60.000 bilden Menschenkette gegen Atomkraft

Neckarwestheim/Stuttgart - Zehntausende Atomkraftgegner haben am Samstag mit einer Menschenkette von Stuttgart nach Neckarwestheim für den sofortigen Ausstieg aus der Atomenergie demonstriert. Auf einer Strecke von rund 45 Kilometern zählten die Veranstalter rund 60.000 Teilnehmer.

Von Sara Furtwängler


Neckarwestheim/Stuttgart - Es ist ein sonniger Tag, als sich Atomkraftgegner aus der Bundesrepublik vor dem Gemeinschaftskernkraftwerk (GKN) in Neckarwestheim versammeln, um von dort bis nach Stuttgart eine Menschenkette zu bilden. Es werden 60 00 sein, die an diesem Nachmittag friedlich Hand in Hand auf einer Strecke von 45 Kilometern gegen Atomkraft und für ein Abschalten des Altmeilers GKN I demonstrieren. Überall ertönt Musik. Jung und Alt haben sich mit gelben Anti-Atomkraft-Bannern ausgestattet, die Kleinen halten grüne Luftballons. An Versorgungsständen werden Saft und Brezeln ausgegeben. Fast hat es etwas von einem Volksfest. Und doch liegt ein Schatten über dem Massenprotest. Zu präsent sind die alarmierenden Bilder, die Stunde für Stunde von der Atomkatastrophe aus Japan kommen.

Überschattet

„Natürlich steht die Aktion nun unter einem anderen Vorzeichen“, sagt Pfarrer Ulrich Koring von der Bürgerinitiative Neckarwestheim. Er ist einer der Redner, die am Nachmittag auf dem Stuttgarter Schlossplatz bei der Kundgebung sprechen. „Was als selbstbewusste Aktion geplant war, ist überschattet von Sorge und Trauer um die Opfer in Japan“, sagt er.



Die Geschehnisse dort zeigten „in erschreckender Weise, wie dringend es ist, dass eine andere Energiepolitik Einzug hält“, sagt BUND- Landesgeschäftsführer Berthold Frieß. „Bei der Kundgebung auf dem Schlossplatz wird eine Schweigeminute abgehalten.“ Eigentlich wollte man als Symbol für ein Ende der Atompolitik die Luft aus einem aufblasbaren Kernkraftwerk ablassen. Darauf wird nun verzichtet. Jenny Rehberger aus Bietigheim erklärt wie viele andere Teilnehmer: „Jetzt erst recht.“ Nun habe sich doch gezeigt, wie wichtig die Proteste gegen eine letztlich unbeherrschbare Technik seien.

Gegen 13 Uhr beginnen sich die Menschen entlang der Straße zwischen Neckarwestheim und Kirchheim zu verteilen, zeitgleich mit vielen Tausend anderen auf der Strecke bis zur Villa Reitzenstein in Stuttgart. Streckenposten koordinieren. Es läuft wie am Schnürchen. Mit Bussen und Sonderzügen waren die Atomkraftgegner an die verschiedenen Streckenabschnitte gebracht worden. Um 13.30 Uhr ist es dann soweit: Die Kette schließt sich, eine halbe Stunde lang.

Für die Enkel

Die allerersten in der insgesamt 45 Kilometer langen Schlange direkt vor dem GKN sind Klaus Dörr aus Mulfingen und seine Tochter. „Wir kamen ganz knapp, und haben uns deshalb hier nach vorne gestellt“, sagt er. Als sie die Bilder von der Explosion am Kraftwerk in Japan gesehen habe, stand für sie fest, dass sie hier dabei sein wollte, sagt die 26-Jährige neben ihm. „Weil ich fünf Enkelkinder habe und will, dass sie in einer lebenswerten Welt leben können“, reiht sich der Rentner Egon Heitz aus Eppingen ein in die Menschenkette. Um 14 Uhr kommt die Erfolgsmeldung der Streckenposten: 60 000 waren an der Aktion beteiligt.



Viele kommen aus der Region, aber auch aus allen Teilen der Republik. Einer neben dem anderen strahlen sie in die Kameras. Jytte Schlamann-Metzker aus Neudenau hat ihre zwei Ziegen dabei. „Die sind ja auch nicht strahlungsresistent.“ „Schön zu sehen, dass man mit seiner Einstellung nicht alleine ist“, findet der Offenburger Andreas Spraul am Bahnhof Kirchheim. Die Horkheimerin Heiderose Aude freut sich: „Klasse, dass so viele Menschen von überall her da sind“. Die Katastrophe im technologisch hoch entwickelten Japan hätte gezeigt, „dass es immer überraschende Faktoren geben kann“, sagt Greenpeace-Sprecher Jan Haase aus Hamburg.





 


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