Der ewige Kindheitstraum

Unterwegs mit einem Lokführer, für den Zugfahren noch immer Leidenschaft ist

Von Uwe Ralf Heer


Das ist es, was für Ralph Berninger den Reiz des Berufs ausmacht: Er fährt in die Landschaft hinein. Zum Beispiel durchs idyllische Neckartal zwischen Neckarelz und Bad Friedrichshall. Fotos: Jürgen Kümmerle
Das rote Signal ärgert Ralph Berninger. Seine Gesichtszüge verfinstern sich. Drei Minuten Verspätung gilt es aufzuholen. Das ist eigentlich locker zu schaffen. Jetzt nicht mehr. Kurz vor der Einfahrt in den Bahnhof von Bad Friedrichshall-Jagstfeld steht das Signal auf Rot. Aus ist es mit der Pünktlichkeit. „Mist, aber Aufregen hilft ja nichts“, sagt Ralph Berninger. Es ist kurz nach elf Uhr – Gelassenheit ist angesagt bei dem Lokführer. Zumal er schon über sieben Stunden im Dienst ist.

Der Tag beginnt morgens um 3.50 Uhr in der Lokleitung im Heilbronner Hauptbahnhof. Ein kurzer Blick in die Weisungsunterlagen, ein schnelles Briefing, Informationen zu Besonderheiten auf der Strecke. Eine Vorbereitung fast wie bei einem Flugkapitän. Anschließend geht Ralph Berninger zum bereitstehenden Zug, führt einen technischen Check durch, testet die Bremsen und fährt dann nach Neckarelz – noch ohne Passagiere. Exakt im Zeitplan. Verspätungen schätzt der 44-Jährige überhaupt nicht. „Wir sind immer bestrebt, pünktlich zu sein. Schon im eigenen Interesse, denn jede Verspätung geht von unserer Pause ab“, sagt der Siegelsbacher und lächelt dabei.

Überraschungen

Angekommen in Neckarelz, beginnt der Tag erst richtig. Diesmal mit den ersten Pendlern. Um 6.51 Uhr setzt sich der Zug in Richtung Stuttgart in Bewegung.

Ein Lokführertag ist genau verplant. Für Mußestunden bleibt wenig Raum. Ankunft 8.15 Uhr in der Landeshauptstadt, Übergabe der Lok an einen Kollegen. Ralph Berninger hetzt anschließend mit seinem Rucksack zum nächsten Gleis und übernimmt den nächsten Zug nach Neckarelz – Abfahrt 8.24 Uhr.

Stuttgart, Ludwigsburg, Bietigheim, Lauffen, Heilbronn. Alles Routine? Fast und doch nicht ganz. „Jeder Tag ist anders und birgt Überraschungen“, sagt Berninger. Heute gibt es bislang noch keine unvorhergesehenen Probleme. Ankunft im Hauptbahnhof Heilbronn um 9.34 Uhr. „Pünktlich, was sonst“, sagt Berninger und grinst. Viele Zugreisende steigen aus, neue Gäste nehmen Platz. Um 9.36 Uhr ist Abfahrt. Sülmertor, Neckarsulm und Bad Friedrichshall-Kochendorf sind die nächsten Haltepunkte.

Fingerspitzengefühl: Sanft bewegt der Lokführer den Hebel nach vorne und beschleunigt damit die Zugmaschine.
Das Wetter trübt sich ein – es regnet leicht. „Optimale Bahnbedingungen herrschen heute nicht“, sagt Berninger und blickt kritisch auf die feuchten Gleise. Ein Lokführer muss flexibel sein. Jeden Tag fährt er andere Züge, andere Lokomotiven, andere Strecken. Und jeden Tag herrschen andere Witterungsbedingungen. Der Nieselregen sorgt für glitschige Gleise. „Das ist fast wie bei Glatteis“, beschreibt Berninger die Fahrbedingungen. Ihm ist das egal. Mit wenigen Fingerbewegungen schiebt er den kleinen, schwarzen Geschwindigkeitsregler nach vorn. „Man braucht beim Steuern schon Gefühl“, so der Lokführer.

Damit alleine ist es aber nicht getan. Immer schön pünktlich sein. Im Routenplan, der auf dem elektronischen Display vor ihm erscheint, ist genau angegeben, an welchem Kilometerabschnitt wie schnell gefahren werden soll. Jetzt sind es 110 Studenkilometer. In zehn Sekunden könnte die Lok theoretisch von 0 auf 100 km/h beschleunigen. Eine respektable Leistung, schließlich müssen 400 Tonnen erst einmal aktiviert werden. Dafür sorgen die 7000 PS im Innern der Hightech-Lok Typ 146, die rund 2,7 Millionen Euro kostet. Und wenn sie auf Touren ist, dann rollt der Zug über die Schiene – nahezu ohne Energiezufuhr. Kraftstoffsparen ist das Gebot der Stunde. Selbst beim Bremsen. „Entweder man hat das im Gefühl oder nicht“, sagt der Lokführer.

