Wie Typ-2-Diabetiker Folgeerkrankungen minimieren können

Medizin  Typ-2-Diabetiker können selbst dazu beitragen, das Risiko für schwere Folgeerkrankungen zu minimieren. Mehr Bewegung in den Alltag zu integrieren, ist ein Schritt in die richtige Richtung.

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Schokolade, Eiscreme, Vollkornbrot, Nudeln und Äpfel haben etwas gemein: Sie enthalten Kohlenhydrate, die dem Körper Energie liefern. Gerät der Kohlenhydratstoffwechsel dauerhaft aus dem Gleis, dann entsteht Diabetes mellitus, im Volksmund Zuckerkrankheit genannt - denn chemisch betrachtet sind Kohlenhydrate nur verschiedene Arten von Zucker.

Folgeerkrankungen von Amputation bis Erblindung

Die Folgen können fatal sein: "Ein unzureichend kontrollierter Diabetes oder ein längerfristig unentdeckter Diabetes sind mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Nierenfunktionsstörungen, Erblindung und Fußamputationen verbunden", warnt das Robert Koch-Institut. Diabetes-Folgeerkrankungen scheinen auch das Risiko für einen schweren Verlauf von Covid-19 zu erhöhen. Doch grundsätzlich erkranken Menschen mit einem gut eingestellten Diabetes mellitus nicht häufiger als die Durchschnittsbevölkerung an dem Coronavirus, erklärt die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG).

Während Diabetes-Typ-1 eine Autoimmunerkrankung ist, deren Ursachen weitgehend im Dunkeln liegen, sind die Risiken für Diabetes-Typ-2 bekannt: Neben der genetischen Veranlagung spielen äußere Faktoren wie Übergewicht, Fettsucht und Bewegungsmangel "eine entscheidende Rolle beim Ausbruch", warnt der Bundesverband Deutscher Internisten. "Typ-2-Diabetes tritt typischerweise im mittleren Alter auf, kommt aber auch zunehmend in jüngeren Jahren sowie bei Kindern und Jugendlichen vor."

Bewegung ist Teil der Therapie

Bewegung beugt Typ-2-Diabetes nicht nur vor, sie ist auch Teil der Therapie: "Dadurch erhöhen sich generell die Durchblutung der Muskulatur und der Energieverbrauch. Trainierte Muskulatur wird nicht nur kräftiger, sondern kann auch effizienter Zucker verarbeiten", erklärt der Heilbronner Hausarzt und Diabetologe Dr. Tobias Armbruster. "Regelmäßiges Training hält die Zucker- und Insulinkonzentration im Gleichgewicht."

Wer neu erkrankt, erhält Schulungen für den Umgang mit Diabetes. Da geht es um Blutzuckermessungen, Medikamente, Ernährungsumstellung - und darum, wie man aus der Immobilität wieder herauskommt. "Bewegung ist für alle Formen des Diabetes mellitus eine der wichtigsten Maßnahmen, die Gesundheit zu erhalten", schreibt auch die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) in ihren Praxisempfehlungen - eine wirksame Stellschraube, an der Patienten selbst drehen können. Doch in der Coronakrise sind die Kurse zeitweise ausgesetzt.

Darum gilt jetzt noch mehr als sonst, was Armbruster, der auch Vorsitzender und ärztlicher Leiter des Diabetischen Schulungszentrums Heilbronn ist, seinen Patienten vermitteln will: "Jeder ist für sich selbst verantwortlich."

Bewegung in den Alltag einbauen

Wer seit Jahren keine Sportschuhe geschnürt hat, wird kaum über Nacht zum Dauerläufer. Muss er auch nicht: "Belastungen nach dem Motto ,Laufen ohne Schnaufen" bringen bereits gute Gesundheitsergebnisse", heißt es bei der DGG. "Natürlich macht es Sinn, im Alltag allgemein die Bewegung zu steigern", betont auch Armbruster. Wer die Treppe nimmt statt Lift oder Rolltreppe, wer kürzere Strecken zu Fuß statt mit dem Auto zurücklegt, bei der Busfahrt ins Büro eine Station früher aussteigt oder regelmäßig im Garten arbeitet, der ist bereits auf einem guten Weg.

