Babys auf Entzug

Region Heilbronn - Wenn Babys drogenkranker Mütter auf die Welt kommen, zeigt sich der Entzug durch einige Symptome: Sie schwitzen, sind sehr unruhig, haben kürzere Schlafphasen, ein schrilleres Schreien, erhöhten Puls, erhöhte Saugreflexe und einen größeren Hunger. Ob sie Schmerzen beim Entzug haben? „Darüber gibt es keine Studien“, sagt SLK-Oberarzt Karl Pölzelbauer. Ohne die Behandlung mit Morphin könnten die Babys derart große Herz-Kreislauf-Probleme bekommen, dass sie sterben.

Von Carsten Friese

Eine Morphindosis wird vorbereitet: Vorsichtig träufelt Schwester Sandra sie tropfenweise auf einen Löffel. Das Opiat ist für ein Neugeborenes bestimmt, das im Mutterleib an Drogen gewöhnt war.


Heilbronn - Als ihr erster Sohn Ivan auf der Welt war, hatte sie starke Schuldgefühle. Weil er nach vier Tagen auf der Intensivstation der SLK-Kinderklinik zu schwitzen und zu zittern anfing, per Nasensonde ernährt wurde und Infusionen gegen Kindergelbsucht erhielt. Ivan war auf Entzug. Denn Mutter Ivonne Hertwik (Namen geändert) nimmt seit Jahren die Ersatzdroge Methadon, und in der Schwangerschaft gab sie das Opiat damit auch an das Baby in ihrem Bauch weiter.

„Man sieht nur Kabel und all diese Schläuche und weiß nicht, was mit ihm passiert“, blickt die schmächtige 25-Jährige auf die Tage nach der Geburt zurück. „Natürlich fühlt man sich da schuldig, dass man dem Kind das antut.“ Als sie das erste Mal die Symptome ihres Jungen sah, „habe ich geweint“.

Familienhelferin

Ivonne Hertwik ist eine gute Mutter, das spürt man im Gespräch. Nach drei Jahren mit Heroin kam sie als 18-Jährige ins Methadonprogramm, brach drei Therapieversuche ab. Sie nimmt bis heute den Stoff, der sie selbst beruhigt. Die Alleinerziehende liebt ihre zwei Söhne über alles, sie nimmt ihre Verantwortung an, auch wenn es „sehr schwierig ist“, weil der Große extrem aktiv sei. Eine Familienhelferin vom Jugendamt steht ihr zur Seite. Um den Alltag zu strukturieren, Behördengänge zu erledigen und beim Regulieren der Schulden zu helfen. Ivan (3) geht inzwischen in den Kindergarten, Sohn Paul (eineinhalb) ist zwei Tage pro Woche bei einer Tagesmutter.

Unsicherheit

„Ich bin froh, dass ich die Hilfe bekomme“, sagt die junge Mutter, die die Realschule nach der neunten Klasse verließ. Sie hat den Wunsch, vom Stoff wegzukommen. Sie will nicht, dass ihre Kinder in der Schule vielleicht einmal zu hören bekommen, dass ihre Mutter „ein Junkie ist“. Eine stationäre Therapie ist auch mit Kindern möglich. Ivonne Hertwik weiß das. Sie zögert noch. „Was passiert mit den Kindern, wenn es nicht klappt? Sie sind mein Ein und Alles.“

Babys auf Entzug
Puls, Atmung und Sauerstoffsättigung der Winzlinge werden ständig überwacht.
Seit 1992 gibt es die Betreuung von drogenkranken Müttern und ihren Babys in der SLK-Kinderklinik. Anfangs waren es drei bis vier Fälle pro Jahr, dann stieg die Zahl auf zehn bis 15 Fälle an. Rein äußerlich unterscheiden sich Babys drogenkranker Mütter nicht von anderen Neugeborenen, erklärt Dr. Karl Pölzelbauer, Leiter der Station für Psychosomatik und Psychotherapie. Doch die Symptome (siehe Hintergrund) kommen, mal stärker, mal schwächer, und dann läuft die Behandlung an. Sechs Mal am Tag werden den Winzlingen Tropfen einer verdünnten Morphinlösung in den Mund geträufelt; ein Opiat wie Methadon, das den Entzug hemmen soll. Mit einer fünfstufigen Skala prüfen Schwestern die Symptome und legen dann die Dosis fest. Zug um Zug wird die Menge auf Null reduziert. Acht bis zehn Wochen dauert das im Schnitt. Manche Babys bleiben aber auch vier Monate auf Station C 55, in der das Betäubungsmittel Morphin aus Sicherheitsgründen in einem kleinen Tresor gelagert wird.

Gefahr einer Fehlgeburt

Was Laien überrascht: Mediziner stufen Alkohol in der Schwangerschaft gefährlicher ein als Methadon oder sauberes Heroin. Weil Alkohol „das Kind richtig körperlich schädigt im Mutterleib“, sagt Ärztin Elisabeth Wild. Wenn Babys bei reinen Opiaten den Entzug überstanden hätten, „sind sie gesund und körperlich nicht beeinträchtigt“.

