Der Herr der Flaschen

Weinsberg - Karl-Heinz Vollert nimmt eine Weinflasche zehn Mal in die Hand und schenkt sich trotzdem kein Glas ein

Von Gerhard Schwinghammer

Der Herr der Flaschen
In seinem "Wein-Reich" beim Weinbauverband Württemberg in Weinsberg beschäftigt sich Karl-Heinz Vollert (58) mit jeder Flasche persönlich.Fotos: Gerhard Schwinghammer

Weinsberg - Rund um Karl-Heinz Vollert stehen nur Flaschen: In Kisten, im Regal, auf seinem Schreibtisch. Und es werden immer mehr. Auto um Auto fährt in der Hirschbergstraße 2 in Weinsberg vor. Wieder wird eine Kiste ausgeladen und ins Gebäude des Weinbauverbandes Württemberg getragen. "Karle", wie sie ihn alle nennen, nimmt das Begleitformular zu Hand, vergleicht, trägt nach, was fehlt, plaudert mit dem Besucher über Wein und Reben, Wein und Leben, greift zum Stapel leerer Plastikkisten hinter sich, gibt so viele zurück, wie er sie − mit Flaschen gefüllt − angenommen hat. Und Tschüss: "Alles wunderbar. Schönen Tag noch." Die Prozedur läuft im Minutentakt.

Ausnahmezustand

Der Weinsberger Weinbautechniker und Wengerter organisiert seit Anfang der achtziger Jahre beim Weinbauverband die Landesweinprämierung. Sechs Mal im Jahr herrscht jeweils zwei Tage lang Ausnahmezustand im Verbandsgebäude in Weinsberg. Dann rollt Wein hundertfach an: Vom Zabergäu und Stromberg, aus Hohenlohe und Taubertal, Schozach- und Bottwartal, Remstal und Stuttgart, manchmal sogar vom Bodensee und natürlich aus dem ganzen Heilbronner Land kommen Wengerter mit ihren besten Tropfen. Die Landesweinprämierung ist eine freiwillige Kontrolle des eigenen Qualitäts-Standortes. Sie hat einen hohen Stellenwert.

Die Felsengartenkellerei in Besigheim kommt mit fünf 12er-Kisten. Zu jeder Flasche gehört ein Anmeldebogen, den die Teilnehmer aus dem Internet herunterladen können. Er enthält unter anderem Angaben zur Weinlage, Rebsorte, Prädikaten, zu Ausbaumerkmalen (Maischegärung, thermische Behandlung, Holzfass, Barrique), Analysewerte wie Oechslegrad, Alkoholvolumen, Säurewert − Wein ist eine Wissenschaft. Auch die Menge spielt eine Rolle − in der mathematischen Formel zur Berechnung von Ehrenpreisen.

Drei Flaschen

Karl-Heinz Vollert kontrolliert zuerst die Existenz der Amtlichen Prüfungsnummer. Das Bestehen der Qualitätsweinprüfung mit der Vergabe der sogenannten AP-Nummer ist Voraussetzung für die Teilnahme an der Landesweinprämierung. Jetzt hat er einen "erwischt". Der Griff zum Telefon: "Bei Deinem Lemberger stimmt die AP-Nummer nicht. Habe ich die richtige Flasche oder die richtige Anmeldung?"

Solche Fälle sind leicht lösbar. Zum Plaudern bleibt nicht viel Zeit. Boris Birkert aus Hohenlohe bringt drei Kisten mit der Sackkarre vom Hof zu Vollert.

Vier Stunden vormittags, vier Stunden nachmittags geht das ununterbrochen so. "560 sind schon da", zieht Vollert Zwischenbilanz. "800 sollen kommen." Das bedeutet: Das Wein-Reich des "Herrn der Flaschen" wird in dieser Anstellungsrunde um 2400 voller. Jeweils drei Flaschen von der gleichen Sorte müssen zur Verfügung gestellt werden. Eine für die Probe, eine zur Sicherheit (es gibt trotz Drehverschluss-Boom immer noch Kork), eine für die Nach-Kontrolle, falls eine Bewertung, die bis zur Ablehnung gehen kann, angezweifelt wird.

Ein kleiner blauer Papierstreifen wird um den Flaschenhals geklebt. Jede Flasche erhält eine Nummer. Ab jetzt spielt der Betrieb nur noch für die Eingabe in das spezielle Computer-Programm eine Rolle. Die nächsten Prozeduren bis zur Prämierungsprobe laufen anonym ab. Dann wird die Flasche versiegelt. Das Trio verschwindet im Regal. Die ehemalige Württembergische Weinkönigin Andrea Gruber aus Eschenau kommt mit Kind auf dem Arm. "Karle" ist Kavalier. Er holt die Kisten am Auto. Dazwischen ein Standard-Anruf: "Wann kann ich noch abliefern?" Wengerter haben viel zu tun und Termine fallen ihnen oft in letzter Minute ein.

