241 Tage gen Osten: Mit dem Rad nach China

Heilbronn  13.500 Kilometer, 18 Länder: Frederic Fritz ist bis nach China und weiter gefahren - mit dem Fahrrad. Hier könnt ihr seine Tour in einer interaktiven Reportage ganz ohne Muskelkater nacherleben.

Von Franziska Türk
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Irgendwann liegt sie vor ihnen: die Grenze zu China. Ein schlichter Holzzaun irgendwo in der staubigen Einöde. Aber sie ist das Ziel, das Frederic Fritz und Pierre Letellier in den letzen sechs Monaten auf dem Sattel ihrer Fahrräder die ganze Zeit vor Augen hatten. „Die Glücksgefühle in dem Moment waren der Wahnsinn,“ sagt Frederic Fritz jetzt, einige Monate später. Gut, die letzten 140 Kilometer bis zum Grenzübergang zwischen Kirgisistan und China müssen die Radfahrer mit dem Taxi zurücklegen, und dort machen die Beamten erst einmal drei Stunden Mittagspause, bevor sie das Gepäck nach unliebsamen Büchern durchwühlen. Aber nach 190 Tagen und gut 10.000 Kilometern auf dem Fahrrad spielt das keine Rolle mehr. Konstanz – China: check!

Buddhistischen Mönchen ist es in Myanmar eigentlich verboten, Gäste bei sich aufzunehmen. Trotzdem finden Reisende wie Frederic Fritz in Tempeln immer wieder Schutz. Foto: Jonathan B. Roy

Bevor Frederic Fritz Anfang des Jahres für ein Referendariat am Paul-Distelbarth-Gymnasium Obersulm von Konstanz nach Heilbronn gezogen ist, wollte er mit seinem Freund Pierre Letellier nach China fahren – mit dem Fahrrad. Gekommen ist Fritz sogar bis nach Thailand.

Das Fahrrad als Schlüssel zur Unabhängigkeit

Die Idee dazu hatte der 29-Jährige schon vor drei Jahren beim Backpacken in Laos: „Ich hab mich aufgeregt, dass ich die Orte zwischen den Touristenspots nicht sehen konnte und an die touristische Infrastruktur angewiesen war.“ Nach dem Studium ein Jahr Auszeit hatte Fritz sowieso eingeplant, und das Rad erscheint schnell als das ideale Fortbewegungsmittel. „Man ist unabhängig, kommt voran, ist in der Natur und kann Leute kennen lernen.“ Und Ausdauer hat er als Fußballspieler und angehender Sportlehrer sowieso.

Aber wie bereitet man sich auf so eine Radtour der Extreme vor? Erfahrung hat der Franzose Pierre Letellier, mit dem Fritz vor Jahren bei Work and Travel Bäume in der australischen Wüste gepflanzt hat. Also möchte sich Fritz ein paar Tipps bei ihm holen – und erfährt, dass dieser eine ganz ähnliche Tour nach Japan geplant hat. Warum sich also nicht zusammentun? 

Der Weg nach China? Ungewiss

Und so radeln sie im März 2016 von Fritz Heimatstadt Konstanz aus los, immer gen Osten, China fest im Blick. Der Weg dorthin? Ungewiss. Eine feste Route gibt es nicht. Und die beiden haben sich seit zehn Jahren nicht mehr gesehen. Es funktioniert trotzdem. „Ich wusste, er tickt vom Reisen her ähnlich. Und die sportliche Komponente ist fast wichtiger als die persönliche, das unterschätzt man. Wenn einer viel schneller fahren will als der andere, hat man nach zwei Wochen keine Lust mehr.“

Irgendwann führt der Weg nicht mehr durch die schneebedeckten Tannenwälder des Schwarzwalds sondern durch hupenden türkischen Großstadtverkehr und die tadschikische Hochebene, wo auf 4600 Metern kaum mehr Luft zum Atmen bleibt. Warum es ausgerechnet gen China geht? „Wenn du in den Westen fährst, kommt das Meer, im Süden Afrika war mir zu heikel“, sagt Fritz. „Im Osten denkst du direkt an China. Das Schöne ist, dass du komplett mit dem Fahrrad hinfahren kannst.“ Zumindest theoretisch. Denn für Turkmenistan ein Visum zu bekommen, ist selbst für Deutsche schwierig, außerdem rückt der Winter näher. Vom Iran aus müssen Fritz und Letellier deshalb ein Flugzeug nach Tadschikistan nehmen.

Hype um die Radfahrer aus dem Westen

Der Rest wird auf zwei Rädern zurückgelegt. Obwohl die Tour durch Gebirgsregionen und Steppe geht und es manchmal 140 Kilometer bis zum nächsten Dorf sind: Einsam ist es in den seltensten Fällen. Immer wieder treffen die beiden andere Radfahrer, fahren über weite Strecken mit ihnen zusammen. Oder treffen sie nach tausenden Kilometern zufällig in einem Hostel wieder.

