Ein Rolli macht Hund Henri wieder mobil

Oedheim  In Moskau hat Henri beide Hinterbeine verloren. In Oedheim fand der Rüde auf zwei Beinen ein neues Leben. Und das genießt er auch.

Von Reto Bosch
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Daniel Funk und seine Frau Regina haben lange getüftelt, bis der neue Rollwagen von Henri richtig eingestellt war.

Foto: Mario Berger

Henri kennt alles Schlechte und alles Gute der Menschen. Die einen haben ihn misshandelt und in Lebensgefahr gebracht, die anderen kümmern sich aufopferungsvoll um ihn. Henri hat keine Hinterbeine mehr und genießt trotzdem das Leben. Und Regina Berger-Funk und Daniel Funk genießen das Leben mit ihm, dem schwerbehinderten Schäferhund-Mischling im Hunde-Rollstuhl.

Henri ist auch Fremden gegenüber sehr zutraulich

Henri begrüßt den Besuch freundlich, legt aber doch Wert darauf, in angemessenem Maße gestreichelt zu werden. Von einem Hund mit seiner Geschichte würde man tief sitzendes Misstrauen erwarten. Das Gegenteil ist der Fall, der Rüde begegnet auch Fremden ausgesprochen zutraulich. Eine Ausnahme gibt es allerdings. "Wenn man mit einem Gegenstand seine Hinterläufe berührt, wird er extrem unruhig", sagt Daniel Funk. Er lockt Henri zu sich heran. Das Tier läuft ihm einigermaßen zügig entgegen, der hintere Teil des Körpers ruht in einem Rolli mit zwei Rädern. 20 bis 30 Minuten kann der Mischling so spazieren gehen.

Der tragische Teil von Henris Lebensgeschichte beginnt vermutlich in einem U-Bahn-Schacht in Moskau. Regina Berger-Funk geht davon aus, dass das Tier auf die Gleise geworfen wurde. Ein einfahrender Zug trennt dem Welpen die Hinterbeine ab. Eine Frau beobachtet das Geschehen, bringt den schwer verletzten Henri in eine Auffangstation in Moskau. Sein Leben hängt am seidenen Faden. Nicht nur wegen der Verletzung. Wer will sich schon mit einem zweibeinigen Hund abgeben?

Über Umwege landete der Hund im Heilbronner Tierheim

Der hoffnungsvolle Teil von Henris Leben beginnt mit der Vermittlung nach Deutschland. In der Nähe von Mosbach findet das geschundene Tier eine Zuflucht. Wie sich aber bald zeigen wird, nur vorläufig. Es passt nicht. 2016 landet der Mischling im Heilbronner Tierheim. "Wir haben stark daran gezweifelt, dass wir ihn vermitteln können", erinnert sich Tierheimchefin Silke Anders. Der Rüde, damals hieß er noch Smart, bekommt seinen ersten Rolli - finanziert mit Geld aus einer ersten Spendenaktion. Der Rollwagen vergrößert Henris Welt, macht ihn mobiler.

 

 

Beim Tierheimfest sehen die Funks ihren Henri zum ersten Mal

Beim Tierheimfest nimmt Daniel Funk zum ersten Mal Notiz von diesem zweibeinigen Hund. Er geht ihm nicht mehr aus dem Kopf. Monate später fragt er im Tierheim nach Henri, besucht ihn in seiner Box. "Er hat sich gleich zum Streicheln hingelegt." Die Funks beschließen nach vielen Diskussionen, Henri zu sich nach Oedheim zu nehmen. Keinen wirklichen Einspruch erheben Dana (drei Beine, in der Türkei gerettet, zehn Jahre alt) und Quirin (vier Beine, in Taiwan gerettet, neun Jahre alt). Die beiden Hunde der Funks vertragen sich gut mit dem Neuzugang. Nur Dana zickt anfänglich ein bisschen. "Sie ist die Prinzessin im Haus", sagt Daniel Funk. Während er das erzählt, liegen die drei Hunde einträchtig beieinander.

Die Funks sind zur Dauerpflegefamilie geworden

Der freudvolle Teil von Henris Leben beginnt mit dem Einzug bei den Funks. Er gehört zwar weiterhin dem Tierheim, sie sind aber seine Dauerpflegefamilie. Ein fünfköpfiges Rudel: zwei Menschen, drei Hunde. Und niemand aus diesem Quintett macht einen unzufriedenen Eindruck. Was auch daran liegt, dass Regina Berger-Funk nach langer Suche einen neuen, besser passenden Rolli gefunden hat. Gebaut in den USA, vermittelt über die Tierorthopädie München. 700 Euro teuer. Und spätestens an dieser Stelle muss man erklären: Die Funks sind nicht allein.

Die Hundeschule von Sonja Hoegen in Bad Wimpfen zum Beispiel sammelte Spenden für den russischen Zweibeiner. Das Geld reicht für den Rolli. "Wir hätten ihn zwar trotzdem gekauft, aber natürlich ist das eine große Hilfe", sagt Regina Berger-Funk. "Wir sind froh, dass wir so viel Unterstützung bekommen", ergänzt ihr Ehemann: Tierarzt, Physiotherapeut und eine junge Frau, die Henri schon vom Tierheim kennt und ihn betreut, wenn die Funks mal für eine Woche in den Urlaub fahren.

Viele Menschen reagieren gerührt auf die Geschichte dieses zuerst geplagten, dann gepflegten und heute lebenslustigen Hundes. Aber es gibt auch Unverständnis. So viel Aufwand wegen eines Hundes? Ja, genau. So viel Aufwand wegen eines Hundes, der beide Seiten des Menschen kennengelernt hat.

 


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