Raus aus der Corona-Risikogruppe - endlich Schluss mit Rauchen

Medizin  Stimme-Redakteurin Renate Dilchert will aufhören zu rauchen. Was sie dagegen unternimmt und wie es ihr dabei ergeht, gibt es hier zu lesen, im: Tagebuch eines Selbstversuchs.

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Foto: Aitana/stock.adobe.com

Raucher gehören zur Corona-Risikogruppe. Studien zeigen: Bei häufig tabakbedingten Vorerkrankungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Bluthochdruck, chronisch obstruktiven Lungenerkrankungen und Krebs ist die Gefahr eines schweren Verlaufs der Krankheit Covid-19 erhöht, erklärt Ute Mons von der Stabsstelle Krebsprävention des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg. Anlass genug also, über einen Rauchstopp nachzudenken. Unsere Redakteurin hat es selbst praktisch versucht.

Tag 0

Nach mehr als 40 Jahren als Raucherin und zuletzt zwei Monaten Dauerhusten ist es soweit. Morgen findet das Seminar statt. Ich habe Angst. Will ich mein Leben wirklich ändern?

Rauchen zählt zu den übelsten Dingen, die man seinem Körper antun kann. Und es ist teuer. Nach drei, vier vergeblichen Entzugsversuchen soll es mit professioneller Hilfe klappen. Jochen Kaufmann aus Leingarten ist Heilpraktiker für Psychotherapie und geprüfter Hypnotiseur. Er wirbt mit einer 95-prozentigen Erfolgsquote bei der Raucherentwöhnung. Die Teilnahme kostet 199 Euro, gesetzliche Krankenkassen übernehmen einen Teil der Kosten.

Tag 1, Vorm.

Heimlich rauche ich an diesem Novembermorgen auf der Terrasse zwei Zigaretten. Ich schäme mich, aber nur ein bisschen. Schließlich darf ich noch, heißt es in der Vorabinfo. Damit der Druck nicht zu groß wird. Um 9 Uhr geht"s los. Vor dem Gebäude in der Heilbronner Austraße stehen zwei Männer, jeder zieht an seiner Zigarette. Ich beherrsche mich mit Mühe. Innen ist die Atmosphäre entspannt. Jochen Kaufmann erzählt Fakten über Zigaretten, warum Raucher bei Minustemperaturen auf dem Balkon sitzen und warum wir glauben, dass Rauchen entspannt. Mit Esoterik hat das nichts zu tun, vielmehr mit Wissenschaft. Und hey, es ist im Winter bitterkalt auf dem Balkon. Und ja, dann macht Rauchen keinen Spaß.

Kaufmann, nach eigener Aussage seit 14 Jahren glücklicher Nichtraucher, verfolgt bei der Raucherentwöhnung einen ganzheitlichen Ansatz. "Das Konzept ist für jeden Raucher geeignet. Wir sprechen Verstand, Körper und Gefühl an", erklärt er gegenüber der Heilbronner Stimme - ganz wichtig sei, wie dies geschieht: "Es gibt viele Feinheiten, die berücksichtigt werden müssen. Wir holen den Menschen da ab, wo er steht."

Der Verstand will begreifen: Er erfährt an diesem Tag manches, was er schon immer wusste, aber nie wahrhaben wollte, etwa über die Tricks der Tabakindustrie und was wirklich in der Zigarette drin ist - vom Rattengift Arsen über Blausäure und Cadmium bis zu Polonium 210. Und neue Fakten: Zum Beispiel, dass Nikotin die Acetylcholin-Rezeptoren blockiert. Der körpereigene Botenstoff würde für Entspannung sorgen, wenn das Nikotin ihn ließe - "Sie rauchen, um sich so entspannt zu fühlen, wie es jeder Nichtraucher einfach so ist", erklärt Kaufmann. Wenn man das durchschaut, macht es häufig Klick im Kopf - und Zigaretten sind fortan völlig überflüssig.

Darüber hinaus spielt die Ernährung eine wichtige Rolle: Vor allem B-Vitamine stärken im Entzug die Nerven. Zusätzlich, so Kaufmann, kann Akupunktur den Suchtdruck senken. Zusammen mit der Hypnose lasse sich so die gefürchtete Gewichtszunahme vermeiden.

