Service fast wie an Bord eines Flugzeugs: Unterwegs im Regionalexpress zwischen Heilbronn und Lauda

Region Heilbronn - Seit fünf Jahren gibt es auf der Frankenbahn den Service mit dem Minibar-Trolli. Getränke und Speisen werden am Platz serviert. Betreiber ist eine private Firma, die auf eigenes Risiko arbeitet. Die Bahn erteilt zwar die Genehmigung, erhält aber keine Gebühren. In Baden-Württemberg gibt es das Angebot nur noch in der Murr-Bahn, Gäu-Bahn und in der Schwarzwaldbahn. Eine Reportage.

Von Uwe Ralf Heer

Leckere Erfrischungen für die Reise: Bis zu 100 Kilo schwer ist der Minibar-Trolli, den der 42-jährige Service-Mitarbeiter durch die sechs Waggons des Regionalexpress zieht. Fotos: Jürgen Kümmerle


Region Heilbronn  - Der Kaffee ist heiß. Das ist das Wichtigste und nach zweistündiger Verweildauer in der silbernen Thermoskanne keine Selbstverständlichkeit. Die Kundin jongliert den Plastikbecher in der einen und das Portemonnaie in der anderen Hand. Enzo Catanzaro wartet geduldig und kassiert ab. Ein Euro und 60 Cent. Trinkgeld gibt es keines. Dafür eine zufriedene Reaktion. „Der Kaffee schmeckt wirklich gut. Dieser Service ist ein netter Zug von der Bahn“, sagt die Dame und macht es sich auf ihrer Sitzbank bequem. Ein Satz wie aus einem Werbeprospekt. Enzo Catanzaro lächelt erfreut zurück und wünscht eine gute Fahrt. Seine Reise geht weiter. Angesteuert werden hungrige und vor allem durstige Kunden.

Der Regionalexpress 4942 fährt an diesem Wintertag durchs idyllische Jagsttal, vorbei an schneebedeckten Feldern. Kleine Bahnstationen fliegen am Auge des Reisenden vorbei. Herbolzheim, Neudenau, Siglingen, Züttlingen, Roigheim, Sennfeld. Auf dem Weg von Stuttgart nach Würzburg sind nur die größeren Bahnhöfe wie Neckarsulm, Möckmühl, Osterburken oder Lauda Haltepunkte. Dazwischen bleibt Zeit genug für einen kleinen Snack: Seit fünf Jahren gibt es auf der Frankenbahn den Service mit dem Minibar-Trolli. Getränke und Speisen werden am Platz serviert. Vom Kaffee bis zum Tee, vom Bier bis zur Cola, von den Gummibärchen bis zum Sandwich. Auf dem rund 100 Kilo schweren Wagen hat Enzo Catanzaro jede Menge Leckeres und Flüssiges für den kleinen Hunger und den kleinen Durst zwischendurch.

Harter Zweitjob

„Kaffee, Tee, Cappuccino.“ Enzo Catanzaro kündigt sein Angebot in jedem Waggon aufs Neue an. Selbst wenn er nur ein Achselzucken oder ein „Nein, danke“ erntet, bleibt er doch höflich. „Ich wünsche Ihnen noch eine gute Fahrt.“ Der 42-Jährige macht seinen anstrengenden Job gerne. Normalerweise ist er als Angestellter in einer Sicherheitsfirma tätig. Doch die gekaufte Wohnung in Leinfelden-Echterdingen will abgezahlt werden, da tut so ein Zweitjob gut. An seinen freien Tagen wird daher aus dem Wachmann der Herr über den Minibar-Trolli.

Der Dienst am Kunden kommt an. „Die Frankenbahn war eigentlich der Motor dieses Projekts“, sagt Heribert Klement, Produkt- und Marktmanager bei DB Regio. Mittlerweile gibt es drei Nachahmer im Ländle. Das Geschäft funktioniert, weil die Preise sehr moderat sind. „Bundesweit ist dieses Angebot aber exotisch“, sagt der Bahn-Mitarbeiter.

Es ist kurz nach zwölf Uhr. Enzo Catanzaro braucht größte Anstrengung, um die Waggontüren zu öffnen und den Wagen hinter sich herzuziehen. Fünf Liter Kaffee hat er an Bord - am Wochenende ist es die doppelte Menge. Samstags und sonntags läuft das Geschäft erst richtig. Statt Pendler sind dann Touristen und Fernreisende im Zug, die den Snack zwischendurch eher zu schätzen wissen als gehetzte Schüler, Arbeiter oder Angestellte.

„Wissen Sie, auf welchem Gleis in Würzburg mein Anschlusszug abfährt?“, fragt ein junger Japaner, der neben sich einen großen Kontrabass stehen hat. Da lacht Enzo Catanzaro und gibt Auskunft. „Wir werden hier als gemeinsames Bahnteam angesehen und helfen natürlich, wenn wir es können.“ Mit den Zugbegleitern ist eine Freundschaft entstanden. Kein Wunder, dass diese den Kaffee kostenfrei erhalten.

