Merkel würdigt Einsatz der Bürger für Öffnung der DDR

Hannover  Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat den Mut und Einsatz der Demonstranten in der DDR gewürdigt, der vor 25 Jahren zum Fall der Mauer geführt hat.

Email
Bundeskanzlerin Merkel begrüßt Zuschauer. Die zentralen Feierlichkeiten wurden in Hannover ausgerichtet. Foto: Holger Hollemann

„Ohne den Mut dieser Bürger, ohne den von ihnen erzeugten Reformdruck wäre es nicht zum Mauerfall gekommen“, sagte Merkel am Freitag beim zentralen Festakt zum Tag der Deutschen Einheit in Hannover. Die Wiedervereinigung sei ohne die friedliche Revolution in der DDR und die anschließende diplomatische Überzeugungsarbeit der damaligen Bundesregierung auf internationalem Parkett nicht denkbar gewesen, betonte die Kanzlerin. 

Seitdem hätten sich viele Wünsche der DDR-Bürger erfüllt. „Städte, die grau und kaputt waren, wurden bunt und entwickelten wieder ihr eigenes, neues Lebensgefühl“, sagte Merkel. „Auch der Trend der Abwanderung scheint gestoppt zu sein.“ Aber es bleibe viel zu tun, etwa auf dem Arbeitsmarkt und bei der Wirtschaftsleistung, die im Osten niedriger sei als im Westen.

Die Unterschiede zwischen Ost und West verlören immer mehr an Bedeutung, fügte die Kanzlerin hinzu. „Und deshalb muss es uns auch für die Zeit nach dem nach Ende des Solidarpakts ab 2020 gelingen, die Finanzbeziehungen zwischen Bund und Ländern neu zu ordnen, und zwar so, das wir für die ostdeutschen Länder finanzielle Brüche vermeiden und gleichzeitig ein System entwickeln, von dem alle strukturschwachen Regionen in Deutschland profitieren können.“

Deutsche Einheit
Bürgerfest für den Tag der Deutschen Einheit in Hannover. Foto: Julian Stratenschulte

Gottesdienst und Bürgerfest

Mit einem ökumenischen Gottesdienst hatten am Freitagmorgen in Hannover die zentralen Feiern zum Tag der Deutschen Einheit begonnen. Unter den Gästen waren neben der Kanzlerin Bundespräsident Joachim Gauck. An dem Gottesdienst nahmen auch Vertreter von Judentum und Islam teil. Sie beteten gemeinsam für den Frieden in der Welt. 

Hannovers Landesbischof Ralf Meister sagte, bei der Suche nach Gerechtigkeit sei Engagement und Einsatz gefragt. Das gelte auch für die Krisenherde Syrien und Nordirak. Der Vorsitzende des Landesverbandes der Muslime in Niedersachsen, Avni Altiner, verurteilte die Taten der islamischen Terroristen und betonte, sie widersprächen den Werten seiner Religion. 

Vor dem Gottesdienst schüttelten Kanzlerin Merkel und Gauck gut gelaunt die Hände von kleinen Chorkindern. An der Veranstaltung nahmen auch Bundestagspräsident Norbert Lammert, Ex-Bundespräsident Christian Wulff, Altkanzler Gerhard Schröder sowie die Ministerpräsidenten anderer Bundesländer teil.

25 Jahre nach dem Fall der Mauer wurden anschließend mehr als 1000 Gäste zu einem großen Festakt in Hannover erwartet. Bereits am Donnerstag hatten die Feierlichkeiten mit einem Bürgerfest begonnen, zu dem bis Freitagabend rund 500.000 Besucher erwartet werden. Auf einer 1,5 Kilometer langen Partymeile präsentieren sich alle Bundesländer mit ihren regionalen Besonderheiten. Finanziert wird das 4,4 Millionen Euro teure Fest von Sponsoren sowie dem Land und dem Bund. Niedersachsen ist nach 1998 zum zweiten Mal Gastgeber der Party. 

Erfolgsgeschichte

Nicht nur aus Sicht des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) ist die Einheit eine Erfolgsgeschichte. Auch für sich persönlich zieht jeder zweite Ostdeutsche laut einer Umfrage eine positive Bilanz der Wende.

«Die erreichte Annäherung der Wirtschafts- und Lebensverhältnisse ist eine große ökonomische Leistung», heißt es in einer Bilanz des DIW. Ostdeutsche erzielten heute etwa 83 Prozent des durchschnittlichen verfügbaren Einkommens der Westdeutschen. Der Industrie-Anteil an der Brutto-Wertschöpfung erreiche EU-Durchschnitt, der Osten liege vor Frankreich, Spanien und Großbritannien. Die Wiedervereinigung sei auch wirtschaftlich ein Erfolg, hieß es. Eine völlige Gleichheit in einem Land werde es aber nie geben, sagte DIW-Chef Marcel Fratzscher voraus.

