Der aufgeweckte Boxer

Es ist 5.30 Uhr. In einem unscheinbaren Gebäude mitten in Neckarsulm klingelt der Wecker. Laut und schrill. Jeden Tag. Sieben Mal in der Woche. Dominik Britsch hat WM-Träume

Von Uwe Ralf Heer

Der aufgeweckte Boxer
Der ewige Kampf gegen die Einsamkeit: Dominik Britsch im Untergeschoss der Neckarsulmer Johannes-Häußler-Schule. Hier trainiert er an jedem Tag in der Woche.Fotos: Jürgen Kümmerle

Neckarsulm - Es ist 5.30 Uhr. In einem unscheinbaren Gebäude mitten in Neckarsulm klingelt der Wecker. Laut und schrill. Jeden Tag. Sieben Mal in der Woche. An zwölf Monaten im Jahr.

Dominik Britsch hat kein Problem mit dem Aufstehen. Meistens. Und wenn er irgendwann doch lieber weiterschlafen würde, hilft ihm der große Traum weiter. „Mein Ziel ist es, einmal Box-Weltmeister zu werden. Das motiviert mich jeden Tag, daran denke ich bei jedem Training.“

Wenn einer wie Dominik Britsch das sagt, dann klingt das nicht aufgesetzt. Nicht abgehoben. Der 19-Jährige ist ein junger Mann, der weiß was er will. Und er will eine ganze Menge. Als Box-Profi, aber vor allem auch außerhalb des Rings. Zunächst wird 2008 das Abitur gemacht, anschließend möchte er studieren. „Ich werde mich nach dem Abi ein Jahr lang voll aufs Boxen konzentrieren, danach nebenher Sportmanagement studieren“, sagt der Neckarsulmer. Ein Profi mit Köpfchen. Dominik Britsch passt so gar nicht in die Schublade, in die Boxer gemeinhin mit Vorliebe gesteckt werden.

Fünfjahresvertrag Der Schüler des Neckarsulmer Albert-Schweitzer-Gymnasiums steht auf. Eine Tasse Kaffee, ein Müsli und los geht’s. Es ist sechs Uhr. Ein kühler Morgen. Dominik Britsch stört das nicht. Im schwarzen Trainigsanzug des Sauerland-Boxstalls, bei dem er erst kürzlich einen Fünf-Jahresvertrag als Box-Profi unterschrieben hat, läuft er los. Vorbei an Häusern, hinter deren Fenster noch kein Licht brennt. Hinaus Richtung Scheuerberg. Von unten sieht die Neckarsulmer Erhebung an diesem Morgen friedlich und sanft aus. Aber die Steigung, die an dicht behängten Reben vorbei führt, hat es in sich. Dominik Britsch kennt jeden Meter, jede Kurve. Er läuft sein Tempo. Eine Stunde lang. Stürmt dabei die Treppen hinauf und gibt nicht nach, bis er ganz oben angekommen ist. Ein Gipfelstürmer in jeder Beziehung. Bisher einer in Rekordzeit.

Der aufgeweckte Boxer
Gipfelstürmer: Dominik Britsch joggt auf den Neckarsulmer Scheuerberg.
„Was in den vergangenen Monaten alles passiert ist, das ist schon unglaublich“, sagt Dominik Britsch. Er hat kaum Zeit, das Geschehene zu verarbeiten. Mit einer DVD hatte er sich beim Berliner Sauerland-Boxstall beworben - vor allem, um für die Schule ein Büro-Praktikum zu absolvieren. Doch was die Berliner sahen, gefiel ihnen. Britsch wurde eingeladen und überzeugte vom Fleck weg. Boxerisch, versteht sich. „Am Anfang war das schon komisch mit den Profis, die man nur aus dem Fernsehen kennt, zu trainieren. Aber es herrscht dort ein großes Zusammengehörigkeitsgefühl“, sagt Britsch. Das hilft in den Zeiten, in denen er in Berlin trainiert.

