Die Panzerknacker

Kraichgau - Ein Geheimnis war es nie, dass sich auf Bad Rappenauer und Siegelsbacher Gemarkung Hunderte Panzer stapelten. Bis zum Jahresende räumt die Bundeswehr ihr Verwahrlager. Ein Thüringer Unternehmen verschrottet einen Teil des schweren Geräts.

Von Simon Gajer
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Siegelsbach/Rockensußra - Rockensußra ist vermutlich das Dorf in Deutschland, das die größte Dichte an Spionagesatelliten pro Einwohner vorweisen kann. An die 25 Einheiten richten sich aus dem All auf die knapp 200 Bewohner. Die Statistik legt die Battle Tank Dismantling GmbH Koch vor. Die muss es wissen, schließlich löst sie die ganze Aufregung aus. 1000 Panzer des Typs Marder oder Leopard II parken auf dem Werksgelände, knapp 60 Kilometer nordwestlich von Erfurt. Darunter auch das schwere Geschütz aus dem Verwahrlager Siegelsbach, das die Bundeswehr bis Ende des Jahres räumt.

Ein Teil wird ausgeschlachtet oder verschrottet, ein anderer verkauft. Die Thüringer sind ein besonderes Außenlager der Panzer-Hersteller, denen ein Teil der dort gelagerten Geschütze wieder gehört und die über die weitere Verwendung der Waffen entscheiden.

Schwerter zu Pflugscharen: In der ländlichen Gegend Thüringens ist die Umsetzung dieser Parole gleich hinter dem Werkstor zu sehen. Mannschaftstransportwagen haben ihren letzten Einsatz seit langem hinter sich: Ohne Räder liegen Karosserien auf dem Boden. Ein paar Hundert Meter weiter stapeln sich Dutzende Reifen, die zu diversen Luchs-Spähpanzern gehörten. Triebwerke von Mardern lagern auf dem Boden. Aufgewickelte Ketten, Gras sprießt mittendurch. Wenn eine Armee kleiner wird, wird ausrangiert und abgewickelt. Verständlich, dass die Thüringer die aktuelle Entwicklung bei der Bundeswehr ganz genau beobachten. Lagerplatz steht ihnen noch ausreichend zur Verfügung.

Einsatzfähig, und deshalb blicken Spionagesatelliten auf die Battle Tank Dismantling GmbH Koch: Hunderte Marder parken im thüringischen Rockensußra. Auf dem Gelände hat es noch Platz, sagt der Technische Leiter Ronald Kirschner.Fotos: Simon Gajer

"Hier sitzen unsere Ölscheichs", sagt Ronald Kirschner. Der Technische Leiter wuchtet eine Hallentür auf dem weitläufigen Areal auf. Bei einem Transportwagen wird das Öl abgelassen. Unter dem Schriftzug "Montagehalle" gleich daneben ist das Gegenteil der Fall: vier Fahrzeuge in den unterschiedlichsten Formen des Abwrackens. Sie haben wenige bis gar keine Innereien mehr. Mal ist die Luke noch dran, mal das schützende Dach bereits ab. Zurück bleibt der Torso − der sich im Freien platzsparend übereinanderstapeln lässt. Ganz so, als wären es Plastikmodelle.

In dem Gebäude riecht es nach Öl, eine Stoffbahn an der Wand ist schmierig, schwarz. Der Boden ist mit Rillen übersäht − 14.000 zerlegte Panzer seit Mitte der 90er Jahre hinterlassen ihre Spuren. "Ich hatte nie gedacht, dass es so viele gibt", sagt der Technische Leiter. Angsteinflößend im Gefecht, in der Hand der Experten nutzt das nichts: Panzerzerlegen ist Muskelsache. Jeweils drei Mann zerpflücken die Geschütze in der Regel in zwei Tagen, erzählt der Technische Leiter, und dazu sind sie mit Werkzeugkoffern unterwegs. Schneidbrenner kommen so gut wie gar nicht zum Einsatz, die würden nur wertvolles Material wie Kabel zerstören.

Kochtopf

Ein Mitarbeiter ist außen zugange, ein Kollege baut im Kampfraum die Elektronik aus, der dritte schraubt im Triebwerkraum. Ein Leopard I wiegt knapp 42 Tonnen, der Leo II 55 Tonnen. Nahezu alles lässt sich wiederverwerten. Eisenbahnschienen entstehen daraus oder Kochtöpfe, sagt Ronald Kirschner. Die Restmüllmenge schätzt er auf gerade einmal 500 Kilogramm.

Die Geschichte der Firma geht auf das Jahr 1994 zurück. Deutschland hatte den KSE-Vertrag unterschrieben und damit ein Problem. Der erlaubt eine maximale Anzahl von Kampfpanzern, doch die hatte Deutschland damals weit überschritten, weil zu den Beständen der Bundeswehr der Fuhrpark der Nationalen Volksarmee gekommen war. Ein Abwracker musste her, das war der Beginn der Battle Tank Dismantling GmbH Koch, die derzeit 30 Mitarbeiter beschäftigt.

