Sicherheitslücken beim älteren Meiler

Neckarwestheim - In den kommenden Wochen will die Bundesregierung ihren energiepolitischen Kurs festlegen. Antworten soll es auch auf die Frage geben, wie lange Atomkraftwerke am Netz bleiben dürfen. Das Versprechen der Politik an die Bürger lautet: Sicherheit spiele die entscheidende Rolle. Doch in diesem Punkt gehen die Meinungen weit auseinander.

Von Reto Bosch
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Block I in Neckarwestheim (hinten) ging 1976 in Betrieb. GKN II produziert seit dem Jahr 1989 Strom.Foto: Archiv/Kuhnle
Neckarwestheim - In den kommenden Wochen will die Bundesregierung ihren energiepolitischen Kurs festlegen. Antworten soll es auch auf die Frage geben, wie lange Atomkraftwerke am Netz bleiben dürfen. Das Versprechen der Politik an die Bürger lautet: Sicherheit spiele die entscheidende Rolle. Doch in diesem Punkt gehen die Meinungen weit auseinander.

Atomkraftgegner halten vor allem die älteren Meiler wie GKN I für unsicher. Mehrere Untersuchungen und Dokumente belegen, dass es tatsächlich Sicherheitslücken gibt − die zum Teil nicht zu schließen sind. Ein Überblick.

Bundesumweltministerium: GKN-Betreiber EnBW hatte 2006 den Antrag gestellt, Reststrommengen vom neueren auf den älteren Reaktor übertragen zu dürfen. Das Bundesumweltministerium (BMU) gab daraufhin, unter anderem bei der Gesellschaft für Reaktorsicherheit (GRS), einen Sicherheitsvergleich der beiden Neckarwestheimer Meiler in Auftrag. Ergebnis: In vielen Punkten liegt das 34 Jahre alte GKN I zurück. Die Anlage verfügt zum Beispiel nur über drei statt der sonst in Deutschland bei Druckwasserreaktoren üblichen vier Hauptkühlmittelleitungen.

Bei neueren Kraftwerken liegen laut BMU die Anforderungen für Material und Schutzziele höher. Etwa was Armierungen, Rohre, Armaturen oder Kabel angeht. GKN II (21 Jahre alt) verfüge über eine verstärkte Gebäudeaußenwand, was einen größeren Schutz gegen Flugzeugabstürze biete. Der ältere Reaktor weise weniger Reserven für die Vermeidung von Störungen auf als GKN II. Im Gegensatz zu diesem Meiler könnten für GKN I kurzfristige Funktionsunfähigkeiten von Teilen der Ansteuerung durch den Reaktorschutz nach Erdbeben nicht ausgeschlossen werden.

Internationale Länderkommission Kerntechnik: Im Auftrag mehrerer Bundesländer untersuchte die Internationale Länderkommission Kerntechnik (ILK) die deutschen Kernkraftwerke auf ihren Schutz vor terroristischen Anschlägen. Das Ergebnis ist in einem Vermerk vom November 2002 an die damalige hessische Landesregierung nachzulesen: Bei älteren Kraftwerken wie GKN I "ist bei einem Aufprall auf das Reaktorgebäude mit schweren bis katastrophalen Freisetzungen radioaktiver Stoffe zu rechnen". Bis zum Jahr 2009 wurde diese Untersuchung als vertraulich eingestuft und der Öffentlichkeit vorenthalten.

Gesellschaft für Reaktorsicherheit: Die GRS kommt in einer Studie ebenfalls zu dem Schluss, dass GKN I beim Aufprall eines großen Verkehrsflugzeugs unter Umständen nicht standhalten könnte. "Beherrschung fraglich", urteilen die Prüfer in einem solchen Fall. Deutlich besser schneidet der jüngere Meiler ab.

Koch-Oettinger-Papier: Die damaligen CDU-Ministerpräsidenten Günther Oettinger (Baden-Württemberg) und Roland Koch (Hessen) leisteten schon vor der Bundestagswahl Vorarbeit und ließen eine Laufzeitverlängerung vorbereiten. In einem internen Strategiepapier räumen die beiden ein, dass es dort Sichereitsunterschiede gebe, wo Nachrüstungen Grenzen gesetzt sind. "Solche Unterschiede bestehen beim baulichen Schutz, bei der Materialwahl von Komponenten und Rohrleitungen des Primärkreislaufs und bei der leittechnischen Realisierung einer der Störfallbeherrschung vorgelagerten Begrenzungsebene."

Ob, und in welchem Maß die Energieversorger nachrüsten müssen, um ihre Kraftwerke länger betreiben zu dürfen, steht noch nicht fest. Ende September will das Bundeskabinett einen Beschluss fassen.


Aufsicht sieht GKN  I auf hohem Niveau


GKN-Betreiber EnBW argumentiert, das Sicherheitsniveau beider Reaktoren bewege sich auf dem von der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) für neue Anlagen geforderten Niveau. Die Kosten für Nachrüstungen des Blocks I seit Inbetriebnahme belaufen sich laut EnBW auf über 800 Millionen Euro (Stand Ende 2009). Zum Vergleich: Die Investitionskosten für die Errichtung hätten 375 Millionen Euro betragen.

Auch das baden-württembergische Umweltministerium, zuständig für die Atomaufsicht im Land, bescheinigt dem älteren Meiler einen technisch guten Zustand, der alle Vorgaben einhalte. Dies hätten Sicherheitsüberprüfungen regelmäßig bestätigt. Dennoch: Die jüngere Anlage GKN II weise in einigen Bereichen an einzelnen Stellen höhere Sicherheitsreserven auf. Bei der sogenannten OSART-Mission habe GKN eines der der besten Ergebnisse in der Geschichte dieser internationalen Untersuchungen erzielt − dabei wurden zum Beispiel Management oder Betriebsabläufe unter die Lupe genommen. Eine technische Prüfung war nicht Gegenstand der Mission.

Vernebelungen sollen Atomkraftwerke vor Terroranschlägen schützen. Laut Ministerium liegt ein Genehmigungsantrag der EnBW vor. Durch den Engpass bei der Herstellung der Geräte könnten die deutschen Anlagen allerdings nur schrittweise mit solchen Vernebelungseinrichtungen ausgerüstet werden. GKN besitze durch die geschützte Lage im Steinbruch im Vergleich zu anderen deutschen Kernkraftwerken bereits ein höheres Schutzniveau. bor 


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