Pest, Cholera und jetzt Corona: Was die Menschen aus früheren Seuchen gelernt haben

Medizin  Interview mit der Historikerin Karen Nolte vom Institut für Geschichte und Ethik der Medizin an der Uni Heidelberg über die Folgen von Pandemien.

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Das Corona-Virus hat nicht nur Deutschland fest im Griff. Pandemie nennen Fachleute eine Infektion, die sich weltweit ausbreitet. Solche Seuchen haben die Menschen zu allen Zeiten herausgefordert, weiß die Medizinhistorikerin Professorin Karen Nolte: "Jetzt ist die Politik genauso gefragt wie die Medizin."

Gefühlt befinden wir uns in einer Ausnahmesituation. Wie einzigartig ist die Corona-Pandemie historisch betrachtet?

Karen Nolte: Es gab Ende des 19. Jahrhunderts die so genannte Russische Grippe, die ihren Ausgang in Russland nahm - deshalb auch der Name. Sie breitete sich entlang der transsibirischen Eisenbahn aus und forderte insgesamt 250.000 Todesopfer in Europa. 1918/19 kam die Spanische Grippe, die verheerende Folgen hatte, weil sie nach dem ersten Weltkrieg auf eine sehr immungeschwächte Bevölkerung traf. Die Spanische Grippe hat damals weltweit 25 bis 39 Millionen Todesopfer gefordert, so schätzt man heute. 1957 kam die Asiatische Grippe aus China mit weltweit zwei Millionen Todesopfern und wenige Jahre später, 1968, die Hongkong-Grippe. Da gab es schätzungsweise 750.000 bis zwei Millionen Tote weltweit, in Deutschland circa 30.000. Und wir haben noch Sars gehabt und die Vogelgrippe, die aber in der deutschen Wahrnehmung nicht so präsent waren, weil sie nicht solche Folgen hatten wie jetzt die Corona-Pandemie.


Wie unterscheidet sich das Geschehen damals und heute?

Nolte: Was ein deutlicher Unterschied ist: In früheren Zeiten, vor allen Dingen im 19. Jahrhundert, hat sich die Grippe sehr viel langsamer ausgebreitet als heute. Die Wege zwischen den einzelnen Ländern waren weiter, weil man einfach länger brauchte, um von Punkt A nach Punkt B zu kommen. Heute geht das ja sehr rasant.


Die Spanische Grippe ist praktisch ein Synonym für eine Pandemie. Wie war damals der Verlauf?

Nolte: Im Ersten Weltkrieg herrschte eine besondere Situation, weil es durch den Krieg viel Bewegung innerhalb Europas gab. Die Umstände begünstigten die Ausbreitung der Seuche allein schon dadurch, dass die Soldaten eng beieinander waren, die Truppen sich ja auch bewegten und dadurch die Infektion weitergegeben wurden. Die Grippe verbreitete sich rasend schnell innerhalb der Truppen. Die Krankheit wurde hier als "Kameradschaftsgrippe" bezeichnet.


Jetzt erleben wir eine Einschränkung des öffentlichen Lebens in einem Maße, wie es kaum jemand für möglich gehalten hätte. Hat man in der Vergangenheit ähnlich auf solche Ereignisse reagiert?

Nolte: Was das angeht, könnte man mal ins späte 19. Jahrhundert auf die Cholera-Epidemie schauen. 1890 gab es in Hamburg genau diese Diskussion, ob man Quarantänen durchführen soll und so weiter. Robert Koch war als Experte hinzugezogen, der als Bakteriologe dringend davor gewarnt hat, Handelsbeziehungen und Kontakte aufrecht zu erhalten. Er war eher für eine Separierung oder Quarantäne. Max von Pettenkofer, ein berühmter Hygieniker, vertrat die Bodentheorie in Kombination mit der Miasmenlehre. Letzteres ist ein vormodernes Konzept, das davon ausgeht, dass epidemisch auftretende Erkrankungen hervorgerufen werden durch schlechte Dämpfe, die aus dem Erdreich aufsteigen. Pettenkofer war ein strikter Gegner der Begrenzung von Handelsbeziehungen.