Tag 1, Nachm.

Nach dem Mittagessen endlich ein bisschen Gruppendynamik. Gemeinsam beschimpfen wir die Glimmstängel als das, was sie nun für uns sind - Rattengift, Krebserzeuger oder, für Männer, "Halbhartmacher". Dann schmeißen wir sie mit großer Geste weg. Es gibt Globuli als Rauchfrei-Hilfe. Und wir bekommen Rettungsanker: Tabletten zur Beruhigung und Kräuterzigaretten ohne Nikotin für den absoluten Notfall. "Kaffee ist kein Notfall", sagt Kaufmann. Höhepunkt: die Hypnose. Ich habe jederzeit volle Kontrolle. Wieder zu Hause fühle ich mich glücklich, geradezu euphorisch, überschwänglich froh. Am Abend gehe ich allen auf die Nerven. Habe ich irgendwas genommen?

Wie Acetylcholin ist auch die Amygdala Teil des limbischen Systems, das die Gefühle steuert und stets nach Befriedigung und Belohnung verlangt. Kaufmann erklärt, welche Verknüpfungen in unserem Gehirn zwischen Zigaretten und bestimmten Situationen beziehungsweise Werten bestehen - und wie man sie löscht und überschreibt. Es gibt keine Schuldzuweisung, keine negativen Gefühle beim Abschied von der Zigarette. Die Psyche verfüge über große Flexibilität, sagt Kaufmann. Ziel ist es, von sich sagen zu können: "Ab sofort bin ich glücklicher Nichtraucher, ich brauche diese völlig überflüssigen Zigaretten nicht mehr. Mein Leben ist schön, ich fühle mich wohl, mir geht es gut, ich bin glücklich, geradezu euphorisch." Diese Botschaft komme im Unterbewusstsein an. Für den Erfolg spiele das über den Tag gewachsene Vertrauen eine große Rolle: "Wir löschen ganz gezielt das Rauchen aus Ihrem Gefühlsbereich. Ist dies geschehen, werden Sie keinerlei Ersatzhandlungen für das Rauchen brauchen."

Tag 2

Ich fühle mich immer noch wie aufgedreht. In aller Frühe bin ich wach, voller Power, könnte Bäume ausreißen. Bloß nicht nichts tun: Ich vermeide Situationen, die mein Gehirn mit Zigarette verbindet. Das artet in Aktionismus aus. Meine Mitmenschen tun mir leid.

Tag 7

Eine Woche Nichtraucher, die Euphorie lässt nach. Abends höre ich per Kopfhörer meine persönliche Hypnose-Audiodatei, dabei schlafe ich gut. Die Motivation zum Tage morgens im Bett: Du kannst das, du willst das, du schaffst das, du fühlst dich wohl. Ein bisschen wie Gehirnwäsche. Mein Aktionismus wird anstrengend - für alle, die mich aushalten müssen.

Nachbetreuung spielt im Konzept von Jochen Kaufmann eine große Rolle: "Mit jeder Hypnose kommt es zu neuen positiven Verknüpfungen im Gehirn. Je öfter Sie das hören, desto mehr prägt es sich in die Psyche ein." Jeder Teilnehmer erhält deshalb individuelle Audiodateien, die, so Kaufmann, mit bewusst nicht hörbaren, persönlichen Subtexten unterlegt sind. Die Dateien sind zugeschnitten auf die sich verändernde Situation: vom Entzug bis zum glücklichen Nichtraucher. Dringend wird empfohlen, sie über drei Monate hinweg am besten abends im Bett zu hören. "Der Effekt ist einfach dauerhafter", sagt Kaufmann.

Tag 9

Leugnen ist zwecklos, ich bin ruhelos, gereizt, ungeduldig. Soll ich die Notfall-Tablette nehmen? Ich füttere mich stattdessen mit Nüssen. Jeden Morgen bekomme ich einen Cocktail aus B- und D-Vitaminen, Omega3-Fettsäuren und zum Frühstück ein Ei. Der Härtetest: im Supermarkt die Kasse passieren und keine Zigaretten kaufen. Alkohol ist jetzt eigentlich tabu, trotzdem trinke ich abends ein Gläschen Wein. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Ernährung ist in dieser Phase wichtig, um die Nerven zu stärken, erklärt Kaufmann. Und Nüsse sind allemal besser als Schokolade. Deshalb bekommt jeder Teilnehmer vorab eine Liste mit Lebensmitteln, die er vorrätig haben sollte.