Nach Befragungen des Instituts sind die Ostdeutschen heute nahezu so zufrieden mit ihrem Leben wie die übrigen Bundesbürger. In den 90ern war der Abstand noch groß gewesen. Nach einer Umfrage im Auftrag der Zeitschrift «Superillu» sowie 13 ostdeutschen Tageszeitungen fühlt sich die Hälfte der Ostdeutschen als «Gewinner» der Wiedervereinigung. Knapp jeder vierte (23 Prozent) sieht sich dagegen als «Verlierer».

Befragt wurden repräsentativ 1573 Ostdeutsche sowie ein Querschnitt von 1520 Menschen aus ganz Deutschland. Die «Verlierer» fühlen sich demnach als Bürger zweiter Klasse, weil sie etwa ihre Arbeit verloren oder den Eindruck haben, ihre Erfahrungen vor der Wende seien nichts mehr wert. Gut ein Viertel der Ostdeutschen sehnt sich der Umfrage zufolge manchmal in die DDR zurück. dpa

 

 

 

 

Kinderwunsch und Zukunftsangst - So verschieden sind Ost und West

Von wegen „einig Vaterland“: Auch 25 Jahre nach dem Fall der Mauer und 24 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung gibt es noch erhebliche Unterschiede zwischen Ost und West. Eine Auswahl: 

Wirtschaft: „Blühende Landschaften“ gibt es im Osten eher wenige. Die Wirtschaftskraft liegt ein Drittel unter dem Niveau der westdeutschen Länder. Und: Die Lücke schließt sich seit einiger Zeit kaum noch.

Verdienst: Ostdeutsche verdienen viel weniger. So betrug der mittlere Bruttomonatslohn im Westen zuletzt 3094 Euro, im Osten nur 2317 Euro.

Arbeitslose: Die Kluft zwischen Ost und West wird immer kleiner. In Ostdeutschland ist die Arbeitslosenquote auf dem tiefsten Stand seit 1991. Trotzdem beträgt sie noch 9,1 Prozent, im Westen 5,8 Prozent. 

Rente: Wegen des früheren Berufseinstiegs in der DDR sind Renten im Osten meist höher. Zuletzt bekamen Männer im Schnitt 1096 Euro, Frauen 755 Euro. Im Westen: Männer 1003 Euro, Frauen 512 Euro. 

Vermögen: Ostdeutsche besitzen nicht einmal halb so viel. Während Erwachsene im Westen im Schnitt über 94.000 Euro verfügen, sind es im Osten nur 41.000 Euro. Der Durchschnittswert selbst genutzter Immobilien liegt im Westen bei 151.000, im Osten bei 88.000 Euro.

Kinderwunsch: In Westdeutschland ist der Kinderwunsch deutlich ausgeprägter. Nach einer Forsa-Umfrage möchten 63 Prozent der jungen Erwachsenen hier auf jeden Fall Kinder, im Osten nur 47 Prozent. 

Kinderbetreuung: In der DDR gehörte die Krippe zum Alltag, das wirkt bis heute nach. 2013 war die Betreuungsquote im Osten mit 49,8 Prozent noch mehr als doppelt so hoch wie in den westdeutschen Ländern mit 24,2 Prozent.

Verkehrstote: Ostdeutsche Straßen sind gefährlicher - und besonders gefährlich sind die in Brandenburg. Bei Verkehrsunfällen starben 2013 dort 69 Menschen pro eine Million Einwohner, in Sachsen-Anhalt 61. Im Bundesdurchschnitt waren es gerade mal 41.

Musik: Ob Helene Fischer oder Tim Bendzko: Musik mit deutschem Text ist im ganzen Land beliebt, nach einer Umfrage im Osten (84 Prozent) aber noch deutlich stärker als im Westen (74 Prozent).

Sterbehilfe: Rund 82 Prozent der Ostdeutschen wünschen sich einer Forsa-Umfrage zufolge bei einer schweren Erkrankung Sterbehilfe. In Westdeutschland sind es nur 67 Prozent. 

Studenten: Sie können sich im Osten wegen niedrigerer Mieten mehr leisten. Laut Umfrage zahlt jeder zweite weniger als 300 Euro Miete, im Westen nur jeder dritte. Für Ausgehen oder Hobbys geben Studenten im Osten im Schnitt 178 Euro aus, 16 Euro mehr als die Kommilitonen im Westen.

Kirche: Die historisch gewachsene Kluft bleibt groß: 2011 waren noch 25 Prozent der Menschen im Osten Mitglied der katholischen oder evangelischen Kirche, im Westen 70 Prozent. 

Stimmung: Nach einer Umfrage von Infratest dimap bewerten etwa 75 Prozent der Ostdeutschen die Wiedervereinigung positiv. In Westdeutschland sieht dagegen nur rund die Hälfte der Befragten (48 Prozent) mehr Vor- als Nachteile.

 

Links zum Thema


 

Kommentar hinzufügen