Tage später

Karl-Heinz Vollert richtet 811 Weine und Sekte. Auch jetzt ist er wieder von Flaschen umzingelt. 60 stehen vor ihm auf dem Tisch. Sie werden sortiert nach Sorte, Jahrgang, Qualitätsmerkmal (Kabinette usw), Ausbaumerkmal (Barrique), Restzucker, Säure, Alkoholgehalt. Drei Tage braucht er für den korrekten Abgleich der Computerliste mit den Flaschen. Für den Ablauf erhält jede Flasche eine weitere Nummer. 412 ist der der 12. Wein für die Kommission 4.

Normalerweise sind dreimal vier Prüfer im Einsatz. Profis "schaffen" 50 Flaschen vormittags, 50 nachmittags. Das sind 300 Flaschen an einem Tag. Also werden zweieinhalb Tage eingeplant. Karl-Heinz Vollert kennt seine Pappenheimer und seine "Joker". Immer wieder kommt es vor, dass ein Prüfer absagen muss. Für die Kommissionen werden Tabellen zum Eintrag ihrer Bewertungen kopiert. Sechs Gläser stehen im großen Saal des Weinbauverbandes vor jedem Prüfer, dazu Wasser und Brötchen. Bewertet wird nach dem Fünfpunkte-System.

Fünf Punkte

"Vergesst mir die fünf Punkte nicht", mahnt Probenleiter Fritz Herold. Prüfer sind in der Regel streng, gehen nur zögerlich an den Höchstwert. Referenzweine werden verkostet und diskutiert, damit man trotz aller individuellen Empfindungen einen gleichwertigen Qualitätsmaßstab findet. Alle Richtweine − ein weiß gekelterter Trollinger, ein Trollinger, ein Schwarzriesling Kabinett − bekommen zwischen 4 und 4,5 Punkte. Die Harmonie der Prüfer ist groß. Das muss nicht immer so sein. An den Vierertischen wird auch diskutiert. Besonders, wenn die Wertungen weit auseinanderliegen. Das ist oft bei neuen Vinifikationen so. "Gut, ich gehe einen halben Punkt rauf", heißt eine Einsicht. "Lassen wir es so stehen", eine andere. Fritz Herold: "Die Prüfer haben eine große Verantwortung." Es geht um Bronze, Silber und Gold, Ehrenpreise, Staatsehrenpreise − letztlich um den Verbraucher und damit um den Verkauf. Württembergs Weinbauverbandspräsident Hermann Hohl weiß: "Immer mehr Betriebe wollen mit dem Prämierungssiegel im Meer des Weinangebotes auf ihre besondere Qualität aufmerksam machen. Die Landesprämierung soll die Erzeugung qualitativ hochwertiger Weine und Sekte fördern." Deshalb darf abhängig von der Betriebsgröße auch nur eine bestimmte Zahl angestellt werden.

Sortiert stehen Weine und Sekte "just in time" bereit. Heike Munderich, Beate Bendel und Ursula Flachsmann schenken verdeckt einen winzigen Schluck ein. Prüfer trinken nicht. Sie riechen und schmecken den Wein, lassen ihn über alle Sensoren im Mundraum gleiten und spucken ihn dann in die bereit stehenden Gefäße aus. 1146 wird nochmals angefordert. Sie hat Schraubverschluss, aber einen seltsamen Ton. Mit Kenner-Griff findet "Karle" die Kontrollflasche. Im Weinbauverbands-Büro geben Barbara Bader und Angelika Schild ständig Ergebnisse ein. Das Computer-Programm errechnet die Statistik selbst.

Kein Schluck

Die Probe ist zu Ende. Weinreste werden artgerecht "entsorgt". Als Haustrunk. Rund 4500 Probe-Flaschen gehen im Jahr über den Tisch von Karl-Heinz Vollert. Jede nimmt er zehn Mal in die Hand: aus der Kiste auf den Tisch, Abgleich mit Anmeldebogen, Abstellen im Regal, raus es dem Regal, Sortierung für die Verkostung, Beschriftung, Abstellen in Kisten, Abgeben an Einschenkerinnen, Abräumen, Rest in Regal einsortieren. Und dabei schenkt er sich selbst keinen Schluck ein.

Allenfalls am Ende des Tages schaut er, ob von seinen Lieblingsweinen (Trollinger-Lemberger, im Sommer Riesling) ein Restschlückchen in den Probeflaschen ist. Dabei denkt er schon an die Organisation der Prämierungsfeier mit 1200 Wengertern und des Württemberger Weingipfels im November. Dann hat er es außer mit Flaschen auch noch mit mehreren Tausend Gläsern zu tun.

Der Herr der Flaschen
So viel Zeit muss während der Flaschen-Anlieferung zur Landesweinprämierung sein: Fachgespräch mit dem Gellmersbacher "Sektkönig" Horst Stengel.
Der Herr der Flaschen
Drehverschlüsse sind im Kommen. Jede Flasche erhält eine Nummer.