Sven Plöger zum Klimawandel: Jeder kann etwas tun

Heilbronn  Der Meteorologe und Wettermoderator Sven Plöger hat bei der Bürger-Uni in Heilbronn über den Klimawandel gesprochen. Eine Folge der globalen Erwärmung: Es dürften mehr Unwetter mit Starkregen wüten - auch in der Region.

Von Andreas Tschürtz
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Einen Überblick verschafft man sich am besten von weit oben. Beim Thema Klimawandel bietet sich hierfür in diesen Tagen das Weltall an. Dabei sieht Astronaut Alexander Gerst in 400 Kilometern Höhe noch nicht die ganze Erde als Kugel im All, so wie wir den Mond. Ulf Merbold tat das − vom Space-Shuttle aus. Von ihm ist überliefert, das Beeindruckendste für ihn sei gewesen zu sehen, wie hauchdünn die Atmosphäre ist, jene Lufthülle, die unseren kleinen verletzlichen Heimatplaneten vor der riesigen Schwärze im All schützt und Leben ermöglicht.
 


Sie ist dünner als die Schale im Verhältnis zum Apfel. Doch der Mensch handelt, als habe er ein endloses Luftmeer über sich und verändert mit zunehmendem Tempo die Zusammensetzung des Gasgemischs. Mit der Folge, dass sich das Klima wandelt und die Erde sich erwärmt. "Die Wissenschaft sagt heute, etwa 50 bis 70 Prozent der Veränderungen, die wir erleben, sind vom Menschen gemacht", erklärt jedenfalls am Donnerstag Meteorologe und Wettermoderator Sven Plöger vor mehr als 500 Zuhörern in der vollbesetzten Aula des Bildungscampus' Heilbronn in seinem Vortrag bei der Bürger-Uni.

"Um das Zwei-Grad-Ziel bei der Erderwärmung zu erreichen, darf die Menschheit noch 720 Milliarden Tonnen CO2 freisetzen. Derzeit sind es 36 Milliarden Tonnen im Jahr. Wir haben also noch 20 Jahre Zeit." Man könne auch sagen: "Es ist fünf vor zwölf." Plöger ist Optimist.

Unterscheidung von Klima und Wetter

Wohl auch darum wird trotz dieser nicht leicht zu verdauenden Botschaft der Abend kein Levitenlesen durch den Wettermann. Und der Experte zeigt große Freude daran, den Feierabend-Kommilitonen mal auf kölsch, mal auf schwizerdütsch und immer mit viel Humor das komplexe Phänomen Klimawandel unterhaltsam nahezubringen. "Man kann sich ja auch einem ernsten Thema humorvoll nähern."

Zu diesem Annähern gehört dann auch die Unterscheidung zwischen Wetter und Klima. Das erste beschreibt den täglich wechselnden Zustand der Atmosphäre, "also Temperatur, Wind, Niederschlag, Luftfeuchtigkeit und anderes mehr. Wir können es fühlen", erklärt Plöger. Das Klima dagegen nehme man nicht emotional wahr. "Das ist Statistik." Genauer gesagt ist es das durchschnittliche Wetter einschließlich seiner Extremwerte über einen längeren Zeitraum an einem bestimmten Ort. "Wenn Sie also das Wetter von Heilbronn über 30 Jahre mitteln, dann haben Sie das Klima von Heilbronn."

Es wird wärmer auf dem Planeten

Die Arktis ist besonders von einer Erwärmung betroffen. Foto: dpa

Starkregenereignisse wie 2016 im hohenlohischen Braunsbach oder Hitzerekorde wie diesen April sind daher zunächst einmal Wetterphänomene und kein Beleg für den Klimawandel. "Wenn man aber betrachtet, dass es seit der letzten Eiszeit vor rund 11.000 Jahren um vier bis 4,5 Grad Celsius wärmer geworden ist, allein in den letzten 100 Jahren aber um 0,8 Grad und für die nächsten 100 Jahre zwei bis vier Grad erwartet werden, dann sehen wir, dass was im Gange ist und der Prozess sich beschleunigt." Langjährige Vergleiche machen das deutlich.

