Der Import der alten Heimat

Region  Bratwurststand, Puhdys, Trabi: Wie frühere DDR-Bürger Dinge von einst im Alltag erhalten.

Von unserem Redakteur Carsten Friese

Email

 

Es sind etwa sechs Quadratmeter, die eine ganz besondere Atmosphäre verströmen. 25 Jahre sind inzwischen vergangen, seit ostdeutsche Bürger mit Dauer-Demonstrationen und Republikflucht im Herbst 1989 das Ende der DDR eingeleitet haben. 25 Jahre später vermitteln Steffen Merten (50) und Thomas Lohner (50) in ihrem kleinen Imbiss-Stand am Neckarsulmer Saturn-Markt ein besonderes Gefühl ostdeutscher Kultur. Original Thüringer Würste vom Holzkohlengrill verkaufen sie hier jeden Samstag (Foto), bieten Bautzener Senf, Saalfelder Pils, ostdeutsche Fassbrause und Vita-Cola an; zudem haben sie über ihren "Ossi-Treff" die Ost-Kultrocker "Puhdys" schon 15 Mal zu Konzerten nach Baden-Württemberg geholt.

 
Im Grillstand am Saturn-Markt: Steffen Merten (li.), Thomas Lohner mit original Thüringer Würsten.

"Wir wollen den Menschen, die hier rübergezogen sind, ein Stück Heimat geben", erklärt Steffen Merten. Seit acht Jahren steht er in dem Imbiss. Ihn schließen? Dann würde man "ein Stück Identität aufgeben". Und Kunden, die regelmäßig auch von weiter her kommen, würden wohl auf die Barrikaden gehen.

Ossi-Treff

Das besondere Kleinod auf dem Asphalt des Saturn-Parkplatzes ist ein Magnet. Längere Schlangen bilden sich hier nicht nur um die Mittagszeit, es wird getratscht, geflachst, ostdeutscher Dialekt mischt sich mit Hochdeutsch oder Schwäbisch. Im Nebenjob greifen der Thüringer Merten und der aus Sachsen-Anhalt stammende Lohner samstags zwischen 11 und 17 Uhr zu Brötchenmesser und Grillzange; der Abstatter Merten fährt im Hauptjob in Stuttgart S-Bahn, der Heilbronner Lohner Regionalbus. "Es ist jeden Samstag ein Erlebnis", sagt Thomas Lohner. Und natürlich transportiere man dabei auch ein Heimatgefühl mit.

Als sie aus einer Bierlaune im Jahr 2003 den "Ossitreff" Baden-Württemberg gründeten, waren alle vom ersten organisierten Treffen überwältigt. Der gemietete Raum war mit 100 übergesiedelten Menschen aus der früheren DDR proppenvoll. "Das Gefühl", sagt Merten, "war der Hammer." Einige Monate später kamen zu Konzerten von "City" oder den "Puhdys" locker 1000 und mehr Fans. Dass Merten für diese Abende über seine Heimatstadt Jena Thüringer Würste, Thüringer Bier und einen professionellen Wurstbrater organisiert hatte, kam super an. Die Anregung eines Kumpels, hier einen eigenen Bratwurststand zu eröffnen, griff Merten auf und meldete ein Nebengewerbe an.

Der Import der alten Heimat

Seitdem fährt er regelmäßig nach Thüringen, um die Getränke einzukaufen. Eine Spedition mit Kühl-Lkw liefert jede Woche Bratwürste aus Schmölln nach Abstatt. Die Geschäftsidee kommt an. Angefangen haben sie mit 50 verkauften Exemplaren und waren damals richtig stolz. An einem guten Tag sind es heute bis zu 500. Der Kundenmix besteht inzwischen je zur Hälfte aus Ost- und Westdeutschen. An diesem Morgen ist der Künzelsauer Steffen Zedler am Stand. "Wenn ich in der Nähe bin, muss ich hier vorbeikommen. Es schmeckt super − und ich bin damit groß geworden", sagt der aus Gera stammende Mann.

Die DDR verklären will das Wurststand-Duo nicht. Aber die Herzlichkeit im Umgang miteinander, das spontane, lockere Gespräch hat Merten bei den distanzierteren Schwaben bisher etwas vermisst. "Man kommt schwerer in eine Familie rein." Die Lebensumstände seien nach der Wende indes deutlich besser geworden, bilanziert er, mit der wirtschaftlich desolaten DDR sei es so nicht weiter gegangen. Heute werde er bei Besuchen in der alten Heimat indes auch als "Onkel aus dem Westen" angesprochen. Die Freiheit, sich Dinge einfach kaufen zu können, nicht mehr vom Staat bevormundet und überwacht zu werden, sind für Thomas Lohner wichtige Wendepunkte zum Positiven. Beide fühlen sich nach wie vor als Ossis. Seine schöne Jugendzeit, sagt Merten, werde er "nie vergessen". Nun lebe er hier: "Und es ist auch schön."

Der Import der alten Heimat
Hat Jahre nach dem Weggang aus der DDR Gefallen an einem "Trabi" gefunden: der Heilbronner Fotograf Jörg Venth. Mit "Ost-Romantik" habe dies nichts zu tun, betont er.Fotos: Carsten Friese/Mario Berger
Goldener Manta

Wie viele Ostdeutsche um die Zeit des Mauerfalls ins Unterland kamen, ist statistisch nicht genau erfasst. Zum Höhepunkt der Übersiedlerwelle Ende 1989 wohnten 670 frühere DDR-Bürger in staatlichen Unterkünften. Eine solche brauchte Jörg Venth aus Frankfurt (Oder) damals nicht. Er kam bei seinen Eltern in Schozach unter, die vorher bereits in den Westen gekommen waren. Venth hatte mit 18 gerade seine Fotografenausbildung beendet, zog am 1. Januar 1990 nach. Einen Tag später begann er im Heilbronner Wollhaus als Fotofachverkäufer.

Heute ist der 43-Jährige mit einer Heilbronnerin verheiratet, fährt einen hellblauen Trabant, das inzwischen selten gewordene frühere Volksauto der DDR. Mit Ost-Romantik "hat das nichts zu tun", sagt er. Ein goldener Opel Manta sei früher sein Traum gewesen. Inzwischen habe er entdeckt, was für ein tolles Auto der "Trabi" sei, an dem man ganz viel selbst reparieren könne. Das "Räng-täng-täng"-Geräusch, der typische Geruch der Zweitakt-Mischung, die Fahrweise machten einfach Spaß. Im Jahr 2000 kaufte er das besondere Gefährt. "Seitdem", sagt Venth, "möchte ich eigentlich nichts anderes fahren." Eine unbewusst erhaltene Verbindung zur alten Heimat?

Venth denkt kurz nach. Es spiele wohl auch etwas mit. Er ist aber nur noch selten drüben, sein früherer Dialekt ging automatisch weg, wie er sagt. Die Wende sieht er absolut positiv, weil "wir ja ein Gesamtdeutschland wollten". Heute sei Heilbronn definitiv seine Heimat. Und Tochter Laura (9) werde den Trabi mal irgendwann fahren. "Es ist ein schönes Auto", sagt sie − und: irgendwie cool.

 

 

Kommentar hinzufügen