Vater als Trainer Das allerdings geht derzeit nur in den Ferien. Denn bis er das Abitur geschafft hat, besitzt Dominik Britsch eine für deutsche Box-Profis seltene Ausnahmegenehmigung: Er darf zuhause trainieren. Mit seinem Vater Jürgen Britsch, der selbst einst ein erfolgreicher Neckarsulmer Boxer war und ganz genau weiß, was sein Sohn braucht. „Die Arbeit mit ihm ist optimal. Mal macht er Trainingsvorschläge, mal ich. Vor allem kann er immer mit mir trainieren“, sagt Dominik Britsch. Vater Jürgen ist selbständig, und wenn der Papa den Filius trainiert, wird eben die Mutter stärker im Geschäft eingespannt. Der Erfolg hat viele Väter. Im Falle von Dominik Britsch vor allem den eigenen.

Der aufgeweckte Boxer
Konzentriertes Lernen neben dem Ring: Erst das Abitur, dann die Profi-Karriere.
Das harte Training zahlt sich aus. Die ersten Siege im Profilager - der junge Mann lässt aufhorchen. Er will von Beginn an nicht gegen Fallobst boxen, sondern gegen starke Kontrahenten. Und macht so einen Satz nach vorn in der Weltrangliste. Dabei vergisst er nicht seine Wurzeln. In Neckarsulm kennt ihn jeder. Hier hat er angefangen. Hier hat ihn die große Neckarsulmer Trainer-Legende Karl Taubenberger erstmals gesehen. Noch heute bringt Dominik Britsch dem 85-Jährigen eine DVD seiner aktuellen Kämpfe.

7 Uhr. Die erste Etappe ist geschafft. Dominik Britsch kehrt nach Hause zurück. Duschen, frühstücken. Es gibt ein zweites Müsli, eine ausgewogene Ernährung, wenig Fett. „Ich mochte noch nie Süßigkeiten und auch keine fettigen Speisen. Gesund zu essen fällt mir nicht schwer“, sagt der Kämpfer im Halbmittelgewicht, der Gewichtsklasse bis 69,8 Kilo. Kein Gramm Fett hat er an seinem austrainierten Körper. Was bei der Disziplin nicht verwundert, denn Alkohol ist für den Neckarsulmer ebenfalls tabu. „Vielleicht mal an Silvester, aber sonst nie“. Wenn er das sagt, entsteht nicht der Eindruck, als sei dies für den jungen Boxer ein großer Verlust.

7.30 Uhr, auf geht’s zur Schule. Dominik Britsch ist für die Mitschüler längst so eine Art Idol geworden. Für die Jüngsten muss er Autogramme schreiben, der zurückhaltende Zwölftklässler macht dies ohne zu Murren. Er ist beliebt. Zum letzten Kampf nach Stuttgart ist fast die gesamte Schule mitgefahren: Lehrer, Hausmeister und selbst der Rektor drückten neben vielen Klassenkameraden am Ring die Daumen. Wohl deshalb, weil Dominik Britsch normal geblieben ist. Trotz einer Karriere im Eiltempo.

Der Schultag beginnt. Dominik Britsch hat keine Probleme, seine Profilfächer sind Sport und Physik, in Mathe ist er ebenfalls stark. „Alles Naturwissenschaftliche interessiert mich“, sagt er. Die Konzentration, die jeder gute Boxer noch viel mehr als Muskelmasse braucht, kommt ihm im Abitur-Endspurt ebenfalls zugute. Konzentriert ist er auch in der Kabine vor jedem Kampf. Er betet vor dem Gang in den Ring, dann freut er sich nur noch, dass es endlich losgeht.

Gesunde Ernährung Gegen 13 Uhr ist der Schultag für ihn beendet. 28 Wochenschulstunden absolviert Dominik Britsch. Zu Hause wartet das Mittagessen. Viel Nudeln, viel Reis, Putenfleisch. Danach geht’s an die Schularbeiten. Im Nachbarhaus hat er sein Büro, dort vertieft sich der 19-Jährige in die Bücher. Im Nebenzimmer ist ein eigener Fitnessraum mit Laufband und Sandsack aufgebaut - hier trainiert Britsch morgens, wenn er mal nicht Laufen geht. Big FM läuft im Radio - Ablenkung bei der Trainings- oder Schularbeit.

