Bad Wimpfen: Die hessische Insel

Bad Wimpfen  Die Stadt war bis 1952 eine Enklave - und vorher eine hessische Insel im Königreich Württemberg. Damals legten die hessischen Regenten den Grundstein für den heutigen Erfolg der Stadt.

Von Petra Müller-Kromer

Die hessische Insel

Und dann hab ich mich doch von den Fernsehleuten breitschlagen lassen, zu sagen: ,Bad Wimpfen ist eigentlich hessisch unter württembergischer Verwaltung."" Günther Haberhauer, weiße Haare, und als Stadtarchivar in der Geschichte Wimpfens bewandert, grinst schelmisch. Der 75-Jährige lehnt sich im Sessel seines Arbeitszimmers zurück, dem ehemaligen hessischen Gefängnis im Burgviertel 29.

Die Anlage selbst ist längst das Stadtarchiv und beherbergt Jahrhunderte alte Schriften. Teils sind sie vor Erfindung des Buchdrucks entstanden, darunter Ratsprotokolle, Rechnungen oder Bauakten aus hessischer Zeit. Die dauerte annähernd 150 Jahre, von 1803 bis 1952. Bad Wimpfen − einst hessische Insel im Königreich Württemberg.

Blütezeit nach dem Dreißigjährigen Krieg

Die hessische Insel

Es war eine Blütezeit. Ein Aufatmen nach bitterer Armut, die aus den Spätfolgen des Dreißigjährigen Kriegs resultierte. Unter hessischer Herrschaft wurde erfolgreich Sole gefördert, mit der Saline der Grundstock für das heutige Unternehmen Solvay gelegt. Großherzog Ernst Ludwig rettete Cornelien- und Stiftskirche vor dem Abbruch und ließ sie restaurieren.

Die Pfalzkapelle wurde ihrer alten Bestimmung zugeführt. "Zwischendurch war sie als Bauernhaus umfunktioniert, in der Kapelle tummelte sich Vieh", sagt Haberhauer. Das Mathildenbad bescherte mit exklusivem Kurpublikum und internationaler Prominenz mondänen Glanz. 1927 wagten sich die Hessen daran, eine Brücke über den "wilden Neckar" zu schlagen. Seit der Bau aus der Römerzeit 1300 kaputt gegangen war, hatte es keinen Übergang mehr über den Fluss gegeben.

Bad Wimpfen feierte fünf Minuten früher Silvester

Die Eröffnung der Bahnlinie und der Bau des Bahnhofs 1868 markierten eine weitere einschneidende Errungenschaft unter hessischer Herrschaft. "Das war anfangs ein Problem, weil die Bahn von Rappenau nach Jagstfeld über hessisches Gebiet führte", erzählt Haberhauer. Als es doch klappte, bedeutete das einen Durchbruch, auch für den Salztransport − und die Geburtsstunde der "Wimpfener Zeit".

Jetzt gingen die Uhren in der Exklave auch im Wortsinn anders. Weil der Bahnhof außerhalb lag, drehte der Uhrenrichter die Uhr fünf Minuten vor, damit die Bewohner auch rechtzeitig ihren Zug erreichten. "Bad Wimpfen feierte immer fünf Minuten früher Silvester als Offenau. Daran kann ich mich auch noch erinnern", sagt Haberhauer.

Amerikaner wollten Bad Wimpfen zu Baden schlagen

Die hessische Insel

Wie langsam die Zeit damals wohl für einen Gefangenen vergangen ist? "H. Kubach, 28 Tage 1889", hat ein Insasse in die Wand neben seinem Fenstergitter geritzt. Auch die steinerne Toilette lässt Vergangenheit lebendig werden. Der heutige Hausherr zeigt auf eine schwere Tür mit der Aufschrift: "Zelle Zwei, 42 Kubikmeter Luft" − eine Angabe, damit die Gefangenen nicht erstickten. Dahinter lagern heute die Schätze, auch großherzoglich hessische Zeitungen von 1821. Einmal hat Haberhauer sogar einen Bücherskorpion gefunden.

Ende des Zweiten Weltkriegs kam die Zeitenwende. "Die Amerikaner haben Bad Wimpfen 1945 zu Baden geschlagen", erinnert sich der pensionierte Lehrer. "Aber niemand wollte zu Sinsheim. Für viele war das Entwicklungsland." Bad Rappenau sei ein Dorf gewesen, ohne Stadtrecht − das kam erst 1973. Haberhauer hat dieGeschehnisse als Zwölfjähriger selbst miterlebt. "Rappenau war Ausland für uns. Die Rappenauer kamen zu uns aufs Gymnasium." Die Distanz zum Nachbarn zeigte eine Volksbefragung: Nur 0,8 Prozent der Abstimmenden wollten zum Landkreis Sinsheim, knapp 42 Prozent zu Hessen und 57 Prozent zum Landkreis Heilbronn.

1952 wurde Bad Wimpfen in den Landkreis Heilbronn umgegliedert. "Plötzlich haben wir Ausflüge auf die Weibertreu und zum Jägerhaus unternommen", erinnert er sich. Schulbücher wurden ausgetauscht, Lehrer wechselten. Das ist lang her. Aber ein bisschen schmerzt die Hessen der Verlust wohl immer noch. Unter den "50 Dingen, die ein Hesse lieben muss", taucht ein Name auf: Bad Wimpfen.