Tag 11

Ich kann das, ich will das, ich schaff" das. Morgens läuft im TV anstelle des Frühstücksfernsehens ein Youtube-Motivationsvideo von Kaufmann.

Tag 16

Die kleine Amygdala trumpft so richtig auf: Diesmal, weil die Internetverbindung nicht funktioniert und der Router neu gestartet werden muss. Ich bin versucht, ihn an die Wand zu schmeißen. Dann wird mir bewusst, was mein Unterbewusstsein schon längst abgespeichert hat: Drei tiefe Atemzüge beruhigen die Nerven ebenso gut wie eine Zigarette.

Tag 23

Mein Selbstvertrauen steigt: Ich kann das, ich will das, ich schaffe das. Das Nichtraucher-Outing im Kollegenkreis macht Mut. Alle bestärken mich, viele haben es selbst schon geschafft! Eine App, die ich mir auf dem Smartphone installiert habe, meldet: noch 247 Tage Sucht.

Tag 30

Nichts ist so gefährlich wie Stress und Streit. Die Hände zittern, der Kopf sagt: Kannst auch rauchen, ist doch eh alles egal. Ist es nicht. Und ich habe Kräuterzigaretten.

Tag 48

Himmel, ein Familienfest! Für die Raucher unter den Gästen wird ein Aschenbecher auf der Terrasse platziert. Zu später Stunde, in geselliger Runde, funkt die kleine Amygdala auf allen Kanälen: Eine schadet nicht... Rattengift! Komm, mach nicht so ein Theater daraus? Krebsstängel! Tief durchatmen.

Die Strategien, die Jochen Kaufmann zur Raucherentwöhnung vermittelt, sind darauf ausgelegt, in Krisensituationen stark zu bleiben. Es gibt klare Handlungsempfehlungen und zur Not spezielle Audiodateien. Im Seminar ist deutlich geworden: eine Zigarette, und alles fängt von vorne an.

Tag 59

Die App sagt: 295 Euro gespart. 1122 Zigaretten nicht geraucht, 14,77 Lebenstage wiedererlangt, rein statistisch. Tatsächlich sind es viel mehr. Ich habe jetzt so viel Zeit, muss mir nicht ständig Rauchpausen freischaffen. Dass Rauchen nichts mit Entschleunigung zu tun hat, begreife ich erst jetzt.

Tag 101

506 Euro gespart. 1923 Zigaretten nicht geraucht, mehr als 25 Tage Leben gewonnen. Auch wenn ich hin und wieder ans Rauchen denke - es ist okay.

Jetzt heißt es, nicht übermütig zu werden. "Wer rückfällig wird, hat die Hypnose-Dateien keine drei Monate angehört", vermutet Kaufmann. Deshalb gibt es ein Jahr lang Telefoncoachings und die Möglichkeit, das Seminar zu wiederholen.

Tag 158

3000 nicht gerauchte Zigaretten. 3000! Staunend schaue ich anderen beim Rauchen zu und verspüre null Drang, es selbst zu tun. Ich bin ein glücklicher Nichtraucher und bleibe es hoffentlich auch - wer hätte das gedacht.


Ansprechpartner

Jochen Kaufmann bietet auch in der Coronakrise Unterstützung bei der Raucherentwöhnung - telefonisch, mittels Audiodateien oder als Seminar mit strengen hygienischen Auflagen. Informationen gibt es im Internet unter www.raucherentwoehnung-nichtraucher.de oder telefonisch unter 07131 4059350.

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung bietet auf www.rauchfrei-info.de ebenfalls viele Informationen. Unter der Telefonnummer 0800 80708877oder per E-Mail an krebshilfe@infonetz-krebs.de berät das Infonetz Krebs kostenfrei rund um die Tabakentwöhnung.


Dilchert

Renate Dilchert

Autorin

Renate Dilchert ist seit 1993 bei der Heilbronner Stimme und arbeitet als Redakteurin im Ressort Leben und Freizeit.

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