwertung. Ein Farbleitsystem hilft, damit jedes Stück Abfall seinen Weg in den richtigen Behälter findet.

"Wir haben seit Einführung unseres Abfallwirtschaftskonzepts 2007 sehr große Abfallmengen und sehr viel Geld eingespart", sagt der Abteilungsleiter des Facility-Managements am Continental-Standort, Tobias Weißmann. Er ist auch im Netzwerk "Modell Hohenlohe" aktiv, in dem sich Unternehmen über nachhaltiges Wirtschaften austauschen. Dort lassen sich die Firmenvertreter zum Beispiel über Neuerungen im Abfallrecht schulen und unterstützen sich gegenseitig mit Ideen zur Müllvermeidung.

"China hat vor zwei Jahren den Markt dicht gemacht"

Ein Problem kommt dabei immer wieder auf: Die Entsorgung von Kunststoffen. "China hat vor zwei Jahren den Markt dicht gemacht", erklärt der EBM-Papst-Abfallbeauftragte Dambach, der bis dahin seine Reste nach Asien verkaufen konnte. In seinem Unternehmen fallen viele gemischte Kunststoffreste an, die er nicht komplett trennen kann. Manches davon landet jetzt zum Beispiel als Ersatzbrennstoff in Zementwerken. Das sei nicht ideal, räumt Dambach ein – auf jeden Fall ein Thema, mit dem sich die Arbeitsgruppe Abfall im "Modell Hohenlohe" weiterhin beschäftigen wird.

 


Wie diese Geschichte entstanden ist:

Den Anstoß für die Recherche gab Jürgen Schoske, der sich an unserer Serie "Noch Fragen?" beteiligt hat. Er fragte die Redaktion, welche Unternehmen in der Region unnötigen Müll vermeiden.

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