Geburtseinleitung braucht manchmal Medikamente

Region  Die Fachgesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe verteidigt das Mittel Cytotec, das Ärzte zur Geburtseinleitung verwenden und das zuletzt nach Medienberichten in die Kritik geraten war. Kliniken in Heilbronn und der Umgebung setzen bei einer beabsichtigten Verwendung auf Aufklärung und auf eine sorgfältige Überwachung von Mutter und Kind.

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Endlich ist es da: Die Geburt eines Babys geht nicht immer problemlos auf natürlichem Wege vonstatten. Foto: GordonGrand/stock.adobe.com

Welches Baby hält sich schon an den Geburtstermin, der ihm rechnerisch zugewiesen wurde? Nur etwa vier Prozent aller Schwangerschaften enden tatsächlich an diesem Datum, einige Babys haben es eilig, andere lassen sich Zeit. Das Warten kann mitunter einige Tage lang dauern. Aber irgendwann ist Schluss: Das Kind muss raus, und setzen die Wehen nicht von selbst ein, wird in der Klinik die Geburt eingeleitet. Dabei verwenden Ärzte häufig ein Medikament namens Cytotec oder den darin enthaltenen Wirkstoff Misoprostol. Beide sind jetzt in die Schlagzeilen geraten, nach Medienberichten in den vergangenen Wochen sind Unsicherheit und Aufregung groß.

Der Vorwurf: Cytotec, so berichten die "Süddeutsche Zeitung" und der Bayerische Rundfunk, sei für die Verwendung in der Geburtshilfe nicht zugelassen. In seltenen Fällen sei es dadurch zu Totgeburten, Behinderungen bei den Babys und Verletzungen der Mutter gekommen.
 

Die Antwort: Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) reagierte mit einer ausführlichen Stellungnahme. "Es gibt keinen Wirkstoff zur Geburtseinleitung, der ähnlich gut in Studien untersucht wurde", heißt es darin. Und: "Die Evidenz ist unstrittig: Der Wirkstoff Misoprostol ist das effektivste Medikament zur Geburtseinleitung." "Fast alle Perinatalzentren höchster Ordnung" würden diesen Wirkstoff verwenden, nicht in Form des Medikaments Cytotec 200, sondern als Präparat mit geringerer Dosierung.


Die Reaktionen in der Region: "Natürlich ist das ein wichtiges Thema für Frauen, die zur Entbindung kommen", sagt Professor Reinhard Hackenberg. "Entsprechend ausführlich besprechen wir die Problematik mit den Patienten und erläutern offen die Vorteile von Cytotec, aber auch seine Nachteile, so dass die Patienten nach entsprechender Aufklärung selbst entscheiden können", betont der Direktor der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe der SLK Kliniken am Gesundbrunnen in Heilbronn. "In der gegenwärtigen Situation bieten wir den Patientinnen noch klarer als vorher an, auf andere Medikamente auszuweichen."

Ähnlich sieht es im RKH Klinikum Ludwigsburg aus. "Aufgrund der Unsicherheit der Patientinnen, ausgelöst durch die Medienberichte, sind wir insgesamt beim Thema Cytotec beziehungsweise dessen Einsatz sehr zurückhaltend", teilt Professor Wolfgang Heyl, Ärztlicher Direktor der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, auf Anfrage der Heilbronner Stimme mit. Patientinnen, die das Mittel ablehnten, würde "selbstverständlich eine zugelassene Alternative" geboten. Keine Stellungnahme war vom Hohenloher Krankenhaus in Öhringen zu erhalten. Dr. Thomas Schumacher, Chefarzt der Gynäkologie und Geburtshilfe der GRN-Klinik in Sinsheim, verweist auf die Mitteilung der DGGG - danach würden er und sein Team sich richten.


Das stimmt an den Vorwürfen: Cytotec 200 ist als Medikament zum Schutz der Schleimhaut des Magens zugelassen. Eine Zulassung für die Geburtseinleitung gibt es nicht. Ärzte setzen es dennoch im Rahmen ihrer Therapiefreiheit ein - der Fachbegriff lautet Off-Label-Use. Laut DGGG ist das keine Seltenheit. Die Zulassungsstudien fast aller Medikamente würden regelmäßig Kinder und Schwangere ausschließen.


