Einstürzende Felslandschaften: Ein Sprengmeister bei der Arbeit

Gemmingen - Der erste Signalton ist ein langer: Alle Mann in Deckung. Wenige Sekunden später folgt das zweite Sprengsignal. Zwei kurze Töne: Jetzt wird gezündet. Einen Augenblick lang ist es ganz still im Gemminger Steinbruch. Dann folgt ein lauter Knall, die Druckwelle ist selbst in großer Entfernung zu spüren. Eine Reportage eines ganz normalen Tages im Steinbruch der Firma Reimold.

Von Uwe Ralf Heer


Der Radlader (rechts oben) sieht aus wie ein Spielzeugfahrzeug: 70 Meter breit und 25 Meter hoch ist die Wand im Steinbruch. Mit 1400 Kilo Sprengstoff wird sie gesprengt. Fotos: Jürgen Kümmerle



Gemmingen - Der erste Signalton ist ein langer: Alle Mann in Deckung. Wenige Sekunden später folgt das zweite Sprengsignal. Zwei kurze Töne: Jetzt wird gezündet. Einen Augenblick lang ist es ganz still im Gemminger Steinbruch. Unheimlich still. Dann folgt ein lauter Knall, die Druckwelle ist selbst in großer Entfernung zu spüren. Instinktiv treten wir einen Schritt zurück. Vor uns fällt eine riesige Steinwand in sich zusammen. Sprengmeister Frank Tanecker blickt zufrieden auf sein Werk: Alles ist perfekt gelaufen. „Das war eine sehr gute Sprengung“, sagt er gelassen. Finale eines ganz normalen und doch explosiven Tages im Steinbruch der Firma Reimold.

So eine Sprengung ist auch für ihn nach vielen Jahren immer wieder beeindruckend. Die Vorbereitung dafür beginnt lange vorher. Das Geheimnis eines guten Sprengmeisters ist eine Mischung aus mathematischer Berechnung und körperlicher Arbeit. „Durch eine Wandvermessung wird festgelegt, an welchen Stellen die Sprenglöcher gebohrt werden“, verrät Tanecker. Sein Helfer Michael Siasis aus Eppingen, ebenfalls ausgebildeter Sprengmeister, gräbt mit einem speziellen Bohrfahrzeug schon zwei Tage vor der Sprengung 19 Löcher. Sie sind jeweils 25 Meter tief. Eineinhalb Stunden benötigt er, bis ein Loch fertig gebohrt ist. Schweißtreibende Arbeit bei Wind und Wetter. „Mir macht das Spaß. Ich habe es dem Unternehmen zu verdanken, dass ich die Ausbildung zum Sprengmeister machen durfte“, sagt der Grieche, für den 50 Wochenstunden keine Seltenheit sind.

Tief im Schlamm

Am Tag der Sprengung muss alles perfekt funktionieren. Es ist kühl an diesem Nachmittag im Kraichgau. Der Regen peitscht in den Steinbruch, knöcheltief stehen die emsigen Schaffer im Schlamm. So eine Sprengung ist nichts für Schönwetterarbeiter. „Alles okay“, sagt Frank Tanecker bei der Inspektion der 90 Millimeter breiten Bohrlöcher, die dreieinhalb Meter voneinander entfernt liegen. Der 39-jährige Mosbacher überprüft mit einem Maßband und der Taschenlampe, ob sich darin über Nacht Wasser gebildet hat.


70 Meter breit und 25 Meter hoch ist die riesige Wand, die heute gesprengt wird. Wer von unten nach oben blickt, der ist durchaus beeindruckt. Das alles soll in wenigen Sekunden in sich zusammenfallen?

Die Vorarbeiten der beiden Steinbruch-Arbeiter gehen weiter. Fast wortlos läuft sie Handgriff um Handgriff ab. „Wenn man fünf Jahre so eng zusammenarbeitet, dann geht das ohne viele Worte“, sagt Tanecker.

Die fertigen Bohrlöcher müssen auf Durchgängigkeit, Neigung und Tiefe kontrolliert werden, bevor die Ladung eingefüllt werden darf. Über eine Volumenberechnung und den Bedarf pro Kubikmeter wird die benötigte Sprengstoffmenge ermittelt. „Die ganze Sprengung muss vorher skizziert werden“, erläutert Tanecker und zeigt ein kleines Papier, auf dem er den Ablauf mit feinen Linien aufgemalt hat.