So zeigt Plöger Bilder vom arktischen Meereis von 1979 und 2012: Beim neueren Bild fehlt die zehnfache Fläche Deutschlands. Und das hat Folgen, die den Klimawandel verstärken. "Weil durch die geringere Eisfläche weniger Sonnenenergie ins Weltall zurückgestrahlt wird, verändert sich die Energiebilanz dieses Planeten." So erwärmen sich die Ozeane. Und das Mehr an Energie im System verändert die Luftströme. Auch die wichtigen Jetstreams, Starkwinde, die in acht bis zwölf Kilometern Höhe für den Austausch von Warm- und Kaltluftmassen auf dem Globus sorgen, sind betroffen.

"Wir merken das durch anhaltende Hitze- oder Schlechtwetterlagen mit Dürre oder Hochwasser", sagt Plöger und prognostiziert, das werde es häufiger geben. Und insofern ist Braunsbach doch auch ein Phänomen des Klimawandels. Aber was tun?

Handeln wäre dringend nötig

Zunächst mal dürfte jeder Mensch, um das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen, nur zwei Tonnen CO2 pro Jahr verantworten. In Deutschland sind es aber 8,9 Tonnen, in den USA 16,2. China kommt auf 6,6 Tonnen, wobei davon vieles auf Konten der westlichen Industrieländer geht, die dort produzieren. "Wir verbrauchen heute die Ressourcen von 1,6 Erden. Es gibt aber nur eine. Wir sind also nicht nachhaltig. Punkt." Ein Umdenken sei aber schwer.

So fragt Plöger, ob die persönliche Energiebilanz wirklich aufgehe, wenn auf dem Hausdach zwar eine Photovoltaikanlage installiert ist, im Urlaub aber nach Gran Canaria geflogen wird. Und dabei fasst sich der Gleitschirmflieger, Taucher, Skifahrer und Weltenbummler durchaus an die eigene Nase. "Wir haben es uns in unseren Leben bequem eingerichtet. Die Klimafrage erfordert aber von uns Konsequenzen."

Mit gutem Beispiel vorangehen

Wohl auch deshalb hätten Klimaleugner wie Trump leichtes Spiel: Sie bieten aus Sicht des Meteorologen einfache Erklärungen für einen komplizierten Sachverhalt − so wie alle Populisten. Hinzu komme, dass die Folgen des Klimawandels vor allem die armen Länder treffen, nicht die Verursacher. Insofern ist nicht nur Trump ein Klimaleugner, sondern wir alle, die wir uns wider besseres Wissen wie Pauschaltouristen im All-inclusive-Urlaub auf Planet Erde verhalten.

Über den Tellerrand hinausschauen und selbst konsequent vorausgehen, lautet deshalb Plögers Appell an die Zuhörer. "Der globale Erfolg ist das, was man lokal tut. Es kommt auf jeden einzelnen an. Wenn wir Deutschen eine gute Energiewende hinlegen und die Chinesen sie nachmachen − und nachmachen können die Chinesen − dann haben auch wir Deutschen ein Stück weit die Welt gerettet."


Das ist die Bürger-Uni
 
Dreimal jährlich bietet das Kooperationsprojekt von Dieter-Schwarz-Stiftung, German Graduate School of Management und Law (GGS) und Medienunternehmen Heilbronner Stimme kostenlos unterhaltsame Einblicke in wissenschaftliche Erkenntnisse. Die nächste Bürger-Uni findet am 29. November statt. Dr. Rebekka Reinhard widmet sich dem Thema „Ja oder nein?: Die Kunst der Entscheidung in Zeiten der Multioptionalität“. Die Anmeldung ist rund vier Wochen vorher auf www.stimme.de/buerger-uni möglich. 

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