Nach 13 Jahren Warten endlich Rettung durch erhoffte Not-OP

Leingarten  Nierenranke Leingartenerin erhielt nach vielen Tiefschlägen doch noch ein Spenderorgan. Jetzt muss sie auf eine keimfreie Umgegung achten und darf zum Beispiel endlich wieder Bananen essen. Sie freut sich über die neue Freiheit abseits von Dialysemaschinen.

Von Carsten Friese
Nach 13 Jahren Warten endlich Rettung durch erhoffte Not-OP

Sie spricht mit einem für sie ganz besonderen Organ, streichelt es von außen und verspricht einem Unbekannten, auf es "aufzupassen": Die Leingartenerin Ursula Staudinger (66) hat nach einer langen Odyssee mit einigen Rückschlägen ein neues Leben geschenkt bekommen. Weil sie nach fast 13 langen Jahren Wartezeit, in der sie drei Mal die Woche ihr Blut an einer Spezialmaschine stundenlang reinigen lassen musste, doch noch eine Spenderniere erhielt.

"Es ist eine neue Freiheit, die Woche hat für mich wieder sieben Tage." Und ihre erste Banane nach der langen Zeit - Dialysepatienten mit Nierenfehlfunktionen sollen sehr kaliumarm essen - war für sie "ein Gedicht". Inzwischen, rund zehn Monate nach der Transplantation im Nierenzentrum der Uni-Klinik Heidelberg, geht es ihr gut. Ursula Staudinger muss nach wie vor 20 verschiedene Medikamente nehmen, meidet Menschenansammlungen, lässt Gäste vor dem Betreten der Wohnung ihre Hände desinfizieren, verzichtet auf Rohkost und hat echte Blumen strikt aus der Wohnung verbannt. Zu groß ist noch die Gefahr, durch Keime einen schweren Rückschlag zu erleiden.

Ihre Nierenwerte mit dem neuen Organ sind mittlerweile auf einem guten Niveau. Nach rund 13 Jahren hat sie die Kehrtwende geschafft - nach einer langen Zeit voller Hoffen und Bangen.

Plötzlich unerwartete Diagnose für den Ehemann: Hoffnung geplatzt

1996 mussten Ärzte der zweifachen Mutter eine Schrumpfniere entfernen, die sich immer wieder entzündet hatte. Die verbliebene zweite Niere war nach einiger Zeit überlastet, schlechtere Nierenwerte zeigten an, dass sie den Körper nicht mehr ausreichend entgiften konnte. Grund war ein Rückstau aus dem Harnleiter. Ursula Staudinger wurde Dialysepatientin; die den Körper schwächende Blutwäsche in einem Zentrum in der Region bestimmte den Wochenrhythmus.

Auf die Warteliste für eine Organspende hatte sich die Leingartenerin mit dem ersten Dialyse-Tag setzen lassen. Auf etwa fünf, sechs Jahre Wartezeit hatten die Ärzte sie am Anfang vorbereitet. Jahr um Jahr verging - ohne Nachricht. Ursula Staudinger und Ehemann Josef suchten relativ bald nach Alternativen. Josef Staudinger wollte seiner Frau eine seiner Nieren spenden - doch die Blutgruppen passten nicht. Als die Staudingers erfuhren, dass die Uniklinik Freiburg neue Verfahren für diesen Problemfall testet, wollten sie es wagen. Sie wären in Heidelberg das erste Ehepaar für die neue Methode gewesen - doch kurz vor dem Eingriff gingen bei Ursula Staudinger die Antikörperwerte bei einer Art Chemotherapie nicht unter eine erforderliche Schwelle. Der Eingriff wurde abgesagt, weil die Gefahr zu groß war, dass die Spenderniere abgestoßen wird.

Im März 2006 erfuhr das Ehepaar von einem sogenannten Crossover-Verfahren der Uniklinik Essen, bei dem betroffene Ehepaare überkreuz eine Niere spenden können. Die Staudingers fanden ein Ehepaar, bei dem alles passte. Doch als Josef Staudinger zur Voruntersuchung per Herzkatheter ging, stellten die Ärzte plötzlich zwei Engstellen in Herzarterien fest. Staudinger wurden sofort zwei Stents gesetzt - dadurch darf er nach den Regeln kein Nierenspender mehr sein.

Es war der zweite Tiefschlag in kurzer Zeit. Zunächst eine große Enttäuschung. Doch als der Chefarzt mitteilte, Josef Staudinger hätte die Organentnahme wahrscheinlich nicht überstanden, war auch Ehefrau Ursula froh, wie es gelaufen ist.

Also blieb weiter nur die Dialysemaschine. Jahr um Jahr. Am 10. März 2018 klingelte nachts gegen 3.20 Uhr dann plötzlich das Telefon. Die Uni-Klinik Heidelberg teilte mit, dass sie eine Niere für Ursula Staudinger habe. Endlich! Die Freude war riesengroß. Das Ehepaar fuhr mit dem vorgepackten Koffer zur Klinik, ab 9 Uhr folgte die vierstündige Operation. "Dieser Tag ist wie meine zweite Geburt", sagt die 66-Jährige heute.

Den Spender ihrer neuen Niere kennt sie nicht

Wer der Spender ihrer neuen Niere ist, weiß sie nicht, sie ist der Person und den Ärzten jedenfalls sehr dankbar. Eine gefährliche Infektion, eine Lungenentzündung und eine Blutvergiftung musste sie in der Folgezeit nach der OP überstehen, war zur Behandlung jedes Mal wieder in Heidelberg. Jetzt hat sie keine Beschwerden mehr. Und blickt mit positiver Energie dem Jahrestag ihrer Transplantation entgegen. "Man darf die Hoffnung nicht aufgeben", sagt sie. Und appelliert an alle, sich als Organspender eintragen zu lassen. "Eine Organspende schenkt Leben."

Die Erfolgsaussichten von Organübertragungen sind durchaus positiv. Nach fünf Jahren sind in Deutschland etwa 75 Prozent der transplantierten Nieren noch funktionsfähig, bei Herzen sind es 65 Prozent, teilt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung mit.

Deutschland ist mit sieben anderen Staaten in Mitteleuropa der gemeinnützigen Stiftung Eurotransplant angeschlossen. Es gibt ein gemeinsames Meldesystem, eine zentrale Warteliste. Der erwartbare Erfolg, Wartezeit und Dringlichkeit sind bei der Organvergabe an Patienten wichtige Kriterien.

Neuer Blick auf das eigene Leben

Der Blick auf das Leben ist für Ursula Staudinger nach ihren Erfahrungen ein besonderer geworden. Sie geht vieles gelassen an. "Wenn es meiner Niere gut geht, geht es auch mir gut", sagt sie. "Alles andere ist Pipifax." Anderen Dialyse-Patienten in ihrem Umfeld, die mit dem Schicksal haderten, versuchte die Leingartenerin mit positivem Denken Mut zu machen. Auch wenn der Gang an die Blutwäsche-Maschine jedes Mal viel Kraft koste: "Wenn es diese Maschinen nicht gäbe", sagt die 66-Jährige, "wäre ich schon 13 Jahre nicht mehr am Leben."

Nach 13 Jahren Warten endlich Rettung durch erhoffte Not-OP
Nach 13 Jahren Warten endlich Rettung durch erhoffte Not-OP

Genießt die neue Freiheit durch die Spenderniere: Ursula Staudinger.

Nach 13 Jahren Warten endlich Rettung durch erhoffte Not-OP

Kommentar hinzufügen