Wer hat sich durchgesetzt?

Nolte: Beide haben auf ihre Weise richtige Vorschläge gemacht. Koch hat vorgeschlagen, nur noch abgekochtes Wasser zu sich zu nehmen und Gemeinschaftstoiletten zu meiden, was natürlich schichtspezifisch nur sehr unterschiedlich umgesetzt werden konnte. Und Pettenkofer riet zu sanitären Maßnahmen, beispielsweise den ganzen Müll von den Straßen zu entfernen und nicht mehr Abwasser in die Kanäle zu leiten. Beide Empfehlungen waren ja bei dieser Epidemie durchaus zielführend. Man sieht, da gibt es ein Ringen um die richtige Maßnahme.


Was passiert auf sozialer Ebene mit einer Gesellschaft, im Umgang miteinander, wenn man solchen Einschränkungen unterworfen ist?

Nolte: Eine erste Reaktion ist Stigmatisierung. Man hat ja am Anfang der Corona-Pandemie asiatisch aussehende Menschen stigmatisiert, weil man gedacht hat, die sind schuld, die haben die Infektion nach Europa gebracht. Das hat sich inzwischen mehr ausdifferenziert, aber diesen Mechanismus gibt es nach wie vor. Etwa, dass die Nachbarn in Südtirol gewesen seien, und dass man sie jetzt meiden müsse. Solche Formen der Stigmatisierung gibt es auch in der Geschichte. Wenn man sich die Pest-Pandemie anschaut: Die Judenpogrome, die den Pestwellen vorausgingen, waren sozusagen eine Form der Angstabwehr, weil man den Juden zugeschrieben hat, die Pest über die Menschen zu bringen. Das sind so Mechanismen, die kann man heutzutage nicht in dieser extremen Form beobachten, aber in Ansätzen schon - dass bestimmte Menschen gemieden werden oder dass ihnen zugeschrieben wird, in besonderer Weise dazu beizutragen, die Infektion zu verbreiten.


Wir erleben aktuell ja auch Hamsterkäufe.

Nolte: Es gibt die These, dass die Hamsterkäufe ihren Ursprung eher in der Erfahrung des Zweiten Weltkriegs haben und dass bei Deutschen diese Angst, nicht genug Nahrungsmittel zu haben, aus der Kriegserfahrung heraus generationell weitergegeben ist. Diese Hamsterkäufe kann man zum Beispiel im Zusammenhang mit der Spanischen Grippe so nicht beobachten. Aber es herrschte ja auch eine Mangelwirtschaft im Ersten Weltkrieg - da gab es die Möglichkeit zum Hamstern nicht. Die Fragen waren auch schon in früheren ähnlichen Situationen ein Thema: Wer hat Ressourcen, wer hat keine, und wie teilt man?


Wie gehen Staaten in solchen Situationen miteinander um?

Nolte: Die Bezeichnungen wie Russische Grippe, Spanische Grippe oder Asiatische Grippe verweisen ja darauf, dass man diesen Krankheiten einen Ursprungsort zuweist. Dieses Phänomen lässt sich auch bei anderen Seuchen beobachten. Da hat man eine ähnliche Situation wie heute. So wird in einer globalisierten Welt wieder in nationalen Grenzen gedacht, was eigentlich schwer nachzuvollziehen ist, zumal so ein Virus sich nicht an Grenzen hält.


Was hat man ganz praktisch aus der Vergangenheit gelernt?

Nolte: Ich denke wirklich, dass man zum Beispiel aus der Spanischen Grippe etwas gelernt hat. Virologen schauen heute auf die Maßnahmen, die man damals ergriffen hat. Man hat 1918 vier Wochen lang die Schulen geschlossen, um die Dynamik aus dem Infektionsgeschehen zu nehmen, und hat festgestellt, dass diese Maßnahme einen positiven Effekt hatte.


