Vom Umgang mit der Angst bei der Bürger-Uni Heilbronn

Heilbronn  Professor Gerd Gigerenzer klärt die Besucher in der Aula des Bildungs-Campus Heilbronn darüber auf, warum sich die Menschen vor Dingen fürchten, von denen sie mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht betroffen sein werden.

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Angst ist etwas Irrationales. Doch man kann lernen, mit Ungewissheit vernünftig statt ängstlich umzugehen. Foto: dpa

Wie immer bei der Bürger-Uni ist die Aula des Bildungs-Campus Heilbronn bis auf den letzten Platz besetzt. Kein Wunder, verpflichten doch GGS Heilbronn, Dieter-Schwarz-Stiftung, das Medienunternehmen Heilbronner Stimme - und ganz neu als Viertem im Bunde - die TU München namhafte Referenten. Diesmal ist es Professor Dr. Gerd Gigerenzer, der über die Frage "Warum wir uns fürchten und was wir dagegen tun können?" doziert.

Angst - so viel vorweg - ist weder jung noch alt, weder männlich noch weiblich. Sie befällt Menschen jeden Alters und jeder Gesellschaftsschicht. Für Gigerenzer basiert sie auf einem Mangel an Wissen und gezielt eingesetzter Halbinformationen. Dessen ist sich der Wissenschaftler sicher, schließlich hat er zum Thema etliche internationale Studien durchgeführt.

Von relativen und absoluten Zahlen

Die Deutschen - so führt Stimme-Redakteur Tobias Wieland mit den Ergebnissen einer bundesweiten Angst-Studie in die Vorlesung der Bürger-Uni ein - fürchten sich vor einer unsicheren Rente, der digitalen Entwicklung, vor Jobverlust, Fremden und Umweltverschmutzung. Das beweist für Gerd Gigerenzer einmal mehr: Die meisten Ängste "sind gesteuert und entstehen durch Zahlenblindheit. Denn der ängstliche Bürger ist der ideale Bürger."

So benennt er etwa die britische Kampagne "Kiss of Death", in der Frauen vor der Pille der dritten Generation gewarnt wurden, die "ein um 100 Prozent erhöhtes Risiko an Thrombose zu erkranken darstelle". Die Studie war: "Bei der Pille der zweiten Generation hatte es unter 7000 Frauen einen Todesfall gegeben. Bei der Pille der dritten Generation waren es zwei - ergibt in relativen Zahlen 100 Prozent."

 

 

Mit verdrehten Zahlen lassen sich emotionale Ängste schüren

Auch für Deutschland hat der 72-Jährige ein Beispiel parat: "Vor einiger Zeit hat Focus online geschrieben, dass in diesem Jahr die Zahl der tödlichen Hai-Attacken um 100 Prozent gestiegen ist. Das stimmt. In absoluten Zahlen stellt es sich aber wie folgt dar: 2018 wurden sechs Menschen durch Hai-Angriffe getötet. 2019 waren es in der Tat zwölf."

Für ihn ein gutes Beispiel dafür, was Zahlenblindheit mit uns macht, denn mit verdrehten Zahlen ließen sich gut emotionale Ängste schüren. "Warum fürchten wir uns vor etwas, was uns wahrscheinlich nicht umbringt", fragt Gigerenzer sein Publikum und erklärt auch gleich, was dagegen hilft: "Fakten checken, Fragen stellen und Verantwortung für sich übernehmen. So erwirbt man Risikokompetenz."

Faktenbox und Algorhithmencheck

Und die brauche es zunehmend auch für die digitale Welt, einer Welt voller Algorhithmen, die es zu durchschauen gelte. "Digitales an sich ist wichtig, aber wir müssen mitdenken und die Kontrolle behalten." Sein Beispiel: Es gibt die Werbung, nach der sich bei der Online-Partnersuche alle elf Minuten ein Single verliebt.

"Das klingt doch gut. Ich zahle den Mitgliedsbeitrag und nach elf Minuten - zack." 50.000 Paare mache das Institut nach eigenen Angaben pro Jahr glücklich. "Geht man von der Mitgliederzahl aus, ist das eine Erfolgsquote von etwa fünf Prozent. Da können Sie sich ausrechnen, wie lange Sie warten müssen, bis es klappt. Also - denken Sie mit", appelliert Gigerenzer an sein aufmerksam lauschendes Auditorium.