Wie ist die Datenlage? "Mittlerweile gibt es mehr als 80 randomisiert-kontrollierte Studien zur Verwendung von oralem Misoprostol sowie dutzende randomisiert-kontrollierte Studien zur vaginalen Applikation", verweist die gynäkologische Fachgesellschaft auf die Datenlage. Komplikationen würden kontinuierlich erfasst und zentral beim Institut für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen (IQTIQ) gesammelt.


Darum wird das Magenmittel in der Geburtshilfe eingesetzt: "Der Wirkstoff Misoprostol, ein Prostaglandin-E1-Analogon, hat wie andere Wirkstoffe auch Effekte an verschiedenen Organen", teilt die DGGG dazu mit. "Er führt so zum Beispiel an der Gebärmutter zu einer Reifung des Gebärmutterhalses und Kontraktionen der Gebärmuttermuskulatur." Das macht sich die Medizin zu Nutze. "Wir setzen es zur Vorbereitung einer Ausschabung bei einer Fehlgeburt ein. Außerdem wird es verwendet, wenn eine Geburt aus medizinischen Gründen eingeleitet werden muss", erklärt Hackenberg.


Welche Risiken sind bekannt? Jedes Medikament kann unerwünschte Nebenwirkungen haben. Zu den seltenen Nebenwirkungen von Misoprostol zählen laut DGGG erhöhte Temperatur oder Fieber, Zittern und Überstimulation. Um die gefährlichen Wehenstürme zu vermeiden, darf das Mittel nicht gegeben werden, wenn Wehentätigkeit vorliegt, betont die Fachgesellschaft. "Wir wenden es deshalb nur dann an, wenn die Patientin in der Klinik stationär behandelt und überwacht wird. Entsprechend engmaschig wird auch das Kind überwacht", sagt Hackenberg. "Die Überwachungsmaßnahmen sind jedoch bei allen Einleitungsmaßnahmen unbedingt erforderlich. Misoprostol ist in dieser Hinsicht keinesfalls gefährlicher als die anderen möglichen Medikamente."


Wie kam es zu den Todesfällen? Die "Einzelfälle", von denen berichtet wurde, hätten vor allem Geburten betroffen, bei denen im Vorfeld eine Operation der Gebärmutter wie ein Kaiserschnitt oder die Entfernung eines Myoms erfolgt sei. "Hier gibt es unabhängig von einer Geburtseinleitung immer das Risiko, dass es zu einer Uterusruptur mit entsprechendem erhöhtem Risiko für Mutter und Kind kommen kann", erklärt die DGGG. "In dieser Situation darf Misoprostol nicht zur Geburtseinleitung verwendet werden, was seit vielen Jahren bekannt ist."


Welche Alternativen gibt es? Der Wirkstoff Misoprostol gehört zur Gruppe der Prostaglandine. "Es gibt auch andere Prostaglandine, die zur Geburtseinleitung verwendet werden können", sagt der Heilbronner Klinikdirektor Hackenberg. Diese seien jedoch nicht als Tablette, sondern nur als Gel erhältlich, das in den Bereich des Muttermundes gespritzt werden muss. Misoprostol führe jedoch, so die DGGG, "vor allem bei der oralen Anwendung zu weniger Kaiserschnitten als mit anderen Medikamenten".


Wie geht es weiter? Der Wirkstoff Misoprostol, der im Medikament Cytotec enthalten ist, ist laut DGGG in vielen Ländern zur Geburtseinleitung zugelassen. In Deutschland soll die Zulassung eines Präparates namens Angusta Ende dieses Jahres gestartet werden. Es enthält den Wirkstoff in niedrigerer Dosierung als Cytotec. Aktuell arbeiten die DGGG sowie die Fachgesellschaften in der Schweiz und Österreich an einer Leitlinie zur Geburtseinleitung. Darin werde die Verwendung von Misoprostol zur Geburtseinleitung im Einklang mit den Leitlinien anderer Länder und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlen.

 


Dilchert

Renate Dilchert

Autorin

Renate Dilchert ist seit 1993 bei der Heilbronner Stimme und arbeitet als Redakteurin im Ressort Leben und Freizeit.

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