"Diese Krankheit stirbt nie aus"

Interview  Dr. Falk-Christian Heck operiert in seiner Klinik nur Frauen mit der Diagnose Lipödem - Erkrankung wird oft von der Mutter an die Tochter vererbt.

Von unserer Redakteurin Kirsi-Fee Rexin
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"Diese Krankheit stirbt nie aus"

Über 15 Jahre entwickelte Dr. Falk-Christian Heck die Lipödem-Chirurgie. Im Interview spricht der Leiter der Lipoclinic über seine Erfahrung mit Betroffenen der Fettverteilungsstörung.

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Was fällt Ihnen zum Lipödem ein?

Dr. Falk-Christian Heck: Das Lipödem ist eine noch immer nicht ansatzweise ernst genommene Erkrankung bei Frauen. Das damit verbundene frühe Auftreten der körperlichen Veränderung führt zu erheblichen Schäden in der natürlichen Reifung einer gesunden Persönlichkeit und zu körperlichen Schmerzzuständen. Diese werden aber weder erkannt und akzeptiert, noch medizinisch und ärztlich richtig eingeschätzt.

Wer sind Ihre Patienten?

Heck: Meine Patienten sind ausschließlich Frauen. Meist sind die Mädchen, wenn man vom Krankheitsbeginn in der Pubertät ausgeht, schon um die 20 oder Mitte 20 und blicken damit auf eine lange Krankheitsspanne von fünf bis zehn Jahren zurück.

 

Welche Beschwerden und Äußerlichkeiten bringen sie mit?

Heck: Charakteristisch ist die Formveränderung: Meist an den Beinen beginnend, wächst Fettgewebe kontinuierlich und führt zu einem immer konturloser erscheinenden Bein. Oftmals sind auch die Arme betroffen. Hier beginnt es an den Oberarmen und entwickelt sich zu den Unterarmen fort. Das Wachstum ist verbunden mit zunehmenden Lymphstauungen, was zu Spannungs- und Berührungsschmerzen führt.

 

Wie viele Betroffene gibt es in Deutschland?

Heck: Wir sprechen von Millionen betroffener Frauen. Das tragische ist, dass das Lipödem oft von der Mutter an die Tochter weitergegeben wird. Heißt: Diese Krankheit stirbt nie aus.

 

Wie operieren Sie?

Heck: Bei der Lipödemerkrankung müssen wir aggressiv und allumfassend operieren. Wir verwenden seit 2012 die WAL-Technik, die Wasserstrahl assistierte Liposuktion. Mit einem Sprühstrahl wird Tumeszenzlösung (Gemisch aus Kochsalz und Betäubungsmitteln) in geringer Menge im Gewebe verteilt. Der Sprühstrahl trennt schonend das Bindegewebe und spült das Fett heraus. So wird reinweg pures Fett abgesaugt.

 

Was ist der Unterschied zur Kompressionstherapie?

Heck: Die konservative Therapie ist der erste Schritt. Dadurch werden Stauungsbeschwerden gelindert. Eines kann die Kompressionstherapie aber nicht: die Fettzellen am Weiterwachsen und an der Vermehrung hindern.

 

In welchem Stadium sollte operiert werden?

Heck: Sobald Leidensdruck durch Schmerzen, Figurveränderung, Einschränkungen der körperlichen Aktivität und der beruflichen Belastbarkeit entsteht. Je früher operiert wird, desto weniger Begleiterkrankungen stellen sich ein.

 

Was passiert ohne Liposuktion?

Heck: Durch Zunahme der krankhaften Fettzellen werden durch lymphatische Stauungen die Stoffwechselvorgänge im Bindegewebe gestört, so dass Stoffwechselschlacken oder chronische Entzündungen entstehen können. Durch die Menge an Fett zwischen den Beinen kann es zu einem x-beinigen Watschelgang kommen. Verschleißschäden an den Knie- und Fußgelenken sind dann die Folge.

 

Welches Ziel verfolgt die Operation?

Heck: Das wichtigste ist, die Krankheit zu stoppen. Alles, was entfernt ist, bleibt weg. Zweitens: Die Frauen werden durch die entstauende Lipodekompression nahezu alle schmerzfrei. Drittens: Es soll keine Kompressionstherapie oder ähnliches mehr nötig sein. Viertens: Weiblichkeit zurückgeben. Durch das Wiederherstellen natürlicher Körperproportionen kann das Selbstbewusstsein wieder aufgebaut werden.

 

Kann das Lipödem wiederkommen?

Heck: Nein, in 15 Jahren habe ich keinen einzigen Fall erlebt.

 

Wie viel kostet eine Operation?

Heck: Zwischen 5000 und 9000 Euro.

 

Was muss sich ändern?

Heck: Die psychische Belastung durch das Lipödem wird unterschätzt. Deshalb wollen wir noch in diesem Jahr eine großangelegte, wissenschaftliche, universitär geführte Studie in diesem Bereich durchführen.


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