Helena Resch kennt drogenkranke Mütter, die in Panik geraten, wenn sie erfahren, dass sie schwanger sind. Die Leiterin der Jugend- und Drogenberatung arbeitet mit der SLK-Klinik und dem Jugendamt eng zusammen, um den Müttern vor und nach der Geburt konkrete Hilfe zu geben. Von sofortigen Entzugsversuchen rät Resch den substituierten Frauen dringend ab. „Weil die meisten keine 40 Wochen ohne Methadon durchhalten und die Babys durch das Auf und Ab in extreme Stress-Situationen kommen.“ Eine Fehlgeburt kann die Folge sein.

Babys auf Entzug
Im Tresor lagert die Morphinlösung, mit der die Babys behandelt werden.
Rund 80 Prozent der schwangeren Drogenkranken wollen das Baby, weiß Resch aus Erfahrung. Ob dies gut für das Kind ist, will sie nicht bewerten. Die Frauen hätten oftmals kein intaktes Familienleben kennengelernt, nun müssten sie selbst eines gestalten. Resch will ein Tabuthema aufbrechen. „Es geht darum, aus der Situation das Beste für das Kind zu machen und den Müttern Unterstützung zu geben.“

Stillen erlaubt

Die Hemmschwelle vor dem Gang in die Klinik ist oft groß. Das weiß auch Elisabeth Wild, Ärztin in der SLK-Kinderklinik, die die drogenkranken Mütter betreut. Es sei selten, dass Mütter derart regelmäßig kommen, um das Kind zu füttern. „Manche kommen drei mal am Tag, andere ein, zwei Tage nicht.“ Mütter, die ausschließlich reines Methadon nehmen, dürften sogar stillen, weil der Stoff nur in kleinsten Spuren in der Milch enthalten ist. Die meisten tun es nicht.

Ein Baby sei für viele Mütter dennoch eine große Motivation, aus der Abhängigkeit „rauszukommen“. Zwischen Wunsch und Wirklichkeit liegen Welten. Die Mütter „stoßen schnell an ihre Grenzen“, sagt die Ärztin. Unabdingbar sei deshalb, dass sie Hilfe erhalten, um alles Neue und die Sucht unter einen Hut zu bekommen.

Nicht auf die Straße

70 bis 80 Prozent der in der Kinderklinik betreuten drogenkranken Mütter dürfen ihr Baby nach dem Entzug zu sich nach Hause nehmen. Einige Gespräche mit dem Jugendamt sind da bereits gelaufen, um auszuloten, was die Familien genau brauchen. In Problem-Fällen sucht das Jugendamt Mutter-Kind-Einrichtungen für den Start oder gibt das Kind direkt in eine Pflegefamilie weiter. Wild: „Wenn eine Mutter auf der Straße lebt, gibt es keine Verhandlungen.“

Seit der Geburt ihres ersten Sohnes hat Ivonne Hertwik mit anderen Drogen neben Methadon aufgehört. Sie lebt von Hartz IV, Kindergeld und dem Unterhalt des Vaters. „Man kommt schon zurecht“, sagt sie. Ob sie es schaffen wird, ihre Kinder großzuziehen? „Ich tue alles, um sie nicht zu verlieren.“ Und vielleicht, so hofft sie, finde sie ja noch mal einen Partner, der die Kinder auch annimmt. Der Vater war bei der ersten Geburt in Haft, beim zweiten Kind riet er, abzutreiben. Die 25-Jährige ging ihren Weg alleine weiter.

Etwas Besonderes

Schwester Sandra Horwedel hat bereits einige Babys beim Entzug auf Station C 55 betreut. „Sie sind für uns schon etwas Besonderes“, verweist sie auf eine extra Portion Zuwendung, die nötig sei. „Wir tragen sie auf dem Arm herum, schieben sie im Kinderwagen über die Station oder haben sie in der Pause auf dem Schoß.“ Wenn sie dann nach Wochen zu ihren Müttern nach Hause kommen, hofft sie in Gedanken oft, „dass es gut geht“.

Drogenberaterin Helena Resch sieht in der engen Zusammenarbeit der Hilfseinrichtungen eine große Chance. Auch sie ist mit den Müttern nach der Geburt in Kontakt und hilft, alte Verhaltensmuster aufzubrechen. Sich helfen zu lassen „ist Voraussetzung für Veränderung“, gerade bei Drogenkranken. Was passieren würde, wenn es die Hilfe nicht gäbe? Resch: „Ich glaube, dass es dann für die Kinder ungut endet.“


Schwitzen, Zittern, Hunger

Wenn Babys drogenkranker Mütter auf die Welt kommen, zeigt sich der Entzug durch einige Symptome: Sie schwitzen, sind sehr unruhig, haben kürzere Schlafphasen, ein schrilleres Schreien, erhöhten Puls, erhöhte Saugreflexe und einen größeren Hunger. Ob sie Schmerzen beim Entzug haben? „Darüber gibt es keine Studien“, sagt SLK-Oberarzt Karl Pölzelbauer. Ohne die Behandlung mit Morphin könnten die Babys derart große Herz-Kreislauf-Probleme bekommen, dass sie sterben. Nach dem Entzug sind sie körperlich gesund. Dennoch sind die Kinder auch später eher unruhig. 

 


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