Die eine Sportempfehlung für Diabetiker gibt es nicht. "Das ist zunächst einmal sehr banal jede Bewegung, die Spaß macht", sagt Armbruster. Wird Bewegung ärztlich angeraten, doch der Patient hat keine Freude daran, dann bleibt er erfahrungsgemäß auch nicht kontinuierlich dabei. ",Regelmäßig" und ,langfristig" sind die entscheidenden Faktoren", betont der Heilbronner Arzt. "Der tägliche 15-minütige Hundespaziergang - mit oder ohne Hund - ist sicherlich wertvoller als sich einmal wöchentlich auszupowern."

Dem Zucker davonlaufen
Verbreitung von Diabetes mellitus.

Wer Kraft und Ausdauer gezielt trainieren will, dem empfehlen Experten, sich mehrmals wöchentlich dafür Zeit zu nehmen. Zum Ausdauertraining eignen sich beispielsweise Nordic Walking, Joggen, Schwimmen oder Radfahren, Bergwandern oder auch Tanzen. "Ideal sind ohne Zweifel Ausdauersportarten mit Beanspruchung großer Muskelgruppen", erklärt Armbruster. "Aber auch hier gilt: Es sollte Spaß machen."

Wer sich nicht für aerobes Kardiotraining etwa auf dem Ergometer begeistert, der könne auch Kraftsport oder einen Mix aus beidem machen. "Allerdings sollte beim Kraftsport der Blutdruck beobachtet werden, da es zu einem schnellen Anstieg kommen kann."

Aktiv werden nach ärztlichem Rat

Bevor es losgeht, sollten Betroffene ihrem Arzt einen Besuch abstatten. "Insulinpatienten sollten sich zum Thema Unterzuckerungsrisiken Rat holen", betont Armbruster. Generell, besonders aber bei Begleiterscheinungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen seien eine individuelle Beratung in der Hausarztpraxis und eventuell eine Gesundheitsuntersuchung mit Belastungs-EKG empfehlenswert.

Nützlich ist, sich rechtzeitig zu überlegen, welche Maßnahmen die Freude an der Bewegung langfristig erhalten können. Vielen hilft es schon, nicht von "Sport" zu sprechen, sondern von "Bewegung" - das vermeidet Überforderung und Frustration. Manch einen motiviert Sport mit Freunden, dem Partner oder dem Hund, ein anderer schätzt regelmäßige Termine in einer Gruppe Gleichgesinnter. "Sehr gute Bewegungsprogramme", so Armbruster, finden sich in der Region normalerweise über die Sportvereine, Volkshochschulen und Krankenkassen.

"Der Vorteil solcher strukturierter Bewegungsprogramme ist, dass neben der muskulären Beanspruchung auch die Geschicklichkeit, das Reaktionsvermögen und die Koordination verbessert werden." Einiges muss allerdings noch warten, bis die Pandemie weiter abgeflaut ist. Doch laufen oder Rad fahren kann man ja auch allein.


Diabetes-Steckbrief

Nach Daten des Robert Koch-Instituts haben in Deutschland 9,2 Prozent der 18- bis 79-jährigen Bevölkerung einen Diabetes, darunter sind zwei Prozent mit einem unerkannten Diabetes. Das sind 5,9 Millionen Menschen. Jedes Jahr kommen rund 560.000 Patienten mit einer Neu-Diagnose dazu. Mit rund 90 Prozent die weitaus häufigste Form ist der Typ-2-Diabetes.

 


Dilchert

Renate Dilchert

Autorin

Renate Dilchert ist seit 1993 bei der Heilbronner Stimme und arbeitet als Redakteurin im Ressort Leben und Freizeit.

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