Das ist jetzt mehr als 100 Jahre her. Haben wir heute keine besseren Möglichkeiten?

Nolte: Na ja, Sie wissen ja, dass man Virusinfektionen nicht ursächlich behandeln kann. Und so lange man keinen Impfstoff hat... Das Interessante an dieser Art von Epidemien und Pandemien ist, dass die Politik mindestens genauso gefragt ist wie die medizinische Wissenschaft. Wenn man sich beispielsweise die Pest-Pandemie anschaut: Eine sehr effektive Maßnahme war schon 1374 die Quarantäne in Venedig - eine Idee, die eher Verwaltungsmenschen hatten denn Mediziner. Man verfügte, dass Schiffe, die nach Venedig kamen, nicht anlegen durften, sondern vier Wochen auf einer Insel vor der Stadt verharren mussten, bis man sicher sein konnte, dass bei der Besatzung keine Symptome auftraten. Das wird ja auch deutlich in der aktuellen Situation: Die Zusammenarbeit von verschiedenen Experten ist absolut notwendig, um so eine Situation in den Griff zu bekommen. Man hat ja nicht nur den epidemiologischen Effekt, sondern man hat auch soziale Effekte, die man abschätzen muss.

 

Zur Person Karen Nolte

Professorin Karen Nolte, Jahrgang 1967, leitet seit 2018 das Institut für Geschichte und Ethik der Medizin an der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg.

Außer dass man sich bewusst gemacht hat, dass man Menschen voneinander trennen muss - gab es weitergehende Erkenntnisse?

Nolte: Da fällt mir die Tuberkulose ein, die ja keine Epidemie ist, sondern eine Endemie - eine Krankheit, die die Menschen bis Mitte des 20. Jahrhunderts fest im Griff hatte. Die Erziehung zu hygienischem Verhalten war sehr zentral, beispielsweise nicht auf den Boden zu spucken. Es wurden überall in der Öffentlichkeit Spucknäpfe angebracht, manchmal sieht man noch die Halterungen. Das Auf-den-Boden-spucken ist in unserer Kultur jetzt etwas, was man nicht macht, aber es war vorher etwas Selbstverständliches. Auch dass man Menschen nicht anhustet, ist eine Erkenntnis, die aus der systematischen Bekämpfung der Tuberkulose kommt. Davon hat man auch während der Spanischen Grippe profitiert. Da gab es ja schon das Phänomen, dass die Menschen Mundschutz trugen, der auch modisch gestaltet wurde. Davon gibt es ganz skurrile Bilder.


Wie langfristig wirken solche Effekte?

Nolte: Die Tuberkulose war kein vorübergehendes Problem, sondern dauerhaft. Man hat die Bevölkerung umfassend erzogen. Das hat vermutlich einen nachhaltigeren Effekt gehabt. Der hat sich natürlich wieder gelockert in dem Moment, in dem die Tuberkulose nicht mehr so eine Bedrohung war.


Unsere Krise wird vielleicht Monate dauern. Wird sich die Zivilgesellschaft dadurch verändern?

Nolte: Wir haben heute den Vorteil, dass wir virtuell in Kontakt bleiben können. Auch wenn wir eine Ausgangssperre haben - was wohl noch auf uns zukommen wird - ist zumindest eine Kommunikation noch möglich. Das ist ja auch positiv. Ebenso, dass bestimmte Dinge jetzt anders organisiert werden. Man hat größeres Verständnis beispielsweise für Menschen, die ihre Kinder betreuen müssen. Vielleicht hat das auch einen Effekt für spätere Zeiten.

 

 
 

Dilchert

Renate Dilchert

Autorin

Renate Dilchert ist seit 1993 bei der Heilbronner Stimme und arbeitet als Redakteurin im Ressort Leben und Freizeit.

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