Im haselnussbraunen Wasser schwabbert breiig der Schlamm (20.10.08)

Neckarwestheim - Im Kühlturm des Heilbronner EnBW-Kohlekraftwerks wird geschrubbt

Von Joachim Friedl

Peter Buck und Bernd Alicke (rechts) vor dem 140 Meter hohen EnBW-Kühlturm. Sie sind mit dem Ablauf der Revision zufrieden.Fotos: Dittmar Dirks
Neckarwestheim - Es ist eine schlammig-morastige Arbeit. Die Luft riecht leicht fischig. Thomas Steeb und Irmfried Bischberger stehen 15 Zentimeter tief im haselnussbraunen Neckarwasser und bugsieren den Schlamm, der sich innerhalb des vergangenen Jahres im Teller des EnBW-Kühlturms angesammelt hat, vor sich her. Normalerweise steht das Wasser hier 180 Zentimeter hoch. Diese Höhe kann man gut an den Pfeilern ablesen: Das kalkhaltige Neckarwasser hinterlässt seine Spuren. Im Kohlekraftwerk der Energie Baden-Württemberg AG an der Lichtenbergerstraße in Heilbronn ist Revision.

Für die kommenden drei Tage ist für Thomas Steeb und Irmfried Bischberger sowie acht weiteren kräftigen Männern Arbeitsbeginn um 7 Uhr. Sie tragen Schaftstiefel, stilecht einen Overal in EnBW-Blau oder auffälligem Weiß und einen Arbeitsschutzhelm. Ihr wichtigstes Arbeitsgerät ist ein Schneeschieber, wie man ihn aus höher gelegenen Regionen bestens kennt. Aus Metall, Gummi oder Holz. Mit ihm wälzen sie von der Mitte des Kühlturmtellers Meter um Meter den Neckarschlamm vor sich her zu einem Sammelpunkt. Gluckernd, blubbernd und glucksend nimmt der Saugrüssel der monoton vor sich hin summenden Pumpe gierig den Schlamm in sich auf. In unmittelbarer Nähe spürt man, wie der Boden sanft vibriert. Wird der Schlamm zu dick, greift einer von ihnen zum bereitliegenden Wasserschlauch und verdünnt die sulzig-braune Masse. Es ist eine mühevolle und schweißtreibende Arbeit. Und deshalb genießen sie die wenigen Minuten Pause, wenn der Schlammwagen zum Container unterwegs ist. Ein paar Züge an der Zigarette, ein ausgiebiger Schluck aus der Sprudelflasche oder ein genussvoller Biss ins mitgebrachte Vesperbrot.

Schafe und Falken

Sieben Container mit einem Volumen von jeweils drei Kubikmeter Schlamm fallen im Schnitt in den drei Tagen an. Führte der Neckar im Laufe des Jahres Hochwasser, sind es gleich ein paar Kubikmeter mehr. Sorgfältig analysiert, wird der Schlick auf Sondermülldeponien abgelagert. Aus diesem Grund kann der Schlamm auch nicht dorthin zurückgebracht werden, woher er kommt – in den Neckar. Je nach Art und Stärke der Belastung wird der Brei auch als Düngemittel eingesetzt. „Das Gemenge ist belastet mit Schwermetallen, vor allem mit Kupfer“, weiß Diplom-Ingenieur Peter Buck. Es stammt von dem aus Messing bestehenden Kondensator.

105 Meter ist der Durchmesser des Kühlturmtellers. Während der Revision steht das Wasser knöcheltief, im Betrieb steigt es auf 180 Zentimeter an. Die zahlreichen Stützen tragen die Rieselplatten.
Völlig unbeeindruckt von der Belastung der Männer am Fuße des 140 Meter hohen Kühlturms grast eine Schafherde auf der Wiese an der Kühlturm- und Wasserhausstraße. Die Tiere gehören seit Jahrzehnten zum Bild des EnBW-Kohlekraftwerks Heilbronn und vermitteln dem Gewann Eisbiegel am nördlichen Ende des Geländes ein kleines Stück dörfliche Idylle. Genauso wie die Schafe sind ein Turmfalkenpaar seit Jahren treue Bewohner des Kühlturms.

