Reaktorkuppel von GKN I hält Flugzeug-Absturz nicht stand

Neckarwestheim - Wie sicher sind Kernkraftwerke? Keine andere Frage polarisiert so stark wie diese. Atomkraftgegner verweisen auf hohe Risiken und fordern den Ausstieg.

Von Reto Bosch

Flieger kann Katastrophe auslösen
Das ältere Kraftwerk GKN I (links) ist 1976 ans Netz gegangen. 13 Jahre später folgte der zweite Meiler. Beide Blöcke sind Druckwasserreaktoren.Foto: Dittmar Dirks

Neckarwestheim - Wie sicher sind Kernkraftwerke? Keine andere Frage polarisiert so stark wie diese. Atomkraftgegner verweisen auf hohe Risiken und fordern den Ausstieg. Befürworter dieser Energieform vertrauen darauf, dass die Anlagen auch in kritischen Situationen beherrschbar sind. Die Debatte um mögliche Flugzeugabstürze und Terrorgefahren hat das Augenmerk auf die Konstruktion vor allem älterer Meiler wie GKN I gelenkt. Studien haben ergeben: Einem großen Verkehrsflugzeug würde der ältere Neckarwestheimer Block nicht standhalten.

Nach den Anschlägen vom 11. September in den USA haben mehrere Bundesländer ein Gutachten in Auftrag gegeben, das klären sollte, ob die deutschen Meiler vor Flugzeugabstürzen gesichert sind. Dieser Aufgabe nahm sich die Internationale Länderkommission Kerntechnik an (ILK), besetzt mit hochqualifizierten Experten. Das Ergebnis ist so brisant wie eindeutig: Bei älteren Kraftwerken wie GKN I "ist bei einem Aufprall auf das Reaktorgebäude mit schweren bis katastrophalen Freisetzungen radioaktiver Stoffe zu rechnen". Dies schreibt die ILK in einem der Heilbronner Stimme vorliegenden Vermerk vom November 2002 an die damalige hessische Landesregierung. Bis zum Jahr 2009 wusste die Öffentlichkeit nichts von diesem Gutachten, es wurde als "vertraulich eingestuft". Dies sorgte im Vorfeld der Bundestagswahlen für große Aufregung.

Ausstieg

Dass die älteren Reaktoren durch Abstürze gefährdet sind, bestätigt auch die Gesellschaft für Reaktorsicherheit. Und das Bundesumweltministerium bezog im Juli 2009 Stellung: "Der Ausstieg in Verbindung mit einem früheren Abschalten der älteren, verwundbaren Anlagen ist aus heutiger Sicht die einzig machbare und nachhaltig wirksame Schutzmaßnahme."

Professor Adolf Birkhofer leitete den Lehrstuhl für Reaktordynamik und Reaktorsicherheit der TU München und ist Mitglied der ILK. Er hält es zwar für theoretisch möglich, dass ein gezielter Flugzeugabsturz einen schweren Schaden auslöst. "Es besteht aber keine Zwangsläufigkeit, dass es zu einem Schmelzen des Reaktorkerns und damit zu einer massiven Freisetzung von Spaltprodukten kommt", sagte er der Heilbronner Stimme. Birkhofer hält die Neckarwestheimer Blöcke insgesamt für gut geschützt. Er verweist auf die armierten Reaktorkuppeln und sogenannte Redundanzen. Sicherheitsrelevante Systeme, wie etwa für die Kühlung, seien mehrfach vorhanden. Eine räumlich separierte Notsteuerstelle ermögliche es, auch nach einem Unfall oder Absturz die Anlage zu kontrollieren.

Anflug

GKN liegt geschützt in einem ehemaligen Steinbruch. Haben Selbstmordpiloten also überhaupt die Möglichkeit, die Kuppeln zu treffen? Die ILK schreibt dazu: "Ein gezielter Anflug des Reaktorgebäudes von Neckarwestheim II durch Terroristen ist möglich. Dies gilt auch für alle anderen Kernkraftwerke."

Mit Blick auf die geplanten Laufzeitverlängerungen ist häufig von Nachrüstungen die Rede. Der Gutachter der ILK ist da sehr skeptisch: Eine bauliche Ertüchtigung dieser Reaktorgebäude sei aus technischen und wirtschaftlichen Gründen nicht machbar beziehungsweise nicht sinnvoll. Die baden-württembergische CDU-Umweltministerin Tanja Gönner setzt deshalb auf Vernebelungsanlagen, die Piloten die Sicht nehmen sollen. Aktueller Stand laut Pressestelle: Dazu erforderliche "betriebliche Anpassungen stehen vor der Zustimmung durch das Umweltministerium".

Kritik an Steuertechnik und Geologie

Wolfram Scheffbuch ist Vorsitzender des Bunds der Bürgerinitiativen Mittlerer Neckar. Dessen Mitglieder kämpfen seit Jahren gegen das GKN. Er verweist neben der Terrorgefahr auf die Tatsache, dass GKN I nur drei Hauptkühlkreisläufe habe. „Und so etwas ist auch nicht nachrüstbar.“ Nach Ansicht Schefbuchs ist der ältere Meiler nicht auf dem neuesten Stand in Sachen Erdbebensicherheit. Außerdem müsse sei auf dem Gelände mit Bodenabsackungen zu rechnen.

Eine aktuelle Studie des BUND geht ebenfalls auf die geologischen Gefahren ein. Im Untergrund des GKN befinden nach Angaben des Landesumweltministeriums tatsächlich Gips-Anhydrit-Schichten, die im Bereich der sicherheitsrelevanten Gebäude durch angrenzende wasserundurchlässige Schichten aber weitgehend gegen Auslaugung geschützt seien. Messungen zeigten für diese Bereiche keine geologische Gefahr. Eine Ausnahme stellten die Verhältnisse unter dem etwas abseits liegenden Kühlturm dar. Dort komme es durch Auslaugungen zu Setzungen am Kühlturm. Dieser sei allerdings für die nukleare Sicherheit nicht von Belang.
Einer Meldung des Magazins „Der Spiegel“ zufolge haben jetzt Aufsichtsbehörden mehrerer europäischer Länder eine bestimmte Steuerungstechnik für Kernkraftwerke kritisiert, da Sicherheits- und Betriebssoftware zu eng miteinander vernetzt sind. GKN-Betreiber EnBW und Umweltministerium bestätigen, dass in beiden Blöcken Varianten des betroffenen Systems, nämlich Teleperm XS zum Einsatz kommt. „Es wird aber nicht im Bereich des sicherheitstechnisch wichtigen Reaktorschutzes eingesetzt“, erklärt das Ministerium.

Im Jahr 2000 blockierten laut „Spiegel“ in Neckarwestheim durch einen Fehler in Teleperm die Steuerstäbe. Die EnBW erklärt dazu: „Die Ursache für diese Störung war nicht das digitale Leittechniksystem als solches, sondern das Handling von Teleperm XS bei einem Instandhaltungsvorgang außerhalb des Systems. Um dies künftig auszuschließen, seien technische und organisatorische Maßnahmen umgesetzt worden.