Moderate Preise

Der nächste Kunde wählt ein Sandwich aus. Käse-Salami, Thunfisch oder Schinken? Für 2,90 Euro entscheidet sich der ältere Gast für ein Salami-Brötchen. Dazu gibt's ein kühles Bier - die 0,5-Liter-Flasche für 2,70 Euro. Der Servicemann gibt 40 Cent zurück und fährt weiter, während der Zug pünktlich um 12.27 Uhr Osterburken erreicht.




Ein Blick in die Vorratskammer - noch hat er genügend Getränke an Bord. „Am Wochenende kann der Bierverbrauch schon mal groß sein, da reichen manchmal die 40 Flaschen gar nicht“, sagt er und erinnert sich gerne an den Tag zurück, als der VfB Stuttgart Deutscher Fußballmeister wurde. Nach wenigen Kilometern waren die Vorräte in Ludwigsburg erschöpft. „Ich habe immer wieder Bier aufgefüllt, aber das hat nicht ausgereicht, das war ein Tag...“. 120 Flaschen Bier, 600 Schnäpse. Keine gute Bilanz für Suchtbeauftragte, aber eine gute für ihn, schließlich ist sein Lohn klar definiert: 30 Prozent erhält Enzo Catanzaro vom Umsatz. Mehr nicht.

„Man muss Respekt haben vor den Leuten, die das machen“, sagt Heribert Klement anerkennend. Die Bahn profitiert nicht nur vom zusätzlich angebotenen Service, sondern auch von so positiv auftretenden Bediensteten wie Enzo Catanzaro - in fünf Jahren gab es keine einzige Beschwerde.

Verliebte Kunden

12.48 Uhr. Der Zug erreicht den Bahnhof von Lauda. Halbzeit für den 42-Jährigen. Im letzten Wagen ruht sich Enzo Catanzaro aus. Durchatmen vor der zweiten Etappe. Er zählt die Einnahmen. Bislang sind sie mit 30 Euro sehr überschaubar.

Aussteigen im Taubertal und warten auf den Zug zurück, der um 13.10 Uhr abfährt. Mühsam hievt er den sperrigen Getränkewagen die drei hohen Zugstufen hinauf. Vielleicht kommt ihm bei dieser Technik sein Hobby zugute: Trotz zweier Jobs lässt er sich die wöchentlichen Tanzstunden mit seiner Partnerin nicht nehmen.

Die nächste Tour beginnt. „Kaffee, Tee, Cappuccino“. Enzo Catanzaro bahnt sich seinen Weg vorbei an Koffern und Fahrrädern. Ein Slalomfahrer, der nicht einfädelt. Das eng umschlungen in sich versunkene Pärchen reißt sich voneinander los und kauft groß ein. Haribo, Fanta, Bier, Sandwich. Einmal auf den Geschmack gekommen, wird gleich noch eine Brezel vom gegenüber sitzenden Reisenden geordert. Weiter geht's. In der ersten Klasse hat der Snack-Anbieter heute keinen Erfolg. Da wird von zwei Geschäftsleuten aufs Laptop eingehackt und die Tageszeitung gelesen. Keine Lust auf Erfrischungen. Ausdauer ist beim Marsch durch die sechs Waggons gefragt. Nimmt man die Strecke, die mit dem Rolli in fünf Jahren auf der Frankenbahn zurückgelegt wurde, dann entspräche sie der Distanz von Heilbronn bis Honolulu.

Ein Knacken im Lautsprecher. „Werte Fahrgäste, in diesem Zug bedient sie ein freundlicher Herr und bietet ihnen frische Getränke und Speisen“. Die Werbung durch den Zugbegleiter wirkt und sie freut Enzo Catanzaro. „Das ist mein Job. Und es macht mir wirklich viel Spaß mit den Gästen“, sagt der Italiener.

Um 13.45 Uhr erreicht der Regionalexpress 4941 Möckmühl. Schüler stürmen aus dem Zug und überqueren den neu gestalteten Bahnhofsvorplatz, der dem historischen Areal eine ganz besondere Note gibt. Enzo Catanzaro schaut den Jugendlichen nach. „Waren nicht meine Kunden, die kaufen nichts“, sagt er. Es klingt nicht vorwurfsvoll. Schließlich steigen schon neue Kunden ein. Auf geht's zur letzten Etappe. „Kaffee, Tee, Cappuccino.“


Hintergrund: Minibar-Service

Seit 2004 können Bahnreisende auf der Strecke zwischen Stuttgart und Würzburg zu den Hauptverkehrszeiten den Minibar-Service nutzen. In fünf Jahren wurden 125.000 Portionen Kaffee ausgeschenkt und 25.000 Sandwiches verkauft. Betreiber auf der Frankenbahn ist die Firma Buchleitner Catering Service aus Stuttgart, die auf eigenes Risiko arbeitet. Die Bahn erteilt zwar die Genehmigung, erhält aber keine Gebühren. In Baden-Württemberg gibt es das Angebot nur noch in der Murr-Bahn, Gäu-Bahn und in der Schwarzwaldbahn. Der Snack-Express bietet neben Kaffee und Speisen auch Sekt und Wein an.