Hitzige Debatten

Neckarwestheim - Die Uhr zeigt auf der Warte 23.17 Uhr. Erstmals spaltet am 26. Mai 1976 eine sich selbst erhaltende Kettenreaktion Urankerne. Der Reaktor ist "kritisch". So beginnt bei GKN I in Neckarwestheim die atomare Zeitrechnung. Ob sie im ersten Block 2010 endet, hängt von der neuen Bundesregierung ab.

Von Joachim Kinzinger

Hitzige Debatten
Protest auf dem Strommast gegen GKN in den 80er Jahren: Dazu gehört auch die frühere Grünen-Politikerin Jutta Ditfurth (unten).Foto: Archiv/Kleinknecht-Köhler
Neckarwestheim - Die Uhr zeigt auf der Warte 23.17 Uhr. Erstmals spaltet am 26. Mai 1976 eine sich selbst erhaltende Kettenreaktion Urankerne. Der Reaktor ist "kritisch". So beginnt bei GKN I in Neckarwestheim die atomare Zeitrechnung. Ob sie im ersten Block 2010 endet, hängt von der neuen Bundesregierung ab.

Eigentlich gilt Lauffen als erste Wahl, das Genehmigungsverfahren läuft. Abrupt verkündet die EVS den Rückzug. So einigen sich im Januar 1971 Neckarwerke und Technische Werke Stuttgart (TWS) auf das Steinbruchareal des Portland-Cement-Werks Lauffen bei Neckarwestheim. ZEAG und Deutsche Bahn steigen in die Betreibergesellschaft Gemeinschaftskernkraftwerk Neckar (GKN) ein. Der Baubeschluss fällt im Februar: Der erste Block leistet 840 Megawatt, kostet 800 Millionen Mark.

Bauernkritik

Zunächst äußern sich Landwirte kritisch. Der Kreisbauernvorsitzende Paul Eberbach befürchtet negative Auswirkungen auf Obst, Gemüse, Wein, Frühkartoffeln. Wegen der Klimaveränderungen durch Feuchtigkeit und Schattenwurf der Dampfwolken. Vor einer Quelle der "ständig steigenden Radioaktivität in der Umgebung" warnt Dr. Joachim Weitzsäcker aus Brackenheim, der 1971 die "Schutzgemeinschaft gegen Atomkraftwerke und Umweltschäden" gründet.

Bei Aufklärungsversammlungen liefern sich Befürworter und Gegner hitzige Debatten. Von der "unübertroffenen Sicherheit" sind AKW-Anhänger überzeugt, Atomgegner warnen vor dem "großen Restrisiko". Mit einem reservierten "Ja" gibt der Heilbronner Kreistag im Juli 1971 grünes Licht, ebenso die Räte in Neckarwestheim und Gemmrigheim. 4421 Einsprüche gegen den Bau weist CDU-Wirtschaftsminister Hans-Otto Schwarz als unbegründet zurück: "Das Kraftwerk stellt keine Gefahr für die Umgebung dar." Anfang 1972 unterzeichnet Schwarz die erste Teilgenehmigung. Am 25. Januar 1972 rollen die Bagger für den Erdaushub an. 700 Schweißer, Eisenflechter, Betongießer und Mauer arbeiten auf der riesigen Baustelle. Nach vier Jahren ist das Kernkraftwerk 1976 fertig.

Bereits 1975 beantragen die Betreiber einen zweiten GKN-Block. Die Angst vor Atomkraftwerken löst eine wesentlich stärkere Protestwelle in der Region als 1971 aus. Gerade nach dem erbitterten Streit um den AKW-Standort Wyhl in Südbaden, den das Land aufgibt.

Messdaten

Hitzige Debatten
Ein Blick auf Baustelle und den ersten Reaktor im Jahr 1975.Foto: Archiv/Kugler
Wiederum sind es Bauern, die zunächst Sorge um ihre landwirtschaftlichen Produkte haben. Doch Weinbaupräsident Gotthilf Link, CDU-Abgeordneter aus Lauffen, gelingt es, die Mehrheit der Landwirte und Wengerter auf seine Seite zu ziehen. Sätze wie "wenn man das als Teufelszeug verteufelt, macht man seine eigenen Produkte schlecht, die in der Umgebung gedeihen" zeigen Wirkung. Der geschlossene Widerstand bröckelt. Der Bund der Bürgerinitiativen Mittlerer Neckar (BBMN) bildet in der Region die Speerspitze des Protests. Fünf Jahre lässt das Land die Messdaten von GKN I auswerten und stellt keine Auswirkungen fest.

"Es wird einen zweiten Block geben", verkündet Ministerpräsident Lothar Späth im April 1981 in Neckarwestheim. In einer Kampfabstimmung votiert der Neckarwestheimer Rat mit 8:5 für GKN II. Allein sieben Jahre zieht sich das Genehmigungsverfahren hin. 28 468 Einsprüche werden abgewiesen. Nach sechsjähriger Bauzeit ist der zweite Meiler im Januar 1989 am Netz.