Der Nachmittag beginnt heute etwas ruhiger. Meint zumindest Dominik Britsch. Er geht ab und an mal mit Freunden weg, sicher. Wenn es die Zeit erlaubt. Auch abends. Dann sieht man ihn im Hip Island oder in der Sperber Lounge. „Wenn ich aber weggehe, dann schlafe ich mittags vor, abends ist man doch kaputt“, sagt er lächelnd. Kein Wunder bei dem Programm. Denn zwei- bis dreimal die Woche schiebt Britsch am Nachmittag noch eine Stunde Training im Fitnessstudio ein. Danach wird kurz relaxt und um 18.30 Uhr geht es zur nächsten Übungseinheit in die nahe Häußler-Schule. Britsch packt seine Sachen und schlendert zu Fuß über die Straße, schließt die Halle auf und betritt die Trainingshalle, die von den Neckarsulmer Boxern benutzt wird.

Seilspringen zum Warmmachen, 20 Minuten lang tänzelt er leichtfüßig in atemberaubenden Tempo. Ein schweißtreibendes Aufwärmprogramm. Es folgt die Arbeit am Sandsack, dann Sparring im Ring. Zwei bis zweieinhalb Stunden härteste Anstrengung und höchste Konzentration. „Meine Stärken sind zwar Technik und Schnelligkeit, aber an meiner Deckung muss ich noch hart arbeiten“, sagt Britsch. Die Deckung. Ein Cut über dem Auge aus dem letzten Kampf, seine bisher einzige Box-Verletzung, erinnert ihn, dass er an ihr tatsächlich arbeiten muss.

Der aufgeweckte Boxer
Seilspringen im Boxstudio - 20 Minuten Höchstleistung. Nur zum Aufwärmen, versteht sich.
Volle Konzentration Die Sandsäcke haben ein unterschiedliches Gewicht. Sieben an der Zahl hängen in dem Raum, Dominik Britsch hat längst aufgehört zu zählen, wie viele Male er auf die großen, braunen Ungeheuer eindrischt. Immer und immer wieder. Voll konzentriert. Mit seiner blauen Hose und den blauen Handschuhen spult er das Trainingsprogramm ab. Lächeln kommt später. Im Mittelpunkt steht immer der große Traum. Einem wie Roy Jones jr nachfolgen, der in vier verschiedenen Gewichtsklassen den WM-Titel holte. Er ist Dominik Britschs Vorbild.

Trainingsende. Es ist spät geworden in Neckarsulm. 21 Uhr, Zeit für das Abendessen. „Danach geht dann nichts mehr“, sagt Dominik Britsch.

Wer früh raus will, muss früh schlafen gehen. Meistens zumindest. Dominik Britsch ist diszipliniert. Sein Umfeld ist es ebenfalls. Dennoch: Ein bisserl Zeit fürs Privatleben bleibt. Derzeit ist er allerdings solo, nach drei Jahren endete die Beziehung zu seiner Freundin. „Das hatte aber nichts mit dem Boxen zu tun. Partnerschaft, Schule und Training geht, selbst wenn man dafür natürlich Verständnis aufbringen muss.“ Verständnis bringt er zudem für die Fans auf, die jetzt schon Autogrammpost schicken oder den Neckarsulmer auch sonst reizvoll finden, wie viele weibliche Boxanhänger.

Der Tag endet für Dominik Britsch, der nun wirklich Ruhe hat. Bis um 5.30 Uhr. Ob Montag oder Sonntag, ob Dienstag oder Samstag. Jeden Tag, zwölf Monate im Jahr. Den großen Traum vor Augen. Dafür lohnt es sich für den sympathischen Athleten, ein aufgeweckter Boxer zu sein.

Zur Person: Dominik Britsch

Der 19-Jährige ist in Neckarsulm geboren und wohnt dort im Haus seiner Eltern. Er besucht die zwölfte Klasse des Albert-Schweitzer-Gymnasiums. Mit acht Jahren hat er als Boxer begonnen, die ersten Kämpfe bestritt er mit zehn. Mit 16 Jahren stand er im Juniorennationalteam, mit 18 wurde er mit der Heidelberger Boxstaffel Oberliga-Meister. Bilanz bei den Amateuren: 69 Kämpfe, 59 Siege. Als 19-Jähriger wurde Dominik Britsch Box-Profi im Sauerland-Stall, der Vertrag gilt für fünf Jahre. Bisherige Profi-Bilanz: Sechs Kämpfe, sechs Siege, einer durch k.o. In der Weltrangliste der besten 1000 Boxer machte er durch den letzten Sieg einen Sprung von Rang 500 auf 130. Seinen nächsten Kampf bestreitet Dominik Britsch am 18. August in Berlin. Eventuell einen weiteren bereits am 21. Juli in Hattersheim.