Aussichten

9.46 Uhr, Ankunft im Bahnhof Jagstfeld. Berninger liebt die Strecke durchs Neckartal: „Hier vorne in der Lok erlebt man Zugfahren ganz anders. Es ist schön, in die Landschaft reinzufahren.“ So sehr er die Fahrt schätzt, so professionell muss der Bahnmitarbeiter immer sein: „Das ist hier keine Romantik, sondern harte Arbeit.“ Fahren, Bremsen, die Türblockierung lösen und sie dann wieder schließen.

Gundelsheim ist in Sichtweite. 9.54 Uhr. Die Ansage der nächsten Station erfolgt automatisch, Berninger ergänzt per Mikrofon, auf welcher Seite sich der Bahnsteig befindet. Der Zug erreicht Haßmersheim, alles läuft nach Plan. Fast alles. Die nächste Ampel verheißt nichts Gutes. Gelbes Licht: Tempo drosseln. Die Weichenanlage muss sanft überfahren werden. Die Zahl sechs ganz oben auf der Ampel gibt das Tempo vor: 60 km/h, nicht mehr. Heute stört das nicht. Pünktlich um 10.06 Uhr kommt der Regionalexpress in Neckarelz an. Endstation und Pause.

Zeit für einen Kaffee. Ralph Berninger erzählt. Seit 1989 ist er bei der Bahn – fast logisch, schließlich war schon sein Vater Lokführer. Und so wollte der Filius das irgendwann auch werden. „Ein Stückweit Herzblut braucht man für diesen Job schon.“ Und das hat der Modelleisenbahnbesitzer. Muss er auch haben, bei den vielen Einschränkungen. „Wir haben jeden Tag einen anderen Dienstplan und andere Arbeitszeiten, dazu fahren wir jedes zweite Wochenende und an Feiertagen“, sagt Berninger. Belastend ist das nicht nur für die Gesundheit, sondern auch für das Privatleben.

Alle einsteigen: In jeder Station blickt der 44-Jährige aus dem Fenster und gibt dann das Türsignal.
Heutzutage ist ein Lokführer im Regionalverkehr längst nicht mehr nur beim Gasgeben und Bremsen gefragt. Die meisten Züge fahren ohne Zugbegleiter – Fahrkartenkontrolle gibt es nur punktuell.

Herausforderungen

Wenn es ganz schlimm kommt, dann muss der Lokführer sogar als Streitschlichter einschreiten. Beispielsweise, wenn ein Fahrgast betrunken randaliert. „Die Arbeitsbelastung wird immer höher, wir müssen heute viel mehr leisten als früher.“ Aber er ist halt Eisenbahner durch und durch. Einer, der sich über steigende Fahrgastzahlen freut. Der seinen Beruf als Berufung sieht.

10.52 Uhr – Abfahrt in Neckarelz. Kleine Probleme kann es immer geben. Die elektronische Ansage ist ausgefallen. Berninger schnappt das Mikrofon und kündigt Ort für Ort an. Wenn der Wurm drin ist, dann richtig. Erst eine Verspätung von drei Minuten, dann steigen die Schüler in aller Seelenruhe aus. Das dauert. „Jetzt fahren wir, was die Schienen hergeben, das holen wir auf“, sagt Berninger optimistisch und schiebt den Tempo-Regler nach vorne. Zu früh gefreut. Ein rotes Signal an der Ampel vor Bad Friedrichshall. Rangierprobleme im Bahnhof verhindern die Einfahrt. Aus ist es mit der Pünktlichkeit. Berninger schnappt sich seufzend das Mikrofon und unterrichtet die Reisenden.

Dabei ist der wichtigste Zug der zum Feierabend. Der muss warten. Dienstschluss soll um 13.30 Uhr sein. „Na ja, dann wird es eben etwas später“, sagt Berninger und wartet, bis die Ampel auf Grün schaltet. Ein ganz normaler Bahntag eben.

Stichwort: Lokführer

In Deutschland gibt es insgesamt 19 500 Lokführer. Die durchschnittliche Wochenarbeitszeit beträgt 40 Stunden. Voraussetzung für die Einstellung ist ein Realschul- oder Hauptschulabschluss. Für jeden Bautyp der Lokomotive müssen die Lokführer eigene Prüfungen ablegen, jeden Streckenabschnitt zuvor mehrfach abfahren. Zudem werden im Simulator regelmäßig Extremsituationen getestet. Sie verdienen im Schnitt pro Jahr 33 500 Euro - 2791 Euro brutto pro Monat. uhe