Neue Welt

Alle Jahre aufs Neue stehen die Männer im Kühlturmteller, der einen Umfang von 330 Metern und einen Durchmesser von 104,7 Metern hat. Fast zwei Fußballfelder hätten bequem darin Platz. „Diese Arbeiten werden immer wieder notwendig, weil sich Schlamm, der zuhauf im Neckarwasser gelöst ist, sich auf dem etwa 50 Zentimeter dicken wasserundurchlässigen Teller aus Beton ablagert,“ erläutert Werner Koss die Maßnahme. Er ist seit 1982 bei der EnBW und dort, wie er schmunzelnd selbst anmerkt, „Mädchen für alles“. Werner Koss kennt sich aus im Kraftwerk mit dem mächtigen Stromerzeuger Block 7. Und um ihn am Laufen zu halten, gehen der Kühlturm und das Neckarwasser diese enge Verbindung ein.

Aber nicht nur am Kühlturmteller wird während der Revisionsphase gearbeitet. Thomas Hornung steigt nahezu mühelos die 67 Stufen empor, die außen am Kühlturm angebracht sind. Sie bringen den Mitarbeiter, der vor seiner EnBW-Zeit als Zimmermann auf dem Bau gearbeitet hat und somit luftige Bereiche gewohnt ist, auf 15 Meter Höhe.

Die graue Stahltüre öffnet sich. Ein schmaler Steg führt hinein in das Innere des Kühlturms. Es ist eine neue Welt, die sich hier erschließt: azurblauer Himmel lässt den Blick zum 78 Meter großen Mündungsdurchmesser fasziniert nach oben gleiten und für Sekunden verharren. Die gekrümmte Betonwand ist in einem wirren Wechsel übersät mit großen und kleinen Flecken aus Kalk und Grünspan. Ein leichter Luftzug ist spürbar.

Reinste Handarbeit: Mit herkömmlichen Schneeschiebern befördern die Männer den Schlamm zur Pumpe.
Die Männer, die hier arbeiten, haben kaum Zeit für diese eindrucksvolle Szenerie. Ihre Aufmerksamkeit gilt vielmehr den Lamellen aus Kunststoff mit einer porösen Oberfläche von einem bis zwei Millimeter. Sind sie kaputt, werden sie gegen neue ausgetauscht. Gleiches gilt für die Düsen, die das Wasser, das aus Block 7 in den Kühlturm zurückließt , als feinste Tröpfen verteilen. Als winzige Wasserfälle in der Größenordnung von 16 Kubikmeter pro Sekunde finden sie ihren Weg durch die Rieselplatten nach unten. Ihnen entgegen strömt Luft und kühlt sie ab. Das Prinzip des Naturzug-Kühlturms funktioniert perfekt.

Nur Wasser

Die mitunter bizarre Wolke aus Dampf, die in 140 Meter Höhe den Kühlturm verlässt, ist nichts anderes als Nebel. Klitzekleine Tröpfchen, die nicht in den Kühlturmteller finden, weil sie zu leicht sind, werden vom Aufwind sanft in die Höhe gezogen. „In regelmäßigen Abständen wird diese Kühlturmfahne auf Schadstoffe untersucht“, beschreibt Bernd Alicke den hohen Sicherheitsstandard im EnBW-Kohlekraftwerk Heilbronn. Die zurückliegenden Messungen ergaben nach den Worten des Diplom-Ingenieurs: „Keine Bakterien, keine Schwermetalle.“

Obwohl dem so ist, nervt es Bernd Alicke immer wieder ein wenig aufs Neue, wenn er Fotoaufnahmen sieht, die eine fast schwarze Rauchfahne über dem Kühlturm zeigen. Ein fotografischer Kniff: Die weiße Nebelwolke, gegen die Sonne aufgenommen, verwandelt sich dadurch optisch in eine dunkle Wolkenmasse. „Nicht ganz fair, dieser Trick – aber man gewöhnt sich mit den Jahren daran“, versucht Bernd Alicke die fotografischen Momentaufnahmen vom EnBW-Kühlturm richtig einzuordnen.