Themen in den Medien können das Bild verfälschen

Er spricht über China und dessen staatliche Überwachung, die sich in einem Sozial-Kreditsystem widerspiegele, bei dem Wohlverhalten belohnt werde, über den gläsernen Bürger frei nach dem Motto "ich hab ja nix zu verbergen" bei uns, über landesspezifische Ängste ("Warum gibt es in deutschen Flugzeugen keine Reihe 13? Weil die im Ernstfall extra abstürzt oder was?") und darüber, dass ganze Nationen in Schockangst fallen. Die dann auftrete, wenn bei einem Ereignis gleich mehrere Menschen zu Tode kommen.

So fürchteten sich 55 Prozent der Deutschen vor Terrorismus. "Die Chance, dadurch zu sterben, liegt bei gerade mal einem Prozent", zeigt Gigerenzer die belegten Fakten auf, und fügt hinzu: "Terrorismus und Mord, das ist ein großes Thema in den Medien. Und das verfälscht das Bild total." So ist es bei uns, und so sei es in den USA, wo Gigerenzer lange lebte. "Auch dort ist es in absoluten Zahlen viel wahrscheinlicher, dass Sie von einem Kleinkind erschossen werden, dem zufällig die Waffe seines Vaters in die Hand gefallen ist", betont er.

Im Leben gibt es kein Null-Risiko

Professor Dr. Gigerenzer ist sich sicher: Wer Dinge hinterfragt, nachdenkt und sich mit Fakten beschäftigt, der hat am Ende weniger Angst. Foto: Andreas Veigel

Führungskräfte, die Angst davor haben, Verantwortung zu übernehmen

Sein Lieblingsthema jedoch ist die Angst vor Entscheidungen. "Es gibt immer mehr Führungskräfte, die keine Verantwortung übernehmen wollen. Das beunruhigt mich sehr." Das sei ein Phänomen, das sich bis in Dax-notierte Großunternehmen ziehe. "Da wird dann eine Bauchentscheidung getroffen. Danach werden Mitarbeiter - oder noch schlimmer Beratungsfirmen - beauftragt, Fakten zu suchen, um diese Entscheidung im Nachhinein zu legitimieren."

Noch schimmer sei es, wenn "defensiv" entschieden werde. Damit meint Gigerenzer: Es gibt für die Firma immer eine beste Lösung. Man entscheidet sich aber für die, bei der man am Ende nicht persönlich geradestehen muss. Die, bei der man sich selbst aus der Schusslinie nehmen kann."

Gigerenzers Tipp: Nachdenken und Dinge kritisch hinterfragen

Was übrigens auch für Ärzte gelte. "Die glauben den Hochglanzbroschüren der Pharmaindustrie und raten Ihnen - oft auch aus der Unwissenheit heraus - zu etwas, das sie aus der Verantwortung nimmt, aber nicht zu dem, was sie selbst machen würden." Auch sie misstrauten ihren Bauchentscheidungen und sicherten sich lieber ab. So verlangsamt man Innovation." Deshalb plädiert der Wissenschaftler dafür, die Dinge zu vereinfachen, zu hinterfragen und zu verstehen. Und er wünscht sich ein Schulfach "Risikokompetenz. Wer nachdenkt, kritisch hinterfragt und Entscheidungen trifft, der wird frei, auch frei von Angst und begreift: Im Leben gibt es kein Null-Risiko."

 

 

Kuebelwirth

Ulrike Kübelwirth

Autorin

Ulrike Kübelwirth volontierte 1980 bei der Heilbronner Stimme. Bis 1986 war sie Redakteurin in der Landkreisredaktion. Danach leitete sie bis 1992 die Nachrichtenredaktion bei Radio Regional. Vier Jahre in der Politikredaktion schlossen sich an, bevor sie 1996 in die Redaktion Sonderveröffentlichungen (Leben und Freizeit) wechselte, wo sie heute unter anderem für das Thema Garten zuständig ist.

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