Und in einigen Ländern bricht ein regelrechter Hype um Fritz und Letellier aus – vor allem weil letzterer auf seinem selbst gebastelten Hochrad alle überragt. Einladungen zum Tee in der Türkei bleiben nicht aus, zu alkoholischen Getränken in Georgien, oder jemand bietet gleich einen Schlafplatz für die Nacht. „Je weiter östlich du kommst, desto häufiger wirst du eingeladen“, sagt Fritz.

Dabei teilen die Gastgeber oft nicht nur das wenige, das sie haben. In Myanmar und im Iran beispielsweise ist es auch strikt verboten, Ausländer bei sich aufzunehmen. Wer es trotzdem tut, kann große Probleme mit der Polizei bekommen – zumindest, wenn er erwischt wird. Das Risiko nehmen viele Leute gerne in Kauf, sie lassen es sich nicht ausreden, die exotischen Gäste bei sich zu beherbegen. „Gerade die Iraner haben im Westen oft das Image des Bösen“ hat Fritz beobachtet. „Die wollen zeigen, wie gastfreundlich und wenig religiös sie eigentlich sind. Und sie sind brutal neugierig auf Europäer.“

Gastfreundschaft ist stärker als das Regime

1. Etappenziel Bosporus: Obwohl sie sich zehn Jahre nicht gesehen hatten, radelten Pierre Letellier (links) und Frederic Fritz gemeinsam 10.000 Kilometer bis nach China. Foto: privat

Die meisten Nächte verbringen Fritz und seine Mitreisenden trotzdem draußen im Zelt, bei Schneesturm im tadschikischen Gebirge wie bei tropischer Hitze im chinesischen Dschungel.

In China und Myanmar ist campen verboten – weil es streckenweise keine Hotels gibt, werden die Zelte kurz vor Einbruch der Dunkelheit aufgeschlagen und in der Morgendämmerung, bevor die Arbeiter aufs Feld zurückkehren, eilig wieder abgebrochen. Oder die Mönche einer buddhistischen Tempelanlage bieten einen Schlafplatz für die Nacht, bis irgendwann die Polizei aufkreuzt.

Fritz ist als „Finanzminister Schäuble“ für das Geld und die Verpflegung zuständig, aber manchmal ist Geld eben nicht alles und die Gegend so abgelegen, dass trotzdem nur eine Banane oder eine Handvoll Reis auf dem Speiseplan stehen. Und weil im Iran kein Geld abgehoben werden kann, stehen die Fahrradfahrer auch mal völlig pleite da und haben nichts außer Brot und Wasser. „Aber wir haben irgendwann gemerkt: Wenn wir uns damit in den Park setzen, wo andere Leute picknicken, dann kommen die ganz schnell her und bringen uns Essen“, sagt der 29-Jährige lachend. „Da waren wir in zwei, drei Situationen schon drauf angewiesen.“

Parasiten und Höhenkrankheit

Anderswo ist das Essen so karg und unhygienisch, dass ein Großteil der Tourenradler krank wird und von Krankenhaus zu Krankenhaus fahren muss. Da ist der Engländer, der wegen eines Parasiten 15 Kilogramm abnimmt – und trotzdem weiterfährt. Oder der, der im Gebirge nur knapp die gefährliche Höhenkrankheit überlebt. 

Auch Letellier erwischt es gesundheitlich. In China zieht er angeschlagen die Reißleine, auch weil er selbst nicht so genau weiß, wohin sein Leben geht. Nach rund 10.000 Kilometern auf dem Fahrradsattel bei sengender Hitze und eisiger Kälte und 203 gemeinsamen Tagen, von denen jeder einzelne sein eigenes kleines Abenteuer ist, trennen sich die Wege. Letellier geht zum Wandern nach Tibet, Fritz radelt und fährt mit dem Zug weiter gen Südosten nach Myanmar.

Ende November geht es auch für ihn von Bangkok aus mit dem Flieger zurück nach Deutschland. Dort kommt er nicht viel zum Nachdenken, muss für sein Referendariat viel organisieren, ein WG-Zimmer in Heilbronn suchen. „Aber drei bis vier Wochen später kam trotzdem so ein kleiner Knick. Man vermisst es einfach, gerade wenn man noch Kontakt zu anderen hat, die um die ganze Welt fahren“, sagt Fritz. Wenn er auf seine Reise angesprochen wird, ihm gesagt wird: `Wow, du hast Großes geschafft!` dann zuckt er nur mit den Schultern. „Du fährst halt einfach jeden Tag Fahrrad. Du fährst hier los und steigerst dich peu à peu. Und irgendwann bist du in China.“

 


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