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser, das gilt vor allem in der Rüstung. Das verdeutlicht der Blick vom zehn Meter hohen Turm. Hunderte Marder, dicht an dicht, Reihe hinter Reihe: eine riesige Militärparade, die, einmal in Fahrt, das Örtchen Rockensußra dahinter im Nu plattmachte. Dass in der thüringischen Provinz überhaupt so viel Panzer stehen dürfen, mussten die KSE-Staaten übrigens erlauben. Einst galt für die Panzerknacker eine Höchstgrenze von Fahrzeugen, die auf dem Areal lagern durften. "Das ist ja kein Schrott", sagt Ronald Kirschner. "Das sind einsatzfähige Fahrzeuge." So kommen die Satelliten ins Spiel und die ganze Bürokratie, erzählt er. Der KSE und damit allen Mitgliedsstaaten muss gemeldet werden, wo welcher Panzer steht − in Thüringen sogar bis auf den Meter genau. Die Mitgliedsstaaten können jederzeit den Bestand prüfen.

Soll ein Fahrzeug zerlegt werden, sind die ersten Handgriffe exakt vorgeschrieben. Der Panzer soll schließlich nie wieder als ein solcher fahren können. Kanonenrohr durchschneiden. Antriebsbereich zersägen. Das nimmt die Bundeswehr ab. "Erst dann ist er Geschichte." Schlechte Karten hat übrigens, wer sich einen Panzer für den Vorgarten kaufen möchte. Nur Filme-Macher können hoffen, auf Antrag beim Bund einen kampfunfähigen Panzer zu erhalten. Oder Firmen, denen kein besseres Fahrzeug für bestimmte Aufgaben zur Verfügung steht. Kirschners Beispiel: Torfgewinnung an der Nordsee.

Geheimnis

Siegelsbach als Bundeswehrstandort nähert sich dem Ende. Die Armee hält sich bedeckt, was all die Jahre über auf dem 200 Hektar großen Areal im nördlichen Landkreis Heilbronn gelagert wurde. Es handele sich "um Rad- und Kettenfahrzeuge unterschiedlicher Bauarten und Einsatzwecke", heißt es dazu bei der Pressestelle. Ein Geheimnis war es freilich nie, dass sich auf Bad Rappenauer und Siegelsbacher Gemarkung Hunderte Panzer stapelten. Schilder weisen den Weg, und wer am Zaun entlangspazierte, sah Rot-Kreuz-Wagen, die ihre letzte Fahrt vor Jahren unternahmen. Laster, die Stoßstange an Stoßstange beieinanderstanden, die Ladeflächen teilweise runtergeklappt. Immerhin: Als die Stimme im Sommer 2007 eine Lesertour über das bewachte Gelände organisiert hatte, zeigte die Bundeswehr ihre Panzer. Sogar den Leopard.

Das Siegelsbacher Lager wird geräumt, und nur das schwere Geschütz nimmt seinen Weg nach Thüringen. Mit einigen Einsatzfahrzeugen möchte der Bund Geld verdienen. Befreundete Staaten, so die Sprachregelung der Bundeswehr, kauften manch gutes Stück. Handelsübliche Kraftfahrzeuge werden über das Verwertungsunternehmen des Bundes veräußert (die Vebeg GmbH), erklärt das Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung in Koblenz. Die Vebeg-Internetseite ist Ebay mit Skurrilem: Hafenschlepper oder Eimerkettenbagger sind zu haben. Wer sich für ein VW-Fahrzeug, Farbe Fleckentarn, interessiert: Das Fahrzeug lagert in Siegelsbach und ist zu kaufen.

Bundeswehr und Siegelsbach: Das ist bald vorbei. Vor wenigen Jahren hatte die Battle Tank Dismantling bereits 100 Luchs abgeholt und zerlegt, nun werden die letzten Panzer abtransportiert. Vermutlich bis Ende dieser Woche sind fünf Mitarbeiter vor Ort, die Schwerlaster rollen bis Mitte Dezember mit der Fracht in Richtung Nordosten. Kirschner: "Dann ist's für uns Geschichte."

Hintergrund: Muna und Eule

Das Bundeswehrlager geht bis ins Nazi-Deutschland zurück. Ende der 30er Jahre entstand im Wald bei Siegelsbach die Munitionsanstalt (Muna). Im November 1940 wurden die ersten Artilleriegranaten fertiggestellt, später wurden V-2-Raketen produziert. Kriegsgefangene waren im Einsatz.

Nach dem Zweiten Weltkrieg bezogen die Amerikaner einen Teil der Muna, die Bundeswehr folgte Ende 50er Jahre. Die Amerikaner lagerten in Siegelsbach die atomaren Sprengköpfe für jene Raketen ein, die in Heilbronn stationiert waren. Anfang der 90er Jahre zog die US-Armee ab, die Bundeswehr blieb und nutzt das Gelände bis Ende des Jahres als Verwahrlager. Bereits 2008 nahm ein Investor eine mehrere Hektar große Fotovoltaik-Anlage auf dem Gelände in Betrieb.

Bei der künftigen nichtmilitärischen Nutzung setzen Bad Rappenau und Siegelsbach, die sich die Gemarkung teilen, auf das Europäischen Leuchtturmprojekts (Eule): Es könnte ein Umwelt-Technologie- und Innovationspark entstehen. ing


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