Der Geologe untersucht das Gestein, um den exakten Sprengstoffbedarf zu ermitteln. Vieles ist aber reine Erfahrung. Heute benötigt er 1400 Kilo Sprengstoff - die Materialkosten betragen 4000 Euro. Was man mit nur wenigen Gramm der klebrigen Masse verursachen könnte, will Tanecker gar nicht erst testen. „So einen Job kann man nur machen, wenn man keine Flausen im Kopf hat“, sagt er und lächelt.

Die Stunden vergehen, Tanecker und Siasis ist die körperliche Anstrengung anzusehen. Um die 6650 Kubikmeter Dolomitgestein zu sprengen, wird in die Bohrlöcher so genannter patronierter Sprengstoff eingefüllt, wobei die Sprengschnur an der untersten Patrone befestigt ist. Eine Patrone wiegt 2,5 Kilo, 29 von ihnen kommen in ein Bohrloch. Zwischen den Sprengstoffpatronen gibt es eine Splittfüllung, da sonst zu viel Sprengstoff in einem Loch wäre. Es soll ja schließlich nur die 25 Meter hohe Wand und nicht der ganze Steinbruch in die Luft fliegen.

„Das ist jahrelange Übung“, sagt Tanecker, der seit fünf Jahren in Gemmingen arbeitet. Vorsicht ist immer das höchste Gebot - der Sprengmeister wäre dafür verantwortlich, wenn etwas schief gehen würde. Und Tanecker ist ein äußerst akribischer Arbeiter. Er sichert und überprüft lieber einmal mehr, um keine unliebsame Überraschung zu erleben.

Endlich ist in allen Bohrlöchern der Sprengstoff verstaut. Zum Schluss kommen noch ein paar Schaufeln Splitt darauf, um das Loch zu verschließen. Langsam wird es ungemütlich. Nässe und Kälte spüren die beiden gut gelaunten Arbeiter aber nicht. „Wir machen das auch im Winter, bei Minusgraden“, sagt Tanecker. Gemeinsam mit Siasis verbindet er die Sprengschnur mit dem Zünder. Abschließend wird der Gesamtwiderstand der elektrischen Anlage mit einem Ohmmeter gemessen und mit dem zuvor errechneten Widerstand verglichen. Diese Werte müssen identisch sein, sonst darf nicht gezündet werden.

Letzte Kontrolle

„Es ist zwar Routine, aber es darf nicht zur Routine werden, sonst macht man Fehler“, sagt Tanecker. Kurz bevor es losgeht, denkt er noch einmal intensiv nach. „Dann überlege ich, ob alles richtig gemacht wurde“, sagt er.

Bevor die Sprengung erfolgt, muss das Gelände in einem Radius von 600 Metern um die Stelle geräumt werden. Mit Handy und über Funkgeräte erfolgt die Warnung, bevor das letzte Signal ertönt. Noch ein Blick auf die Wand, die gleich in Sekundenschnelle in sich zusammenfällt. Jetzt geht alles ganz schnell. Tanecker kurbelt am Zündgerät, und es folgt ein lauter Knall. Steine und Felsbrocken fliegen nach vorne und bilden einen meterhohen Berg.

Zufrieden schauen

Michael Siasis und Frank Tanecker auf ihr Tagwerk. Raus aus der Deckung und weiter zur nächsten Wand, die bald gesprengt wird - 20 bis 25 Jahre lang kann in Gemmingen noch abgebaut werden. Der normale Alltag in einem hochexplosiven Geschäft.


Stichwort: Sprengmeister


Ein Sprengmeister muss zunächst einen zweiwöchigen Grundlehrgang absolvieren. Nach diesem erfolgreich absolvierten Lehrgang gibt es den erforderlichen Befähigungsschein. Danach dürfen Wände bis zu einer Höhe von zwölf Metern gesprengt werden. Anschließend folgt ein Sonderlehrgang für Großbohrlochsprengungen. Wer den besteht, darf Wände bis zu 30 Metern Höhe sprengen. Um zu den Lehrgängen zugelassen zu werden, muss der Nachweis erbracht werden, dass man an mindestens 50 Sprengungen als Sprenghelfer mitgearbeitet hat.

Weitere Infos auf der Website des Deutschen Spreng-Verbands